Report München


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Tiere als Ersatzteillager Deutschlands Vorreiterrolle in Sachen Gentechnik

Fortschritte in der Gentechnik eröffnen Biomedizinern neue Welten. An der Münchner LMU haben Forscher nun Schweineherzen so verändert, dass sie zum Menschen passen. Paviane haben bereits solche Herzen erhalten und lebten damit teilweise monatelang. Eine weltweite Sensation. Schon bald wollen die Forscher die Herzen auch in Menschen transplantieren. Aber es regt sich Kritik. Sollen genmanipulierte Tiere künftig als Ersatzteillager gezüchtet werden?

Von: Fabian Mader

Stand: 18.11.2019

Oberbayern: Scheinbar ein normaler Bauernhof. Ein Idyll wie aus einer Vorabendserie. Nichts deutet auf genetische Experimente hin. Aber Eckart Wolf und sein Team haben diese Schweine geklont und ihre Gene manipuliert. Deren Herzen sollen sich bald Menschen verpflanzen lassen und Patienten retten.

"Das hat überhaupt nichts mit Gott spielen zu tun, sondern es hat was zu tun mit der vernünftigen Nutzung von Tieren."

Prof. Eckart Wolf, Genforscher

Vor allem geht es um Menschen wie Andreas Mittermeier, 28, Fotograph. Momentan bleiben ihm als Objekte nur die Pfleger auf der Herzstation des Münchner Uniklinikums. Andreas braucht ein Spenderherz, sein eigenes funktioniert nicht mehr. Für einige Monate hilft ihm dieses Kunstherz weiter. Aber damit sitzt er im Krankenhaus fest.

"Ich will noch nicht Ciao sagen. Noch nicht vor den nächsten 30 Jahren zumindest. Oder noch länger, wenn es geht."

Andreas Mittermeier, Herzpatient

Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, die auf ein Spenderorgan warten

Andreas ist ein Kämpfer. Sein Leben auf der Station hat er selbst verfilmt. Der Film heißt: My way out! Der Film hat noch kein Happy End – das gibt es erst, wenn er ein Spenderherz bekommen würde. Aber das kann dauern – Jeden Tag sterben in Deutschland drei Menschen, während sie auf ein Herz oder ein anderes Organ warten.

"Es gibt sehr, sehr viele Patienten auf der Warteliste. Die Wartezeiten sind bis zu Jahren. Und es werden viel mehr Organe benötigt, als quasi Spenderorgane da sind. Es ist ein Riesenproblem."

Dr. Christoph Müller, Klinikum der Universität München

Solche Todesfälle will Professor Wolf überflüssig machen – Mit Spenderherzen von geklonten Schweinen.

"Es geht absolut um das Leben von Menschen, und die Transplantation würde sicher nur verwendet werden für Patienten, für die es keine andere Möglichkeit mehr gibt zum Überleben. Das sind bedauerlicher Weise relativ viele Patienten."

Prof. Eckart Wolf, Genforscher

Bisher war eine solche Transplantation undenkbar. Für das Immunsystem ist das Schweineherz ein Fremdkörper. Wolf hat mit seinem Team daher einen Trick angewandt. Die Forscher haben die DNA der Schweine verändert, damit die Herzen zum menschlichen Körper passen. Die DNA ist eine Art Code des Lebens. Diesen Code haben die Genforscher umgeschrieben.

"Wir mussten ein Gen tatsächlich inaktiv machen, dass eben ein bestimmtes Gen nicht mehr funktioniert. Und dann haben wir zwei menschliche Gerne tatsächlich einfügt in die DNA der Schweine."

Prof. Eckart Wolf, Genforscher

Paviane haben überlebt - mit Schweineherzen

Seit Kurzem arbeitet das Team mit einer neuen Genschere. Mit ihr lassen sich Gene besonders einfach herausschneiden und ersetzen. Das würde theoretisch auch im menschlichen Embryo funktionieren. Stichwort Designerbaby – deshalb ist die Methode so hochumstritten.

