Report München


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Ausschreitungen und Hitlergruß Wie Hooligans und Nazis unsere Fußballstadien beherrschen

Hooligans und Ultras beherrschen Stadien und Vereine. Verantwortliche sehen weg, verhalten sich hilflos, machen alles nur noch schlimmer. Die Vereine wollen es sich mit ihren Fans nicht verscherzen. report München hat einen Fragebogen an 150 Vereine geschickt. Nur 13 Clubs haben die Fragen beantwortet, kein einziger Verein, der Probleme mit rechten Fans hat.

Von: Sebastian Kemnitzer, Markus Rosch

Stand: 19.03.2019

Pyrotechnik. Hass. Krawalle. Oft Alltag im deutschen Fußball. Einige Ultras und Hooligans kapern den Sport. Feiern sich im Internet selbst. Haben ihre eigene Agenda. Wie Anfang März. Brutale Kampfszenen, mitten in der Münchner Innenstadt. Knapp 100 Hooligans aus München und Wolfsburg gehen aufeinander los. Schwarze, vermummte Gestalten prügeln minutenlang aufeinander ein. An einem Samstag-Mittag. Mitten unter den Leuten. Kein Zufall.

Robert Claus kennt die Szene. Beschäftigt sich seit Jahren mit Hooligans und der Entwicklung im Fußball. Seine Beobachtung: Die Gewalt wird brutaler, organisierter, vernetzter.

"Mittlerweile sehen wir, dass rechte Hooligans auf den Besten Ranglisten im Kickboxen und den Mixed Martial Arts stehen. Deswegen kann man festhalten, dass die Fußballgewalt gar nicht mehr geworden ist, aber sie ist professioneller, elitärer geworden.  Weil die Leute, die heute in den Hooligangruppen tief verankert sind, sind zum Teil durchtrainierte Kampfmaschinen."

Robert Claus, Fanforscher

So sieht es aus, wenn Hooligans durchdrehen. März 2017: Bischofswerda spielt gegen Lokomotive Leipzig. Berüchtigt für seine brutale Fanszene. Es gibt mehrere Verletzte Das Stadion wird gestürmt, verwüstet.

"Es sind 2 Getränkewagen total demoliert worden, Der Belag hier ist mit Pyrotechnik zerstört, bzw. beschädigt worden. Wir hatten damals Bauzäune, die waren komplett kaputt. Die Toiletten sind zerstört worden. Es sah aus wie nach dem Krieg."

Jürgen Neumann, Präsident Bischofswerda

Jürgen Neumann, seit 16 Jahren ehrenamtlicher Präsident des 4. Ligisten läuft noch heute ein Schauer über den Rücken.

"Die hätten randaliert, wenn sie gewonnen hätten, die hätten randaliert, wenn sie verloren hätten, wir waren ausgekoren als Spaßrandalort an dem Tag."

Jürgen Neumann, Präsident Bischofswerda

Gewalt als Spaß-Faktor

Rund um viele Stadien hat sich eine eigene Subkultur entwickelt. Mit Musik, Codes, Kampfsport. Oft ein eine geschlossene Gesellschaft. Doch wie stehen die Vereine zu ihren gewaltbereiten Fans?

Wir verfassen einen ausführlichen Fragebogen, wollen wissen, wie die Clubs das Problem einschätzen? Wie häufig gibt es Probleme mit gewalttätigen Fans?? Anfrage an rund 150 Vereine von Liga eins bis vier.

Ergebnis: Nur rund 18 Clubs antworten -  und nur diese Vereine, die ohnehin kaum Probleme mit gewaltbereiten Fans haben. Der Rest schweigt – oder lehnt ab. Zum Beispiel Energie Cottbus, dessen Fans schon mal ein Stadion stürmten. Zitat: „Ein Fußballverein ist per se keine Ermittlungsbehörde. Wir werden daher Ihre Anfrage nicht beantworten“

"Es gibt Vereine, die dieses Thema seit Jahren verharmlosen und gerade beim Thema rechte Gewalt die Augen zumachen und die ganze Tragweite des Ganzen nicht wahrhaben wollen."

Robert Claus, Fanforscher

Die Polizei liefert uns genaue Zahlen. Allein in Spielen der 1. bis 3. Bundesliga kam sie in der letzten Saison auf 2,1 Millionen Arbeitsstunden.  Verletzt wurden laut Statistik bei Ausschreitungen 1213 Menschen. Und die Polizei geht von über 13.000 gewaltbereiten Fans aus. 

"Wir sehen, dass seit Jahren wieder die Risikospiele zunehmen, weil einfach Fußball wieder für Gewalteskapaden genutzt wird."

Benjamin Jendrow, Gewerkschaft der Polizei

Ein Problem: Rechtsextreme Gewalt. Anfang März. Gedenkminute im Stadion des Chemnitzer FC. Der Verein erinnert auf der Stadionleinwand und mit einer Choreographie an Thomas Haller. Einem gerade verstorbenen militanten rechten Hooligan. Stürmerstar Frahn hält ein T-Shirt zu Ehren des Toten hoch. Aufschrift: „Unterstütze die örtlichen Hooligans“

"Szene, aus der der NSU entsprungen ist."

Der Chemnitzer FC gibt sich anfangs unwissend, hat aber nun ein Problem. Denn Haller war nicht nur Fan, sondern auch ein Neonazi, Kampfsportler und Security-Unternehmer, verantwortlich für Stadionsicherheit in Chemnitz. Und als Schläger berüchtigt.

"Jeder, der in Chemnitz wohnt, wusste, wer Haller war. Er war kein Mitläufer. Er war eine Szenegröße für eine Szene, aus der der NSU entsprungen ist.  Thomas Haller war Gründungsmitglied von HuNaRa. Hooligans, Nazis, Rassisten. Militant weit rechts."

Robert Claus, Fanforscher

2007 hat sich Chemnitz offiziell von Hallers Sicherheits-Firma getrennt. Der Neonazi spielt aber im Umfeld weiterhin eine bedeutende Rolle. Und die ehemalige HuNaRa-Truppe bildet weiter das Rückgrat der Chemnitzer-Hooligans. Der Verein betreibt ein miserables Krisenmanagement.  Erst leugnen, dann abwiegeln. Erst auf öffentlichen Druck bekommt Stürmer Frahn eine Geldstrafe, drei Vereinsfunktionäre müssen gehen.

"Der Verein hat das Problem des Rechtsextremismus in den eigenen Reihen jahrzehntelang klein geredet, verharmlost, wollte es gar nicht wahrhaben. Und hat auf Vorfälle meist nur symbolpolitisch reagiert mit plakativen Maßnahmen."

Robert Claus, Fanforscher

Auch in anderen Stadien wie zum Beispiel in Cottbus und Zürich wird dem rechten Hooligan-Chef Haller gedacht. Zu Hallers Beerdigung gestern kommen etwa 1000 Personen, darunter viele berüchtigte Hooligans.

Jürgen Neumann hat den Schock der Hooligan-Randale in seinem Stadion mittlerweile verarbeitet. Doch Anfang April kommt Lokomotive Leipzig zum Liga-Heimspiel. Dann muss man in Bischofswerda wieder auf alles vorbereitet sein.


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