Report München


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Die Polizei in der Kritik Wie ist die Meinung der Deutschen?

Die Debatte um Racial Profiling, die Krawalle von Stuttgart und Frankfurt und nicht zuletzt die Kritik durch die SPD-Politikerinnen Saskia Esken und Malu Dreyer – in Deutschland wird intensiv über die Rolle der Polizei diskutiert. Wie sehen die Deutschen die Polizei, wie groß ist das Vertrauent? Und denken die Menschen, dass es ein Rassismusproblem in Reihen der Polizei gibt? report München mit einer exklusiven Umfrage und Einblicken zur aktuellen Debatte.

Von: Oliver Bendixen, Markus Rosch

Stand: 04.08.2020

Frankfurter Hauptbahnhof, Samstag-Abend. Schichtbeginn der Bundesbereitschaftspolizei. Wir sind unterwegs mit der Einheit aus Hünfeld in Hessen. Das Bahnhofsviertel ist berüchtigt. Die Anspannung bei den Beamten ist groß. Man kann nie einschätzen, was in der Nachtschicht passieren wird.

"Man kann es nie voraussehen, man muss immer mit allen rechnen. Und deswegen schicken wir lieber zwei oder vier Mann mehr hin anstatt zu wenig."

Uwe Schlothauer, Bundesbereitschaftspolizei

Dann der erste Einsatz. Die erste Kontrolle. Routine für die Einheit. Dennoch berichten die Polizisten, dass die Arbeit schwieriger wird. Die Hemmschwelle sinkt. Ständig droht die Gefahr einer Eskalation. Selbst bei Kleinigkeiten.

"Früher, ich habe 2004 bei der Bundespolizei angefangen mit der Ausbildung, war das noch deutlich anders ja, da ist man der Polizei noch mit deutlich mehr Respekt entgegengetreten, das hat nachgelassen."

Andreas Iba, Bundesbereitschaftspolizei

Wie viel Vertrauen haben die Bundesbürger in die Polizei?

Die Polizei: Zwischen allen Stühlen. Die einen denken ihr Vorgehen sei zu hart. Andere wiederum fordern eine noch schärfere Gangart. Wie viel Vertrauen haben die Bundesbürger in die Polizei?

Im Auftrag von report München hat infratest dimap nachgefragt. 82 Prozent der Deutschen haben ein sehr großes oder großes Vertrauen. Nur 17 Prozent haben wenig oder gar kein Vertrauen in die Polizei.

Wenig Vertrauen in die Polizei hat Leon Ohanwe. Vor zwei Wochen: Der gebürtige Münchner will mit zwei Freunden in den Englischen Garten. Wie viele andere auch. Dann eine Polizeikontrolle. Grund: Party-Szene in Corona-Zeiten.

"Die Polizistin hat die Ausweise dem Kollegen übergeben, der hat unsere Personalien aufgeschrieben. Und meinte dann: Wir haben Eure Personalien festgehalten. Ihr habt 24-stündiges ausgesprochenes Platzverbot für den Englischen Garten."

Leon Ohanwe, Student

Der Fall wird von den Medien aufgegriffen, wird kontrovers diskutiert. Ohanwe und seine Freunde sind sich keiner Schuld bewusst. Die Frage wird aufgeworfen, ob der Migrationshintergrund denn eine Rolle spiele.

"Für mich ist eine Polizeikontrolle nichts Besonderes, sei es jetzt irgendwo an öffentlichen Plätzen, eine Kontrolle beim Autofahren oder im Zug, in der S-Bahn, es ist nichts Besonderes. Ich habe ja auch nichts zu verbergen. Von daher ist es mir auch egal dann, dann sollen sich mich kontrollieren. Dann lass ich es über mich ergehen und dann ist es auch gut."

Leon Ohanwe, Student

Nachfrage beim Sprecher der Münchner Polizei: Hätte man hier vielleicht anderes agieren können?

"Gleichwohl haben wir uns diesen den Sachverhalt natürlich ganz gründlich angeschaut. Und auch das gehört zu einer lernfähigen Organisation dazu, dass wir uns sofort die Frage stellen, wie können wir hier nachjustieren, was haben wir möglicherweise richtig, aber was haben wir möglicherweise auch falsch gemacht. Und die Tatsache, dass von den Personen die in den 12 Stunden wo dies Kontrolle stattgefunden hat, einer polizeilichen Maßnahme unterzogen wurden, der aller überwiegendste Teil zum Beispiel eine deutsche Nationalität hatten. Also hier dann darauf abzuheben, dass unsere Kollegen hier mit einem gewissen Filter oder einem Vorbehalt gearbeitet haben, das hat sich alleine von diesen Zahlen nicht bestätigen lassen."

