Report München


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Alles anders wegen Corona Pfingsten 2020

Normalerweise würden viele Deutsche gerade unbeschwert die Pfingstferien genießen. Doch in diesem Jahr ist alles anders. report München unternimmt einen Streifzug durch die Republik und trifft Menschen, deren Leben sich durch das Virus komplett verändert hat: Bernhard Seubert zum Beispiel, der sich nach Wochen auf der Intensivstation zurück ins Leben kämpft. Den Comedian Helmut Sanftenschneider, der in eine ganz spezielle Saison startet – vor einer Menge aus Autos. Oder den Hüttenwirt Hans-Peter Gallenberger, der in den Alpen nach Wochen des Wartens die ersten Übernachtungsgäste empfangen darf und mit den strengen Hygienevorschriften kämpft.

Von: Benedikt Nabben

Stand: 02.06.2020

Bad Gögging in der Nähe von Ingolstadt, vor einer Woche. In der Rehaklinik kämpft Bernhard Seubert darum, wieder aus eigener Kraft essen, sitzen und gehen zu können. Seit drei Monaten hat er keinen Schritt mehr gemacht. Heute beginnt das Lauftraining.

"Bei mir ist das Ganze ziemlich rasch gekommen, im November mit einer Grippe, dann mit einer Lungenentzündung, Blutvergiftung, dann mit dem Corona."

Bernhard Seubert, Unternehmer

Covid-19 hat den 55-jährigen Unternehmer brutal getroffen. 50 Tage hat er auf der Intensivstation um sein Leben gekämpft, hat 30 Kilo Gewicht verloren.

"Vor vier Monaten bin ich noch 200 Kilometer Radl gefahren, hab kein Problem damit gehabt. Das ist sehr schnell gekommen, man unterschätzt das, das Corona."

Bernhard Seubert, Unternehmer

Noch vor Pfingsten möchte er wieder auf die Beine kommen. Ob das klappen kann, wissen auch die Ärzte nicht.

"Ich habe ich jetzt fünf Tage Zeit, und ich habe mir vorgenommen, bis Donnerstag ohne Rollator gehen zu können."

Bernhard Seubert, Unternehmer

Am Pfingstwochenende werden wir ihn wieder besuchen.

Beschränkter Saisonstart

In den bayerischen Alpen, nicht weit von der Österreichischen Grenze. Ein besonderer Tag für Hüttenwirt Hans-Peter Gallenberger. Endlich darf er wieder die ersten Übernachtungsgäste nach den Corona-Beschränkungen beherbergen.

"Wir sind froh, dass es überhaupt schon los geht, wir dachten, das wird heuer überhaupt nichts mit den Übernachtungen."

Hans-Peter Gallenberger, Hüttenwirt Brunnsteinhütte

Saisonstart. Nach schwierigen Monaten mit großen finanziellen Einschnitten. Ob alles funktioniert, fraglich. Denn: Auch hier in den Bergen muss er strenge Hygiene- und Abstandsregeln garantieren. 

"Also meine Kollegen, Freunde von mir, die haben gesagt, warten wir mal, was der Hans-Peter macht. Wenn das funktioniert, dann machen wir es auch."

Hans-Peter Gallenberger, Hüttenwirt Brunnsteinhütte

Pfingstsamstag und Sonnenschein: Heute könnte es noch richtig voll werden auf der Brunnsteinhütte:

"Wir haben ein bisschen Vorlaufzeit, weil wir unten unseren Parkplatz sehen. Wenn der um neun schon übervoll ist, dann wird es doch ziemlich viel. Aber heute ist es noch nicht so schlimm."

Hans-Peter Gallenberger, Hüttenwirt Brunnsteinhütte

Bis die ersten Übernachtungsgäste ankommen, dauert es noch einige Stunden. Noch ist hier alles ruhig. Auf die Entfernung wirkt es fast, als ob Corona überstanden wäre.

Gesundheitsexperte bekommt Morddrohungen

Soweit sind wir noch längst nicht, findet SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Er ist der ständige Mahner in der Krise - und bekommt Drohbriefe.

"Ich bekomme ganz andere Sachen, kann ich Ihnen sagen. Morddrohungen, die auch gegen meine Familie gerichtet waren. Die waren auch sehr unangenehm. Aber es wird aber auf jeden Fall nicht dazu führen, dass wir verstummen."

Karl Lauterbach, SPD

Karl Lauterbach steht zu seiner Meinung in der Diskussion über den Umgang mit dem Virus.

"Meines Erachtens geht es jetzt doch etwas zu schnell. Wir lockern zu viel gleichzeitig. Wir verlieren auch langsam den Überblick, was überhaupt noch verboten ist."

Karl Lauterbach, SPD

Sorgen macht sich auch Bernhard Seubert, schwerst betroffener Covid-Patient in der der Rehaklinik.

"Ich schaue mir in letzter Zeit sehr viel im Fernsehen an und sehe die Demonstrationen. Kann teilweise das Verhalten von den Menschen nicht nachvollziehen. Ich habe das selber erlebt, durchlebt und zum Glück auch überlebt. Ich weiß, was das Corona anrichten kann."

Bernhard Seubert, Unternehmer

Er träumt davon, schon bald wieder laufen zu können. Ob er es schafft, werden wir in wenigen Tagen erleben.

Sonneberg in Thüringen. Hier herrscht Skepsis gegenüber dem Vorstoß des Ministerpräsidenten. Sonnebergs Bürgermeister Heiko Voigt hält gar nichts von Bodo Ramelows Ansinnen, schnell zur Normalität zurück zu kehren.

