Report München


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Schleichendes Gift Das PFC-Problem der Bundeswehr

Die Bundeswehr hat über Jahrzehnte PFC-haltige Löschschäume eingesetzt, die im Verdacht stehen, Krebs zu erregen: Auf Flugplätzen, Kasernen, Munitionslagern gelangten die Stoffe in Böden und Grundwasser. Nach exklusiven Informationen von BR Recherche und report München ist an 18 Standorten in ganz Deutschland eine Kontamination nachgewiesen – mehr als bislang bekannt.

Von: Fabian Mader, Jeanne Turcynski

Stand: 16.04.2019

Ein Weiher in Neuburg an der Donau. Die Idylle trügt. Denn dieser Badesee enthält giftige Chemikalien, PFC. Sie stammen von diesem Flugplatz der Bundeswehr. Die Armee und das Landratsamt wissen schon seit Jahren davon. Die Anwohner wurden aber lange nicht informiert.    

"Wenn man denkt, dass da krebserregende Stoffe drin sind, auch in der Höhe, da überlegt man sich das, ob man da Baden geht."

Roland Habermeier, Sprecher Ortsteil Zell, Neuburg an der Donau  

Die Belastung im Badeweiher überschreitet den Schwellenwert knapp.  Im Grundwasser auf dem Kasernengelände selbst liegt sie allerdings rund 400-fach darüber. Die Anwohner sorgen sich: Wie viel ist von dort in die Umgebung gesickert?              

"Sehr viele der Anwohner haben Gärten, wo sie Gemüse anpflanzen, die haben guten Gewissens das Grundwasser hergenommen, um das Gemüse zu gießen."

Andreas Weis, Ortssprecher Marienheim, Neuburg an der Donau

Später wollen die Ortssprecher eine andere Gemeinde besuchen, in der Anwohner mit schweren Folgen zu kämpfen haben.            

Ein Video aus den 80er-Jahren. Darin zeigt die Bundeswehr, wie auf Flugplätzen regelmäßig der Ernstfall geprobt wurde. In solchen Schäumen steckten oft PFC. So sickerte das Gift in den Boden. Beispielsweise über Fische nimmt der Mensch die Chemikalien auf. Besonders gefährlich sind die Varianten PFOS und PFOA. Weder die Natur, noch der Mensch, können die Stoffe abbauen, sie reichern sich immer weiter an.

PFC können über Jahrhunderte für Kontaminationen sorgen

Sie erhöhen das Herzinfarktrisiko, Studien sagen, sie bremsen das Wachstum bei Kindern, bringen sie sogar mit Leber- und Hodenkrebs in Verbindung. Und: Stillende Mütter geben das Gift an die Kinder weiter. Roland Weber ist Umweltchemiker und einer der international führenden Experten für PFC. Schäden müsse man sofort sanieren, denn die Natur kann die Stoffe nicht abbauen.              

"Die können, wenn mal in das Grundwasser entlassen, dann dort über Jahrhunderte oder gegebenenfalls Jahrtausende dort für Kontaminationen sorgen."

Roland Weber, Umweltchemiker

Nicht nur am Standort Neuburg sind PFC in den Boden gesickert. Auf Anfrage spricht die Bundeswehr von 108 offenen Verdachtsfällen bundesweit. Bei weiteren 18 Standorten in Deutschland ist bereits sicher, dass sie kontaminiert sind. Wir bekommen Messdaten zu diesen Standorten.

Im Grundwasser an den Stützpunkten im bayerischen Neuburg und Manching werden die Schwellenwerte rund 400-fach überschritten. Im fränkischen Roth teilweise sogar 1000-fach.

Wir fahren nach Schönewalde in Brandenburg. Schon 2008 entdeckt die Umweltbehörde am Fliegerhorst Holzdorf-PFOS. Laut Messdaten sind auch hier die Werte im Grundwasser auf dem Kasernengelände erhöht.

Wir treffen den Bürgermeister von Schönewalde.       

Michael Stawski, Bürgermeister Schönewalde: „Ich kenn das Gutachten nicht…“

report München: „Sie haben das noch nie gesehen?“

Michael Stawski, Bürgermeister Schönewalde: „Ne.“

11 Jahre lang haben weder Landkreis noch Bundeswehr den Bürgermeister über die Verunreinigung informiert. Saniert wurde bisher auch nicht.

Michael Stawski, Bürgermeister Schönewalde: „Wenn alles so, ist es natürlich erschreckend, wenn nichts gemacht worden ist.“   

In der Nähe des Fliegerhorsts: Ein Badesee, der Air Force Beach. Hier gehen Menschen im Sommer schwimmen, hier sammeln sie Pilze. Ob Boden und Wasser verunreinigt sind, wurde nach Angaben des Landkreises bisher noch nicht untersucht.       

Seit wann weiß die Bundeswehr vom PFC-Problem? Eine Studie aus den USA kommt bereits im Jahr 2000 zum Schluss: PFC in Löschschäumen sind eine Gefahr für die Umwelt – das US-Militär nutzt sie besonders häufig.              

"Von daher hätte die Bundeswehr seit 2000 auf dieses Problem aufmerksam werden müssen oder zumindest können."

Roland Weber, Umweltchemiker          

2006 wird PFOS dann in der EU offiziell verboten.

Bis heute wurde kein einziger Standort saniert

Aber erst 2015, neun Jahre später, beginnt die Bundeswehr damit, systematisch nach PFC-Schäden zu suchen. Sie schreibt uns: „Die Bundeswehr bearbeitet PFC-Kontaminationen auf ihren Liegenschaften bereits jetzt mit höchster Priorität.“ (Bundesverteidigungsministerium)              

Wirklich? Bis heute wurde an keinem einzigen Standort der Bundeswehr in Deutschland ein PFC-Schaden saniert. Die Folgen tragen auch die Menschen rund um den Fliegerhorst Manching, in Oberbayern. Wie alle Anwohner darf auch Michael Weichenrieder seine Obstbäume nicht mehr mit Grundwasser gießen, so gefährlich ist es. Jahrelang hat er die Äpfel gegessen, ohne von der Gefahr zu wissen.      

"Also die Äpfel geben wir jetzt nicht mehr unserem Kind."

Michael Weichenrieder, Bürgerinitiative PFC Flugplatz Manching  

Heute kommen auch die Ortssprecher aus Neuburg zu Besuch nach Manching. Hier kämpft eine Bürgerinitiative seit Jahren für die Sanierung von Boden und Grundwasser. Michael Weichenrieder ist der Vorsitzende. Die Bürger beider Gemeinden wollen sich vernetzen.              

"Lasst uns zeigen, wir lassen uns das nicht länger bieten. Wir schauen da nicht mehr länger zu."

 Michael Weichenrieder, Bürgerinitiative PFC Flugplatz Manching        

Immerhin haben die Manchinger jetzt vom Landratsamt einen ersten Termin bekommen, wann die Sanierung starten könnte. Und zwar: 2024.           

"Und jetzt nochmal 6 Jahre dauern, bis da der erste Bagger anrollt. Wir lassen uns das nicht so gefallen!"

 Michael Weichenrieder, Bürgerinitiative PFC Flugplatz Manching          

Aber wird 2024 wirklich das erste Mal an einem Standort saniert? Auf Anfrage schreibt die Bundeswehr: Dieses Datum sei ihr nicht bekannt.             

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