Marcus Da Gloria Martins, Polizeisprecher München

Hat die Polizei ein Rassismus-Problem?

Genau über Vorfälle wie diesen wird gerade intensiv und kontrovers diskutiert. Hat die Polizei ein Rassismus-Problem? Unsere Umfrage ergibt: 31 Prozent der Deutschen sehen bei der Polizei ein großes oder sehr großes Rassismus- Problem. Aber 62 Prozent sehen kein oder nur ein kleines Problem.

Thomas Feltes, ist einer der renommiertesten deutschen Kriminologen, forscht seit Jahrzehnten zu Polizei- und Gesellschaftsthemen. Er sieht die Polizei unter gesellschaftlichem Druck.

"Sie verliert an Ansehen bei Teilen der jungen Generation, auch gerade bei denen mit Migrationshintergrund, weil die oft die Erfahrung gemacht haben, dass die Polizei ihnen gegenüber unfreundlich auftritt, auch mit unnötigen Kontrollen arbeitet, auch manchmal Gewalt anwendet."

Prof. Thomas Feltes, Kriminologe, Ruhr-Universität Bochum

Zurück bei der Bundesbereitschaftspolizei. Kurz vor Mitternacht. Eine Festnahme mit Gegenwehr. Vermutlich sind Drogen im Spiel. Wichtig für die Einheit ist nun, dass die Lage nicht eskaliert.

"So kann es immer passieren, dass eine Situation ganz schnell aus den Fugen gerät und dann eben doch eskaliert, aber damit haben wir Erfahrung und können damit umgehen."

Andreas Iba, Bundesbereitschaftspolizei

Polizeiarbeit momentan schwieriger und komplexer

Erfahrung mit schwierigen Situationen hat Marcus Da Gloria Martins, seit 2015 Polizeisprecher in München. Vor allem sein besonnenes Auftreten beim Münchner Amoklauf 2016 macht ihn bundesweit bekannt. Ihm gelingt es ein ganzes Land zu beruhigen, dafür wird er mehrfach ausgezeichnet. In diesen Zeiten sagt da Gloria Martins, wird Polizeiarbeit immer schwieriger und komplexer.

"Also ich würde zum Beispiel jetzt nicht von einer Zunahme der Gewalt sprechen, das nehmen wir so nicht wahr. Was wir sehr wohl wahrnehmen, damit möchte ich einfach Kollegen zitieren, die gerne um diese Zeit unterwegs sind bis in die Nacht hinein und mit den Menschen sprechen, das ist ein sogenanntes Knistern. Sie merken, es ist eine sogenannte Grundfrustration da. Und die Leute sind sehr unzufrieden mit der Situation, das kann vielfältige Gründe haben. Und wenn dann auch noch die Polizei hinzukommt und sagt, dass ein bestimmtes Lärm Maß überschritten ist, dass ein Maß an Vermassung an Personen an einem Raum überschritten ist, dann muss man als Polizei mittlerweile sein Wort sehr sorgfältig wählen um da nicht den berühmten Funken in den Benzinkanister zu werfen."

Marcus Da Gloria Martins, Polizeisprecher München

Der Kriminologe Thomas Feltes fordert ein Umdenken. Und vor allem, dass die Polizei von der Politik bei ihren vielen Aufgaben entlastet wird.

"Letztendlich bräuchten wir eine vernünftige Polizeireform. Die analysiert. Wo ist der Kernbereich, wofür sind wir ausgebildet, was können wir am besten und was können andere Institutionen in der Gesellschaft vielleicht besser als wir, oder mit wem müssen wir zusammenarbeiten, um unser Ziel zu erreichen?"

Prof. Thomas Feltes, Kriminologe, Ruhr-Universität Bochum

Zurück in Frankfurt. Die Schicht der Bundesbereitschaftspolizei geht dem Ende zu. Besonnenheit sei das wichtigste Deeskalationskonzept, sagen die Beamten. Von beiden Seiten.

"Es ist nicht nur zurzeit schwierig. Aber es war immer schon schwierig. Aber im großen Ganzen muss man sagen, wie es in den Wald hineinschallt so schallt es wieder raus."

Andreas Iba, Bundesbereitschaftspolizei

Heute Nacht ist es rund um den Frankfurt-Bahnhof weitgehend ruhig geblieben. Die Polizisten sind erleichtert. Es kann nämlich auch anders ablaufen.

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