Report München


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Pestizidzulassungen in der EU Verbraucherschutz Fehlanzeige

Die Zulassungsverfahren der EU für Pestizid-Wirkstoffe sind zu lasch und schützen den Verbraucher nicht ausreichend vor gefährlichen Stoffen. So wurde nach Recherchen des BR die umstrittene, hochgiftige Substanz Chlorpyrifos trotz eines Behördenfehlers zugelassen. Ein Grund dafür ist, dass Europäische Behörden die Anträge der Hersteller nicht kritisch genug prüfen.

Von: Eva Achinger, Lisa Wreschniok

Stand: 04.12.2018

Aus reiner Neugier machte Ingrid Silvasi bei einem Haartest mit, zum Nachweis von Pestizid-Rückständen im Körper.

"Eigentlich dachte ich auch, es wird bei mir sowieso nichts gefunden. Und dann doch das Erschrecken, dass Spuren von einem Pestizid in meinem Haar, also auch in meinem Körper, gefunden worden sind."

Ingrid Silvasi

Die Studie im Auftrag der Grünen im EU Parlament ergab einen Rückstand des umstrittenen Pestizids „Chlorpyrifos“ in ihrem Haar.

"Es wirkt beunruhigend."

Ingrid Silvasi

Vor allem über die Schalen von Zitrusfrüchten gelangt Chlorpyrifos in deutsche Haushalte. Das Insektizid steht im Verdacht, Hormone zu verändern und ungeborene Kinder zu schädigen. Entwickelt wurde der Wirkstoff in den 60ern vom amerikanischen Konzern Dow Agro Sciences – und dann weltweit vermarktet. Eine einheitliche europaweite Zulassung bekam der Pestizidwirkstoff dann im Jahr 2006.

Schon bei geringen Dosierungen zeigte sich ein eindeutiger Effekt aufs Gehirn

Kopenhagen. Diese beiden Wissenschaftler stellen die Zulassung von Chlorpyrifos in Frage. Sie haben Hinweise, dass Gesundheitsrisiken unterschätzt wurden. Das belegen Rohdaten einer bislang unveröffentlichten Chlorpyrifos-Studie, in die die Wissenschaftler Einblick nehmen konnten.

"Unser Zulassungssystem ist mangelhaft und es erschüttert mein Vertrauen, dass wir die Bevölkerung nicht wirklich schützen können – und ganz besonders schwangere Frauen und die Entwicklung des kindlichen Gehirns."

Philippe Grandjean, Umweltmediziner, Universität Harvard

1998 gab der Hersteller Dow Agro Sciences die Studie selbst in Auftrag. An Ratten wurde untersucht, wie sich Chlorpyrifos auf die Nachkommen auswirkt, wenn die Mutter dem Wirkstoff ausgesetzt ist. Schon bei geringen Dosierungen zeigte sich ein eindeutiger Effekt aufs Gehirn:

"Wir haben in diesen Rohdaten Hinweise gefunden, dass der Aufbau des Gehirns in allen Dosen signifikant beeinträchtigt wird, und dazu ist diese Studie da, um genau das zu untersuchen, aber es findet sich davon nichts im Report der Studie wieder."

Axel Mie, Chemiker, Karolinska Institut Stockholm

Die brisanten Ergebnisse werden also in der Zusammenfassung der Studie nicht erwähnt.  Doch die zuständige Prüfbehörde hat das nach unseren Recherchen –  nicht bemängelt und winkt die Studie durch. Alle Behörden in Europa sind angehalten, auch die Rohdaten zu prüfen. Wie konnte das also passieren?

Die in diesem Fall zuständige spanische Behörde INIA schreibt uns: „Wir können Ihre Anfrage wegen der Vertraulichkeit der Daten leider nicht beantworten.“ (INIA). Für die Wissenschaftler steht fest, das System ist intransparent:

"Es ist offensichtlich, dass es möglich ist, Sachen an einzelnen Stellen in Studien zu verstecken, die sehr schwer wieder zu finden sind."

Axel Mie, Chemiker, Karolinska Institut Stockholm

Die deutsche Außenstelle von Dow Agro Sciences lässt alle konkreten Fragen zur Studie  –  unbeantwortet.

Geheime Daten, fehlerhafte Auswertungen

Was geht wirklich vor in den Zulassungsbehörden? Es gelingt uns, Kontakt zu einem Behördeninsider aufzunehmen. Jahrelang hat er Risiken von Pestiziden bewertet. Er will anonym bleiben.

"Eigentlich sollten wir alle Rohdaten angucken und die statistischen Auswertungen checken. Das sind sehr, sehr viele Daten und, man muss auswählen, welche Studien man sich genau anschaut, weil wir begrenzte Ressourcen und Mitarbeiter haben."

Insider

Wir wollen wissen, wie kritisch die Risiken von Wirkstoffen in der EU bewertet werden. Für 25 Stoffe, die bereits zugelassen wurden, vergleichen wir die Teile der Herstelleranträge, in denen es um Gesundheitsgefahren geht mit dem Bewertungsbericht der jeweils zuständigen Behörden.

Unser Algorithmus findet viele Übernahmen. Die roten Stellen sind Texte der Hersteller, die die Behörde wortwörtlich übernommen hat. Oftmals ohne die Quelle anzugeben. So wie hier, beim Pestizid Sulfosulfuron. Copy and Paste – die Behörde übernimmt sogar die wissenschaftliche Schlussfolgerung des Herstellers. Und kennzeichnet sie als ihre eigene!

Unsere Datenanalyse zeigt: Bei über der Hälfte der untersuchten Wirkstoffe wurden Risikobewertungen der Hersteller übernommen – ohne dass klar wird, ob sie von der Behörde überprüft wurden.

Parma: Sitz der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA. Sie ist hauptverantwortlich für die Risikoeinschätzungen von Pestiziden in der EU.

Wir konfrontieren den Behördenleiter mit unseren Auswertungen.

Bernhard Url, Geschäftsführender Direktor EFSA/Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: „Es ist ein behördliches Dokument, in dem die Behörde sicherstellt, dass die Fakten des Antragstellers der Realität entsprechen, und wenn dieser Realtitätscheck zutrifft, kann die Behörde Daten aus dem Antrag auch integrieren in ihren Bericht.“

report München: „Aber ich sehe nicht: Hat sie es einfach nur übernommen oder hat sie es sich vorher genau angeschaut?“

Bernhard Url, Geschäftsführender Direktor EFSA/Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: „Da gehen wir davon aus, dass die Behörde, bevor sie etwas übernimmt selbstverständlich das ansieht und prüft, ob es auch der Realität entspricht.“

Und Chlorpyrifos, der gefährliche Wirkstoff, den die Wissenschaftler kritisieren? Hier ist die EFSA nach unserer Anfrage aktiv geworden.  

Bernhard Url, Geschäftsführender Direktor EFSA/Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit: „Diese Studie, die Sie ansprechen, ist jetzt dem Rapporteur Member State Spanien übermittelt worden und wird im laufenden Verfahren Einfluss nehmen.“

Aktuell  wird Chlorpyrifos neu bewertet, denn in gut einem Jahr läuft die EU-Zulassung aus. Dann wird sich zeigen, wie genau die Behörden diesmal hingeschaut haben.

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