Report München


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Propagandaschlacht gegen Israel Wie Online-Plattformen Jugendliche in Deutschland aufhetzen

Der Konflikt im Nahen Osten war der Auslöser zahlreicher Demonstrationen in deutschen Städten. Über das Internet und Online-Plattformen werden Bilder dieser Demonstrationen massenhaft verbreitet. Auffallend viele junge Menschen nehmen daran teil. Nicht selten wurden dort hasserfüllte antisemitische Parolen gebrüllt, die Deutschlands Juden Angst machen.

Von: Fabian Mader, Ahmet Senyurt, Sabina Wolf

Stand: 18.05.2021

"Die Ausschreitungen jetzt machen mir wirklich Angst. Und ich muss sagen, ich lebe jetzt seit zweieinhalb Jahren in Israel, ich lebe acht Kilometer vom Gazastreifen entfernt. In Sderot - und jetzt ist es zwar groß geworden. Aber in den letzten zweieinhalb Jahren kam alle paar Monate, gibt es Raketen und Auseinandersetzungen und ich war öfter im Bunker, als ich es mir je habe träumen lassen. Es ist so. Und trotzdem fühle ich mich dort sicherer, als wenn ich hier bin und die Bilder im Fernsehen sehe. Wie Leute gegen Juden hetzen und diesen Judenhass. Das macht mir wirklich Angst."

Annabel, Studentin

Die Studentin Annabel ist in München aufgewachsen und gerade auf Heimatbesuch. Was sie in Deutschland beobachtet, macht ihr Angst.

Aggressive Stimmung an vielen Orten Deutschlands

Köln, vergangenen Samstag. Kundgebung für Palästina. Viele hundert Menschen kommen in die Altstadt; um für Frieden und Gerechtigkeit in Palästina zu demonstrieren, sagen sie.

Wir fragen nach:

Verstehen die Teilnehmer die Ängste von Jüdinnen und Juden in Deutschland?

report München: „Zum Beispiel durch die Fahnenverbrennung – Steine auf Synagogen – entsteht doch genau dieses Bild.“

Teilnehmer Kundgebung: „ja, das ist aber eine Ausnahme, wir müssen das nicht so groß machen und verbreiten.“

report München: „Rechtfertigen Sie die Raketenangriffe?“

Teilnehmer Kundgebung: „Ja.“

report München: „Echt?“

Teilnehmer Kundgebung: „Ja.“

Teilnehmer Kundgebung: „Ja. Das ist Verteidigung. Das nennt man Verteidigung. Das wissen sie selber.“

Unsere kritischen Nachfragen - unerwünscht. Und auch von der Bühne kommt eine klare Botschaft: „Wir sagen, wir wollen ganz Palästina befreien - vom Jordan bis zum Mittelmeer!“

Im Klartext: Der Staat Israel soll von der Landkarte verschwinden.

Am Tag zuvor demonstrieren in München Menschen für Israel und Frieden; viele von ihnen sind Juden. Dort treffen wir Studentin Annabel zum ersten Mal. Die aggressive Stimmung an vielen Orten Deutschlands beunruhigt sie sehr.

"Auf der Straße habe ich schon Angst. Ich habe ein T-Shirt mit einem großen Davidstern, ich trage das nicht auf der Straße."

Annabel, Studentin

Der Organisator der Demonstration trägt nur hier ganz offen eine Kette mit Davidstern.

"Ich habe heute das Glück, dass ich wusste, wir werden von der Polizei beschützt und ich kann diesen Davidstern ohne eine Sorge tragen."

Michael Movchin, Organisator der Kundgebung

Zurück in Köln: Die Lage ist angespannt. Einzelne Gruppen heizen die Stimmung an. Ein Beobachter der Demo schickt uns dieses Handyvideo: „Schieß. Lass mich den Knall hören. Allah, Allah. Hebt Schwert gegen Schwert. Schlag, schlag Tel Aviv.“ (Gesang auf Kundgebung, Übersetzung)

Immerhin: Ein Ordner schreitet ein.

