Report München


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Wohnung gegen Sex Brutale Auswüchse auf dem Wohnungsmarkt

Der Umzug in die Großstadt steht an, das Inserat ist geschrieben und die ersten Angebote sehen vielversprechend aus. Doch immer wieder verwandelt sich die Wohnungssuche in Horror: Sex als Gegenleistung, Belästigung am Handy.

Von: Verena Schälter

Stand: 18.11.2019

Eine Vorstadt von München. Hier treffen wir gleich Lisa und ihre Mutter Mandy. Die beiden haben uns kontaktiert, weil sie erzählen wollen, was sie bei der Wohnungssuche erlebt haben.

Die 16-jährige Lisa wohnt noch zuhause bei den Eltern und den zwei kleinen Geschwistern. Doch bald muss sie ausziehen, weil sie woanders eine Ausbildung beginnt. Lisa stellt ein Wohnungsgesuch ins Internet und bekommt viele Antworten – allerdings andere, als sie gehofft hatte:

Chat

 "Hi, meld dich doch mal. Vielleicht hab ich was für dich."

"Hey! Was hast du denn für mich?"

"Biete dir eine 80 Quadratmeter 3-Zimmer Wohnung gegen Gegenleistung."

"Was heißt Gegenleistung?"

"Würde dich gerne zweimal im Monat für paar schöne Stunden treffen wollen. Dafür wohnst Du umsonst."

"Ich habe geschrieben dass ich erstens minderjährig bin, zweitens kein Interesse an sowas habe. Dann hat er mich komplett ignoriert. Da kam nichts mehr."

Lisa

Angebliche Vermieter gehen noch viel weiter

Die Wohnungssuche wird ihr zu viel. Jetzt übernimmt Lisas Mutter Mandy. Auch sie stellt ein Gesuch online.

"Hätte ich geahnt, was da auf mich zukommt, hätte ich gesagt: Lass uns in Ruhe! Aber das hat man am Anfang einfach nicht gesehen. Absolut nicht."

Mandy

Sie wird erleben, dass manche vermeintliche Vermieter noch viel weitergehen ...

Ist das, was Lisa erlebt hat, ein extremer Einzelfall? Wir setzen unter falschem Namen selbst ein Gesuch ins Internet. Nach nur einer halben Stunden bekommen wir erste Antworten – so wie diese hier:

Chat

"Ich bin Hobbyfotograf und suche gern neue Gesichter. Könnte man das denn miteinander verbinden? Mit der Miete oder so verrechnen?"

"Das heißt, du würdest Fotos von mir machen und dafür ist die Miete günstig?"

"Günstig oder eben ohne Miete."

"Ok, könnte ich mir die Wohnung denn mal anschauen?"

"Natürlich ist das möglich. Ich meinte mit den Fotos aber auch ganz locker in Wäsche und Dessous, ok?!"

Viele Zuschriften fordern Nacktfotos oder Sex

Von 43 Zuschriften waren gerade einmal 15 ernsthafte Antworten auf das Wohnungsgesuch. Viele User waren auf andere Dinge aus – wie Nacktfotos oder Sex. Aber wer steckt hinter diesen Nachrichten? Wir verabreden uns mit zweien.

Zurück zu Lisa und ihrer Mutter Mandy: Sie hat die Wohnungssuche für ihre Tochter übernommen. Und wird von einer Frau angeschrieben.

"Sie hat erklärt, dass der Mann sich von ihr getrennt hat und sie alleine im großen Haus wohnt – und sich ein bisschen Nebenverdienst als Miete sozusagen, das klingt gut."

Mandy

Mandy stellt den Kontakt zu ihrer Tochter her. Lisa und die angebliche Vermieterin schreiben sich. Irgendwann will die einen „Test“ mit Lisa machen – sie stellt ihr Fragen und baut Druck auf:

Dialog mit angeblicher Vermieterin

"Deine Offenheit wird auch getestet. Es wäre von Vorteil alles zu machen. So weiß ich, wie du bist. Und immer ehrlich sein!"

"Da bin ich zum ersten Mal stutzig geworden. Also, ich bin immer ehrlich – das war komisch…"

Ab jetzt werden die Fragen immer intimer:

"Was trägst du denn so alles für Klamotten?"
"Wie groß ist deine Oberweite?"
"Bist du rasiert?"
"Machst du es dir oft selbst?"          
"Benutzt du Sexspielzeug?"

Als die angebliche Vermieterin ein Foto von ihr in Unterwäsche fordert, bricht Lisa den Kontakt ab. Doch die Person lässt nicht locker. Erst jetzt erzählt Lisa ihrer Mutter von dem Chat.

"Und dann hab ich gesagt, jetzt ist Schluss, jetzt ist aus. Und wenn sie weitermacht, dass wir sie anzeigen werden."

Mandy

report München: "Wie geht‘s Ihnen da damit?"

"Gar nicht gut - sieht man glaube ich auch. Heute noch nicht, weil ich diese Verbindung hergestellt hab."

Mandy

Ob es die Wohnungen wirklich gibt, ist fraglich

Auch wir haben ein Wohnungsgesuch online gestellt – und viele unangenehme Nachrichten bekommen.

Mit zweien der angeblichen Vermieter wollen wir uns treffen. Doch der eine meldet sich nicht mehr, als wir nach der konkreten Adresse fragen. Dafür schreibt der andere:

"Ist es für Dich ok, bei Sympathie und wenn Dir das Zimmer zusagt, Dich spontan auszuziehen und dass wir heiße Fotos machen?"

"Und ich hoffe, dass ich mich vor Dir nicht schämen muss, wenn mich Dein Anblick dann erregt, oder mir es kommt oder so?"

Dann: Wenige Stunden vor dem geplanten Treffen sagt auch er ab. Er müsse kurzfristig auf Dienstreise. Auch er hat keine konkrete Adresse angegeben.

Ob diese angeblichen Vermieter überhaupt eine Wohnung zu vergeben haben, bleibt fraglich. Viele scheinen über diese Chats vor allem ihre Macht- und Lustfantasien auszuleben.

Wir zeigen unsere Recherchen dem Rechtsanwalt Alexander Stevens. Er ist spezialisiert auf Sexualdelikte und geht davon aus, dass solche Deals tatsächlich immer wieder vorkommen. Rechtlich gilt das als Prostitution - und die ist illegal, wenn die potenzielle Mieterin minderjährig ist, so wie Lisa.

"Das ist nämlich sexueller Missbrauch von Jugendlichen. Das heißt, selbst wenn der oder die Jugendliche über 16 ist, 17, auf jeden Fall unter 18 Jahren alt ist, darf man kein Geld anbieten. Das ist strafbar. Und zwar nicht für den Jugendlichen der es annimmt, sondern für den, der es anbietet."

Alexander Stevens, Rechtsanwalt

Mandy und Lisa wollen dennoch keine Anzeige erstatten. Sie möchten mit der Sache abschließen. Immerhin: Am Ende hatten sie doch noch Glück – kurz vor Beginn der Ausbildung hat Lisa endlich ein Zimmer gefunden.

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