Wolf arbeitet mit einem legendären Chirurgen zusammen. Professor Reichart hat 1983 die erste Herz-Lungen-Transplantation in Deutschland geschafft. Jetzt, mit 76 Jahren, ist ihm erneut ein Durchbruch gelungen.

Vor wenigen Monaten hat er Pavianen die genveränderten Schweineherzen eingesetzt. Zwei Tiere haben mehr als ein halbes Jahr überlebt. Eine weitweite Sensation.

"Das geht dann alles ruck zuck – das Herz fängt an zu schlagen, sofort natürlich. Es funktioniert, es funktioniert 100 Prozent. Die Tiere sind ganz normal, ja. Die Herzen schlagen ganz normal."

Prof. Bruno Reichart, Herzchirurg am Klinikum der Universität München

Erstes Schweineherz für Menschen in drei Jahren geplant

Reichart will schon in drei Jahren das erste Schweineherz einem Menschen einsetzen. Noch ist er Forschern in den USA und China um zwei Jahre voraus. Aber dort fließen jetzt viele Millionen in die Forschung.

"Ich habe mehrere Emails bekommen, ich soll nach China kommen. Da gibt es keine Probleme. Die werden mich unterstützen, wie es nur geht, dass man das macht. Ich möchte es in Deutschland machen."

Prof. Bruno Reichart, Herzchirurg am Klinikum der Universität München

Gentechnik ist in Deutschland aber umstritten – erst recht wenn es um das Erbgut von Lebewesen geht. Deshalb ist hierzulande noch lange nicht entschieden: Dürfen die Forscher die Möglichkeiten nutzen, die sie haben?

Kritik von Tierschützern

Kritik kommt vor allem von Tierschützern wie „Ärzte gegen Tierversuche“. Schweine für menschliche Zwecke zu klonen – das gehe gar nicht.

"Sie werden als Ersatzteillager missbraucht. Was ist denn das? Das Ende dieser Schweine ist, dass sie getötet werden, um im Endeffekt für eine fragwürdige Wissenschaft Organe zur Verfügung zu stellen."

Dr. Gaby Neumann, Ärzte gegen Tierversuche e.V.

"Vielleicht wissen Sie, dass in Deutschland pro Jahr 50 Millionen Schweine geschlachtet werden für die Lebensmittelgewinnung – Wir sprechen hier von sehr viel kleineren Tierzahlen, das sind ein paar Dutzend Schweine vielleicht pro Jahr."

Prof. Eckart Wolf, Genforscher

"Selbst wenn es gerechtfertigt wäre - ist immer die Frage, darf man alles machen, was möglich ist? Weil - man muss doch auch den Wert der Tiere noch sehen."

Dr. Gaby Neumann, Ärzte gegen Tierversuche e.V.

"Wir machen das, weil es aus meiner Sicht die Möglichkeit bietet, tatsächlich Menschenleben zu retten. Die einstige Belastung, die auftritt, ist, wenn das Organ entnommen wird, dafür wird das Tier in tiefe Narkose gelegt und es stirbt letztlich bei der Organentnahme. Das heißt: Es werden keine Schmerzen oder Leiden zugefügt."

Prof. Eckart Wolf, Genforscher

Dr. Neumann hält es auch medizinisch für ausgeschlossen, dass die Transplantationen funktionieren. Allerdings sind internationale Experten überzeugt: Den Münchner Forschern ist ein entscheidender Durchbruch gelungen.

Für Andreas Mittermeier geht es bei der Debatte auch um Patienten wie ihn. Wenn es die Möglichkeit schon gäbe, ein Schweineherz zu bekommen – er hätte es gern.

"Kritiker wird’s immer geben. Aber aus meiner Sicht: wenn es denn ein schnelleres Wieder-Weiterleben in dem gewohnten Standard zur Folge hat, hätte ich da jetzt kein Problem damit, mit diesem Umstand."

Andreas Mittermeier, Herzpatient

Die aktuelle Genforschung eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Wir müssen auch in Deutschland eine Debatte führen – um zu entscheiden, welche Anwendung wir wollen, und welche nicht.

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