Zahlreiche Teenager unter den Demonstranten

Bei der Kundgebung in Köln fällt auf, dass ein großer Teil der Demonstranten Heranwachsende und Teenager sind. Viele wohl in Deutschland geboren und zur Schule gegangen. Woher kommt die Wut? Michael Kiefer forscht seit Jahrzehnten zum Thema islamischer Antisemitismus:

"In der Tat ist es so, das in bestimmen Milieus der Antisemitismus quasi von Generation zu Generation durchgereicht wird. Denn wir dürfen nicht vergessen, in der arabischen Welt - in Syrien, und in Ägypten, können wir zurückblicken auf nahezu 60 Jahre antisemitische Propaganda. Die Großväter haben diese Ansichten schon kennengelernt, die Eltern haben diese Ansichten kennengelernt und die Kinder heute auch schon."

Dr. Michael Kiefer, Islamwissenschaftler, Universität Osnabrück

Pro-palästinensische Gruppen hatten für das Wochenende 16 Kundgebungen beworben – tatsächlich waren es noch viele mehr. Im Berliner Stadtteil Neukölln eskaliert die Situation am Samstag.

Eine deutsch-israelische Journalistin wird mit einem Böller angegriffen. Sie hatte hebräisch gesprochen. Die junge Mutter kommt mit dem Schrecken davon.

"Ich bin halb Israelin, halb deutsch, ich bin in Deutschland geboren. Meine Mutter ist Deutsch. Ich liebe Deutschland und im Endeffekt finde ich es komisch, nicht nur als Israelin, auch als Deutsche, dass ich an Orte in Deutschland lieber nicht laufen sollte und meine Muttersprache sprechen soll. Das finde ich komisch. Es darf nicht so sein, aber im Endeffekt ist es so."

Antonia Yamin, Deutsch-israelische TV-Journalistin

Hassparolen gegen Israel

In München treffen wir den Veranstalter der Pro-Israel-Kundgebung Michael Movchin und die Studentin Annabel wieder. Wir sprechen über das Video aus Köln.

"Ich bin Jüdin und nur weil ich Jüdin bin, bin ich nicht verantwortlich, wie es Palästinensern geht. Ich weiß, es geht ihnen scheiße. Die Hamas ist eine Terrororganisation. Ich würde keinem Menschen wünschen, dass er im Gazastreifen lebt. Aber Antisemitismus wird ihnen auch nicht helfen."

Annabel, Studentin

Auch in München waren am Wochenende martialische Rufe auf Arabisch zu hören: "Wir opfern Blut und Leben für Dich Aqsa (al-Aqsa-Moschee auf Tempelberg / Jerusalem)“ (Dt. Übersetzung)

"Ich bin hier in München geboren, ich bin hier in Deutschland aufgewachsen. Ich möchte in diesem Land leben. Aber die Frage ist, ob man auch möchte, dass wir in diesem Land leben."

Michael Movchin, Vorsitzender Verband jüdischer Studenten in Bayern

In Köln löst der Organisator die Kundgebung auf, aber nur, weil Corona-Auflagen nicht eingehalten werden. Mehrere Personen versuchen sich in die Innenstadt durchzuschlagen.

Viele dokumentieren die Demonstrationen mit ihren Handys und stellen die Videos auf soziale Plattformen. Solche Dienste sind bei Jugendlichen sehr beliebt, meint Michael Kiefer.

"Was neu ist, ist diese extreme emotionale Mobilisierung. [...] Das erklärt dann teilweise auch genau diese Aufgeregtheiten, die wir auf Demonstrationen oder andernorts sehen können. Insgesamt ist das schon eine problematische Stimmung und man wird sehen müssen, wie sich das weiterentwickelt."

Dr. Michael Kiefer, Islamwissenschaftler, Universität Osnabrück

Für das nächste Wochenende sind neue Demonstrationen angekündigt.

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