Report München


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Todesdrohungen aus der Schweiz Rechtsextreme Netzwerke zwischen Wallis und Thüringen

Schon im NSU-Prozess spielte die Schweiz immer wieder eine Rolle. Die Mordwaffe kam aus der Schweiz, ein V-Mann des Verfassungsschutzes und führender Nazi hat sich dort verkrochen. Doch auch heute spielt die Schweiz eine große Rolle in der militanten Neonazi-Szene.

Von: Oliver Bendixen, Ulrich Hagmann

Stand: 16.07.2019

Die Morddrohung kommt aus der Schweiz. Die Neonazi-Band Erschießungskommando kündigt der thüringischen Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss und ihrem Vater einem grausamen Tod an - Die Politikerin ist bundesweit bekannt geworden als Aufklärerin im NSU-Komplex:

„Erschießungskommando“ (Ausschnitt): „wir haben was Schönes für Dich,  hahaha....“

"Und dann kommt, ja ganz am Ende, kommt das Kettensägen-Geräusch und das ist schon, zumindest 2016 war das schon hart, dieses Kettensägen-Geräusch zu hören."

Katharina König-Preuss, Die Linke, Landtagsabgeordnete Thüringen

Die erste CD mit Mordaufrufen erschien 2016, die letzten Drohungen vor drei Monaten.

"Das eine sind die, die das singen, das andere sind die, die es hören und die, die es hören, werden aufgefordert das zu tun. Das sagt das Lied."

Katharina König-Preuss, Die Linke, Landtagsabgeordnete Thüringen

Die Songs sind für diese Szene geschrieben. Hier ein Solidaritätskonzert in der Schweiz 2016 für deutsche Nazis, die in Thüringen vor Gericht stehen. Organisiert hat das ein deutscher Rechtsextremist, der in der Schweiz lebt. Das Land scheint attraktiv für deutsche Rechtsradikale.

"Wir beobachten mit großer Sorge, dass die Schweiz zu einem sicheren Hafen wird für Neonazis. Ideologisch, wie aber auch physisch, mit der Präsenz. Es gibt Verbindungen zu allen größeren Neonazi-Gruppen, die wir in den letzten Jahren feststellen können, und eine verblüffende Gleichgültigkeit von Politik und Öffentlichkeit diesem Thema gegenüber."

Cédric Wermuth, Sozialdemokratische Partei Schweiz, Nationalrat Schweiz

Strippenzieher der militanten Kameradschaftsszene

In Zürich beobachtet die Wochenzeitung WOZ die rechte Terrorszene und deren Struktur in Europa. Redakteur Jan Jirat sieht klare Verbindungen zu „Combat 18“, dem bewaffneten Arm des verbotenen Musiknetzwerkes „Blood and Honour“. Ganz offen bekennt sich Erschießungskommando zu dieser Terroreinheit: Im Song, „Wir sind Blood and Honour“ heißt es: „... so stehen unsere Krieger von Stockholm bis Wien, Kampfgruppe Adolf Hitler – Combat 18.“

"Es gibt tatsächlich intensive Verbindungen schon seit längerer Zeit, wenn wir von Combat 18 oder ‚Blood and Honour‘ sprechen, dann ist quasi die bekannteste Verbindung diejenige der „Blood and Honour“-Band Amok und ihrem Sänger Kevin Gutmann und Thorsten Heise. Da sind auch mehrere gegenseitige Treffen und Besuche belegt."

Jan Jirat, Redakteur WOZ Die Wochenzeitung

Thorsten Heise, Rechtsrockproduzent und stellvertretender NPD-Vorsitzender gilt als Strippenzieher der militanten Kameradschaftsszene. Heise veranstaltet Nazi-Festivals wie hier vergangenen Monat in Ostritz, das „Schild und Schwert Festival“. Er pflegt schon seit Jahren Verbindungen in die Schweiz, hier ein Foto aus 2014. Heise besucht Neonazis im Wallis. Jetzt ist seinen Sohn zur Ausbildung in der Schweiz. Der lernt im Wallis Heizungsinstallateur. 

"Wie die dazu kommen, aus Thüringen hier im Wallis eine Ausbildung zu machen, also das ist eine ordentliche Strecke und eben die Spur führt in Combat 18 Strukturen hinein."

