Report München


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Proteste in den USA Interview mit Miriam Groß, Seelsorgerin beim NYPD

Nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd entlädt sich in den USA Wut. report München spricht mit der Pfarrerin Miriam Groß über die Lage. Sie stammt aus Franken und lebt in New York, wo sie die deutschsprachige Evangelisch-Lutherische Gemeinde leitet. Gleichzeitig arbeitet sie als Seelsorgerin für das New York Police Department.

Von: Markus Rosch

Stand: 02.06.2020

Bilder wie in einem Bürgerkrieg. Amerika ist im Ausnahmezustand. Und das seit fast einer Woche. Es sind die schlimmsten Unruhen seit den 60er Jahren. Der friedliche Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt, schlägt schnell in Gewalt um. Der Frust über die Corona-Auswirkungen und die dadurch stark steigende Arbeitslosigkeit hat die Eskalation wohl zusätzlich verstärkt.

Und der US-Präsident? Tut was er am besten kann: Drohen. Trump macht Linksradikale und die zögerlichen Gouverneure für die Eskalation verantwortlich.

Er will das Militär einsetzen und schaltet schon im Wahlkampfmodus. Mit der Bibel in der Hand zeigt er sich vor der über 200 Jahre alten St. Johns Kirche in Washington. Er sei ein Verbündeter aller friedlichen Demonstranten sagt er. Dann aber lässt er den friedlichen Protest in Washington gewaltsam auflösen. Aber es gibt auch Hoffnung: Polizisten knien gestern als Zeichen gegen Rassismus und Gewalt nieder.

Doch das sind Ausnahmen: Vor allem in den Abend und Nachtstunden gehen die gewalttätigen Proteste weiter. Nun soll die Ausgangsperre verschärft werden. Amerika kommt wohl weiter nicht zur Ruhe.

Interview mit Miriam Groß, Seelsorgerin der New Yorker Polizei

Andreas Bachmann: „In New York bin ich jetzt verbunden mit Miriam Groß, seit 2014 Pfarrerin der deutschsprachigen evangelisch-lutherischen Gemeinde in New York. Frau Groß, wie haben Sie die vergangenen Tage und Nächte im Big Apple erlebt?

Miriam Groß, Pfarrerin der deutschsprachigen evangelisch-lutherischen Gemeinde in New York: „Ja, ich danke Ihnen für diese Einladung und kann nur berichten, dass die Tage und Nächte sehr angespannt waren, dass diese Stadt in vielerlei Weise sehr unruhig und sehr, sehr angespannt auch wirkt.“

Andreas Bachmann:Sie sind nicht nur Pastorin einer Kirchengemeinde sondern auch Polizeiseelsorgerin der NYPD, also der New Yorker Polizei. Wir haben in den vergangenen Tagen viele Bilder von prügelnden Polizisten gesehen, aber auch Polizisten, die niederknien und sich mit den Demonstranten solidarisieren. Was erzählen Ihnen die Polizisten des NYPD, wie geht es ihnen in dieser aufgeheizten Situation?“

Miriam Groß: „Die Polizistinnen und Polizisten sind Menschen wie Sie und ich. Sie bringen ihre eigenen Geschichten mit und versuchen ihren Dienst so gut wie möglich in New York auch durchzuführen. Viele dieser Personen sind berufen dazu und möchten auch eigentlich helfen und für andere da sein. Daher hat zum Beispiel die NYPD in 2015 das sogenannte ‚Neighborhood Community Policing‘ etabliert um eine gute Verbindung zwischen den Bürgern und den jeweiligen Polizeistationen auch herzustellen. Und daher wurde ich dort als Polizeiseelsorgerin auch ausgewählt und begleite meine Cops durch dick und dünn, durch die schönen Zeiten - aber auch diese Schwierigen. Es gibt Vorfälle, die mich durchaus betrüblich machen, wo Polizistinnen und Polizisten davon erzählen, wie Übergriffe stattfinden, wo sie viel durchhalten und aushalten müssen, und das macht mich schon traurig, denn ich kenne die Geschichten und die Menschen hinter der Uniform.“

Andreas Bachmann: „Also immer beide Seiten sehen, ist da die Botschaft. Ist das, was wir da an Ausbrüchen aktuell erleben nur die Wut über den Tod von George Floyd oder kommt da jetzt noch mehr zu Vorschein?“

Miriam Groß: „Aus meiner Sicht sind es insgesamt vier verschiedene Krisen, die sich in 2020 an diesem Punkt kumulieren: Da haben wir zum Einen das Wiedererleben eines Impeachments, so wie es 1998 stattfand, man hat die Pandemie, die 1918 stattfand, die Wirtschaftskrise von 1929 und dann auch noch die Unruhen von 1968. Und das macht einen sehr explosiven und sehr schwierigen Mix.“

Andreas Bachmann: „Jetzt hat gestern eine Szene für Furore gesorgt: Donald Trump ist im Zusammenhang mit den Floyd-Protesten vor eine Kirche gezogen, hat dort mit der Bibel posiert, ist nicht in die Kirche hineingegangen – was halten Sie von dieser Aktion?

Miriam Groß: „Es war eine schwierige Geste, die er vollzogen hat, und diese Geste ist eine, die uns sehr, sehr nachdenklich stimmen muss. Wir als Kirche wollen uns nicht zu einem Machtinstrument machen lassen, wir wollen uns nicht politisieren lassen und da stehen wir ganz in der Tradition von Dietrich Bonhoeffer. Der hat nämlich gesagt, dass die Kirche nicht dazu da ist, dass wir der Welt ein Stück streitig machen, sondern wir müssen die Welt daran erinnern und sie davon überzeugen, dass sie eine von Gott geliebte und versöhnte Welt ist. Und als solche müssen wir Frieden und Versöhnung untereinander schaffen, in den verschiedenen Bevölkerungsgruppen und nur, wenn die USA diese Krise überlebt und die Annahme der Gottebenbildlichkeit in den Mittelpunkt stellt, dann kann wieder Frieden einkehren.“

Andreas Bachmann: „Starke Worte waren das von Miriam Groß. Vielen herzlichen Dank. Alles Gute nach New York.“

Miriam Groß: „Ich danke Ihnen.“

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