"Es ist so eine trügerische Sicherheit, die rüberkommt, wenn der Ministerpräsident sagt, wir brauchen keine Regeln mehr oder wir können sie runterfahren. Und dann explodiert bei uns das Geschehen wieder."

Heiko Voigt, Bürgermeister Sonneberg

Sollte Ramelow tatsächlich schon bald einen Großteil der Einschränkungen zurücknehmen, könnte das die Region spalten. Denn Sonneberg in Thüringen ist nur Minuten entfernt von der Landesgrenze zu Bayern. Es gibt sogar einen gemeinsamen Stadtbus:

"Den Leuten beizubringen, warum das Corona-Virus auf unserer Seite anders ist als im Freistaat Bayern, das schafft kein Mensch und das ist auch komplett unlogisch."

Heiko Voigt, Bürgermeister Sonneberg

Regelmäßig bespricht Heiko Voigt mit seinem bayerischen Amtskollegen aus dem benachbarten Neustadt die Lage. Beide sind sie besorgt, dass schon bald eine zweite Welle droht.

"Ich sage das ja schon seit langer Zeit. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es in Kindergärten und in den Schulen ist. Von wegen alles ist gut, gar nichts ist gut."

Bürgermeister Neustadt

Comedy per Drive-In

Vernünftig sein und bloß kein Risiko eingehen. Das ist das Motto in Monheim am Rhein. Statt Open-Air tritt Helmut Sanftenschneider heute im Comedy Drive-In auf. Nach Monaten ganz ohne Arbeit.

"Da sind natürlich viele Auftritte weggefallen. Finanziell war es natürlich ein Fiasko. Gerade im Mai, da sind normalerweise die meisten Auftritte."

Helmut Sanftenschneider, Comedian

Endlich wieder auf der Bühne stehen. Aber die Bedingungen sind schwierig, Publikum im Auto: eine Herausforderung:

"Für einen Komiker ist es ja ganz schlimm, wenn man etwas spielt, und keine Reaktion kommt. Das ist für die Zuschauer unangenehm und auch für den Künstler auf der Bühne. Man muss jetzt denken, die Leute lachen im Auto."

Helmut Sanftenschneider, Comedian

"Es gibt so ein paar Lieder, die wären nicht entstanden, wenn es die Corona-Krise nicht gegeben hätte. Ich hätt nen Job wie Christian Drosten, Virologoe ist mein Traumberuf. Lieber als nen Vorstandsposten."

Helmut Sanftenschneider, Comedian

Die Show kommt zwar an.

"Es war toll, die Leute haben toll mitgemacht."

Helmut Sanftenschneider, Comedian

Trotzdem, echtes Open-Air-Feeling kommt hier, zwischen all den Autos, nicht auf.

"Aber in ein paar Jahren, wenn ich darüber nachdenke, was ich hier gemacht habe: dann denke ich, das war schon eine bescheuerte Zeit irgendwie."

Helmut Sanftenschneider, Comedian

Zurück in die Berge. Inzwischen ist Hochbetrieb auf der Brunnsteinhütte, aber alle halten sich an die Hygiene-Regeln. Nach Wochen des Wartens, ein schöner Moment für Hans-Peter Gallenberger.

"Hallo, Servus. Ihr seid ja die ersten Übernachtungsgäste des Jahres, toll, dass es wieder losgeht, dass wir überhaupt wieder Übernachtungsgäste haben. Wir haben schon E-Mails geschrieben, was wir alles beachten müssen."

Hans-Peter Gallenberger, Hüttenwirt Brunnsteinhütte

Corona schafft Regeln: Nur als Familie in den Waschraum, Mund-Nasen-Maske fast überall, Kissen und Schlafsack selbst mitbringen.

"Alles bisschen kompliziert, aber wir sind froh, dass wir es überhaupt wieder machen können."

Hans-Peter Gallenberger, Hüttenwirt Brunnsteinhütte

Am Pfingst-Samstag bereitet Hans-Peter Gallenberger den ersten gemeinsamen Abend auf der Hütte vor. Mit Käsespätzle und Schinkennudeln startet die späte Bergsaison.

Rehaklinik Bad Gögging. Vor fünf Tagen konnte Corona-Patient Bernhard Seubert noch keinen einzigen Schritt machen.

"Es ist ein superschönes Gefühl, wenn man merkt, dass man sich gesundheitlich wieder auf dem Weg befindet, dorthin, wo man mal war."

Bernhard Seubert, Unternehmer

Mit dem Rollator klappt es, doch Bernhard Seubert ist ungeduldig. Unbedingt möchte er schon heute probieren, ganz ohne Hilfe zu Gehen.

Noch fällt ihm das Atmen schwer. Jeder Schritt: eine Belastung. Aber nicht jeder Covid-Patient kommt so schnell wieder auf die Beine.

"Ungewöhnlich große Fortschritte, die sicherlich darauf beruhen, dass Herr Seubert eine hohe Fitness vor der Erkrankung hatte und dann gehört natürlich ein Quäntchen Glück dazu."

Dr. Tobias Wächter, Chefarzt Rehaklinik Passauer Wolf, Bad Gögging

Für Bernhard Seubert, wie für viele war das Pfingstwochenende ein Schritt zurück zur Normalität. Auch wenn ein Alltag wie vor Corona noch in weiter Ferne ist.

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