Jan Jirat, Redakteur WOZ Die Wochenzeitung

Pikant: Heise Junior soll beim Angriff auf zwei Journalisten im April 2018 fotografiert worden sein, in Deutschland gibt es eine Anklageschrift. Der Vorwurf: schwere Körperverletzung, schwerer Raub und Sachbeschädigung. Opfer sind zwei Journalisten, die eine Versammlung bei Heise im Eichsfeld fotografiert haben.

"Wir konnten dann drehen, es gab dann eine Verfolgungsjagd mit U-Turns über die Landstraße und just, dass wir im Graben gelandet sind, wurde schon die erste hintere Scheibe eingeschlagen und sofort Pfefferspray ins Auto gesprüht."

Jan Rake, Reporter

Staatsanwaltschaft erlässt keinen Haftbefehl

Mit einem Baseballschläger, dem Schraubenschlüssel und einem Messer werden die Journalisten traktiert und ihrer Kamera beraubt. Die Nazis waren mit einem dunklen 1er BMW mit Eichsfelder Kennzeichen unterwegs. Die Polizei beschlagnahmt das Tatfahrzeug bei Thorsten Heise, die Staatsanwaltschaft in Mühlhausen, Thüringen erlässt keinen Haftbefehl. Angeblich besteht weder Flucht noch Verdunkelungsgefahr.

Im Wallis, dem malerischen Bergkanton, finden wir den dunklen 1er BMW wieder. Hier lebt Heise Junior jetzt im Hause des Schweizer Neonazis Silvan Gex-Collet. Hier im Bild beim Besuch des „Schwert und Schild Festivals“ 2018 in Sachsen. Er ist gut vernetzt in der militanten Szene, betreibt ein Tattoo-Studio und einen Textilvertrieb. Hauptberuflich plant Gex-Collet Solaranlagen für eine Installationsfirma. Dort ist auch Heise Junior untergekommen.

Wie eng deutsche und schweizer Neonazis zusammenarbeiten, das musste Gemeindepräsident Rolf Züllig aus Wildhaus-Alt St. Johann erleben. An einem Samstagnachmittag im Oktober 2016 tauchten plötzlich Tausende Neonazis in seinem Dorf auf. Unter dem Vorwand ein Rockkonzert für Schweizer Nachwuchsbands zu veranstalten, hatten sie die Tennishalle gemietet. Lies sich das Nazi-Konzert nicht verhindern?

"Wenn sie 5000 Neonazis gegenüber stehen machen Sie überhaupt nichts mehr. Das ist so eine geballte Macht, da wissen Sie nicht gar nicht mehr was sie tun sollen. Hätte ich mit der Straßenwaschmaschine die Straße sperren sollen oder was? Das ist so eine Übermacht, wenn das überfallsmäßig kommt, haben Sie dem einfach nichts mehr entgegen zu setzen."

Rolf Züllig, Gemeindepräsident, Wildhaus-Alt St.Johann

Die Nazis sammelten sich mit Bussen im Großraum Ulm und wurden erst im letzten Moment in das idyllische Schweizer Tal dirigiert. Hier Aufnahmen aus einem der Busse: „SS, SA, Germania....“

"Funktionstüchtige Waffen vorhanden"

Die Tatsache, dass nach 2016 kein ähnliches Konzert mehr in der Schweiz stattgefunden hat, wertet der Schweizer Geheimdienst als Erfolg der Behörden. Sagt aber auch: „in der Szene sind vielfach Sammlungen funktionstüchtiger Waffen vorhanden. Zum anderen wird der Umgang mit Schusswaffen geübt und werden Kampfsportarten trainiert.“

Keine beruhigende Vorstellung für Katharina König-Preuss

"Bei einer Neonazi-Veranstaltung wo mehrere das Lied gesungen haben, als sie mich erblickten und mir dann auch sehr schnell bewusst war, das ist nicht nur ein Lied, was irgendwie bei Internet-Plattformen veröffentlicht wurde, sondern was auch in der Szene gehört wird."

Katharina König-Preuss, Die Linke, Landtagsabgeordnete Thüringen

Seit drei Monaten gibt es einen neuen musikalischen Mordaufruf aus der Schweiz. Die Nazi-Verbindungen zwischen Thüringen und der Schweiz funktionieren. Rückzugsort oder Operationsbasis für rechte Terrorstrukturen, die Schweiz ist auch für Nazis attraktiv.


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