Report München


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Morddrohungen nach Rede zum Holocaust-Gedenktag Charlotte Knobloch: "Ich werde nicht schweigen."

Vergangene Woche im Bayerischen Landtag: Die Abgeordneten erinnern in einer Gedenkveranstaltung an die Opfer des Nationalsozialismus. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, kritisiert in ihrer Rede die AfD. Die meisten AfD-Abgeordneten verlassen daraufhin den Plenarsaal. Ein Eklat.

Von: Anna Tillack

Stand: 29.01.2019

Vergangenen Mittwoch im Bayerischen Landtag. Es ist die Feierstunde zum Gedenken der Holocaustopfer. Charlotte Knobloch, die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden, ist als Zeitzeugin geladen, um über ihre Erlebnisse in der NS-Zeit zu sprechen.

"Ich habe Rumoren, Unruhe gespürt und auch gehört, ich habe aber weitergesprochen, konnte noch nicht feststellen was die Ursache ist."

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

In ihrer Rede kritisiert Knobloch offen die AfD -

"Diese sogenannte Alternative für Deutschland gründet ihre Politik auf Hass und Ausgrenzung und steht nicht nur für mich nicht auf dem Boden der demokratischen Verfassung."

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Plötzlich Unruhe.

"Kehren Sie zurück zu dem Eid, den Sie auf unser Land geschworen hatten."

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Abgeordnete der AfD verlassen den Plenarsaal – es sind 18 von 22. 

"Lassen Sie uns dem Hass entgegen treten."

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Nur wenige Sekunden später stehen die Abgeordneten der anderen Parteien auf – stehender Applaus für die 86-Jährige. Hinterher verteidigen die AfD-Abgeordneten ihre Aktion.

Katrin Ebner-Steiner, AfD | Bild: BR

"Wir fühlen uns manchmal wie Aussätzige, nur weil wir vielleicht nicht die Mainstream-Meinung vertreten. Von daher wollte ich ein Statement setzen, ich möchte nicht, dass dieser Tag, den ich heute hier mit meinen Kollegen in Stille begehen wollte, dass der instrumentalisiert wird."

Katrin Ebner-Steiner, AfD, Vorsitzende Landtagsfraktion

Eine Sichtweise, die sofort im Netz aufgegriffen wird. Als wir Charlotte Knobloch ein paar Tage später zum Interview treffen, erzählt sie von den Konsequenzen. Seit dem beispiellosen Eklat im Landtag wird sie massiv bedroht.

"Es sind Beleidigungen die ich hier nicht wiederholen möchte, sehr sehr schlimm, bis hin zu Morddrohungen."

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Hat das seit dem Eklat letzte Woche zugenommen?

"Absolut es hat zugenommen, ich bin informiert über diese Themen, aber in dieser Art und in dieser Menge habe ich es noch nicht erlebt."

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Besonders schockiert ist Knobloch von dem, was sich in den sozialen Netzwerken abspielt:

"Diese Hetze dieser Judenhass, den man da lesen kann, den man da hört, der gleicht wirklich progromähnlichen Ausschreitungen."

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Die Novemberpogrome von 1938 erlebt Charlotte Knobloch hautnah mit - sie ist damals 6 Jahre alt. Um seine Tochter vor der Deportation zu bewahren, bringt der Vater sie 1942 in ein fränkisches Dorf. Dort lebt und überlebt Charlotte Knobloch getarnt als katholische uneheliche Tochter bei einer Freundin der Familie.

Seitdem kämpft sie gegen das Vergessen. Umso härter trifft es sie, dass inzwischen immer mehr jüdische Familien fragen, ob das Leben für sie in Deutschland noch sicher ist.

"Da würde ich schon genau beobachten, inwieweit das jüdische Leben in Deutschland noch eine Zukunft hat."

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Knobloch hat die Landtagsbühne genutzt, um sich gegen den wachsenden Antisemitismus in Deutschland zu wehren – und lässt sich dabei auch nicht aufhalten.

"Das was ich erlebt habe in Kindeszeiten, da ist Angst in der heutigen Situation nicht auf meinem Tableau."

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern

Eine Frau wie sie, die den Holocaust überlebt hat, lässt sich nicht so leicht einschüchtern. Das hat sie wieder einmal bewiesen.


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