Report München


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Konto gekündigt! Guthaben geschrumpft! Negative Zinsen belasten Sparer

Das Ersparte gehört dem Sparer. Das galt bisher. Doch zunehmend belasten Negativzinsen die Depots und knabbern Guthaben an. Banken und Sparkassen verweisen auf die Europäische Zentralbank. Die hat den Euro-Ländern seit 2014 die Negativzinsen verordnet. Die Institute wälzen den Verlust auf ihre Kunden ab. Hundertausenden Kunden flatterte deshalb die Kündigung von Sparverträgen ins Haus.

Von: Manuel Mehlhorn, Sabina Wolf

Stand: 18.11.2019


Sparguthaben sind in der Krise. Denn Negativzinsen beschneiden ihren Wert.

"Negativzins ist für uns der Super-Gau und stellt unser Finanzsystem ad absurdum."

Matthias Weik, Volkswirt

"Ich meine, ich bin Schwabe, ich meine, wir haben immer gerne gespart, aber es funktioniert nicht mehr."

Marc Friedrich, Volkswirt

"Es ist eigentlich ein ökonomischer Irrsinn."

Wolfgang Schirp, Rechtsanwalt

Darf die Europäische Zentralbank unser Geld entwerten?

"Die Europäische Zentralbank muss sich klarmachen, dass diese … Negativzinspolitik ein Eingriff ist in das Privateigentum des Bürgers."

Prof. Paul Kirchhof, Verfassungsrechtler Universität Heidelberg

Zigtausend Sparkassen-Kunden bekommen es zu spüren. Auch Wolfgang Specht. Er ist empört. Die Stadtsparkasse München kündigt vor kurzem seinen Spar-Vertrag. Wegen der Negativzinsen der Europäischen Zentralbank müsse die Sparkasse so handeln.

"Also ich mich schon geärgert. Das ist ganz klar. Denn man verbindet ja mit so einem Vertrag, den man vor Jahrzehnten geschlossen hat, ja auch eine gewisse Erwartung für die eigene Lebensplanung, für die eigene Zukunftsplanung."

Wolfgang Specht, Sparkassen-Kunde

Werbeversprechen gelten nicht mehr

Den Sparkassen werden Kunden wie Wolfgang Specht offenbar zu teuer. Die damaligen Werbeversprechen gelten nicht mehr. Der Sparvertrag, in den er jahrelang monatlich eingezahlt hat – weg vom Fenster. Zwar hat die Europäische Zentralbank, kurz EZB, mit Kunden wie Wolfgang Specht direkt nichts zu tun. Die EZB-Zinspolitik gilt für die Bankenwelt. Doch indirekt wirkt sie sich auf die Kunden aus! Der Fall Specht belegt es.

Und so ist der Mechanismus: Die EZB, genauer gesagt, ‚der EZB-Rat‘, diktiert der Bundesbank den so genannten Einlagezins. Die Bundesbank gibt ihn an Banken und Sparkassen weiter. 2014 hat der EZB-Rat den Einlagezins erstmalig unter Null gesenkt. Aktuell liegt er bei Minus 0,5 Prozent. Der Knackpunkt: Banken und Sparkassen sind verpflichtet, einen großen Teil ihrer Kundengelder bei der Bundesbank über Nacht zu parken. ‚Es geht um die Summe, die quasi sie im Überschuss, also z.B. nicht als Kredite vergeben haben oder ohnehin als Mindestreserve bei der Bundesbank halten müssen.‘ Die Bundesbank berechnet dazu den ‚vom EZB-Rat‘ festgesetzten Einlagezins. Weil der negativ ist, bekommen Banken und Sparkassen am nächsten Morgen weniger Geld zurück.

Deshalb fliegen Kunden aus ihren Verträgen raus. Und andere Kunden zahlen sogar schon negative Zinsen für ihre Bankguthaben. Sie bekommen weniger Geld zurück, als sie eingezahlt haben, manchmal schon ab dem ersten Euro auf dem Konto. Darf die EZB den Wert des Euro, über den Einlagezins indirekt beschneiden? Verfassungsrechtler Prof. Paul Kirchhof sieht das äußerst kritisch:

"Beim Geldeigentum steht im Mittelpunkt: Die Nutzung, der Ertrag, der Sparzins und das Verfügen: Er darf jederzeit sein Geld in die Güter eintauschen durch Kauf, die er gerne möchte. Das sind die beiden Rechtspositionen. Wenn jetzt eine Hoheitsgewalt – die Europäische Zentralbank hat Hoheitsgewalt, Währungshoheit – eingreift und dem Bürger dieses Recht nimmt, dann ist das Eigentum im Regelfall verletzt."

Prof. Paul Kirchhof, Verfassungsrechtler Universität Heidelberg

Guthaben werden plötzlich weniger

Die Auswirkung negativer Zinsen: Guthaben auf dem Konto werden plötzlich weniger. Deshalb: Riesenandrang auf der Edelmetall- und Rohstoff Messe vor ein paar Tagen in München. Die Menschen kaufen Gold und Silber. Sie sind verunsichert. Die renommierten Volkswirte Marc Friedrich und Matthias Weik wundert das nicht. Sie sehen die Finanzwelt vor einer Zeitenwende.

"Alles, was in den letzten 50, 60 Jahren funktioniert hat an Anlagen, funktioniert nicht mehr, ist jetzt eigentlich ad absurdum geführt worden. Und das ist ein historischer Vertrauensverlust, der natürlich die Gesellschaft in ihren Grundfesten erschüttert."

Marc Friedrich, Volkswirt

Termin bei der EZB. Wir treffen Tobias Linzert von der Abteilung Geldpolitik. Sieht man hier die Sorgen der Sparer? Frage: "Jetzt ist es ja so, dass manche Bürgerinnen und Bürger diesen einen Sparvertrag haben, der jetzt gekündigt wird. Dass ihr Geld weniger wird, weil sie mit Negativzinsen von ihrem Geschäftsinstitut belastet werden. Was sagen Sie diesen Leuten?“

"Also es ist ganz wichtig natürlich zu verstehen, dass die EZB Geldpolitik für die gesamte Eurozone macht. Und für alle Menschen in der Eurozone und deswegen müssen wir unsere Geldpolitik ebenso machen, dass wir denken, dass sie positiv auf die gesamte Wirtschaft wirkt und dass sie positiv auf die Preisentwicklung wirkt, sodass wir unser Ziel erreichen. Dass natürlich nicht alle im gleichen Maße von dieser Geldpolitik profitieren, ist auch klar."

Tobias Linzert, EZB

Untergrenze ist noch nicht erreicht

Das heißt: Der Sparer in Deutschland hat das Nachsehen. Bisher nicht thematisiert: Die 2,4 Milliarden Euro an negativem Einlagezins, den Banken und Sparkassen im vergangenen Jahr an die Bundesbank bezahlen mussten, bleiben nicht dort. Der Löwenanteil fließt an die Zentralbanken der anderen Euro-Länder. Der Berliner Rechtsanwalt Wolfgang Schirp, der Negativzinsen für rechtswidrig hält, warnt: 

"Sie sprechen da einen ganz spannenden Punkt an. Wir haben letztlich eine Umverteilung, die beim Kleinsparer beginnt, sich über die Institute, die davon auch geschädigt sind, dann fortsetzt. Also letztlich ist das auch eine weitere Umverteilung von den großen Sparernationen. Dass ist also Deutschland, Frankreich und Holland an die nicht so sparfreudigen Nationen: Ein weiterer Umverteilungskreislauf, der ja politisch und rechtlich höchst fragwürdig ist."

Wolfgang Schirp, Rechtsanwalt

Wird der EZB Negativzins Kurs so bleiben? Gibt es eine Prognose?

"Dazu kann ich erst mal nichts sagen. Klar ist, dass es natürlich irgendwo eine Untergrenze von diesen negativen Zinsen gibt. Aber klar ist eben auch, dass diese Untergrenze derzeit noch nicht erreicht ist."

Tobias Linzert, EZB

Die Verluste der Sparer werden also noch weiter steigen.

Nachträgliche Ergänzung:

‚Bei der Vorstellung des Finanzmarktstabilitätsberichts erklärte Joachim Wuermeling, das für Bankenaufsicht zuständige Vorstandsmitglied der Bundesbank am 21.11.2019 in Frankfurt a. M., niedrige Zinsen würden die Zinsmarge der Institute zunehmend unter Druck setzen. Sie "belasten deren Profitabilität und stellen so auch ein Risiko für die Finanzstabilität dar", so Wuermeling.‘

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