Report München


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Papst Franziskus unter Druck Scheitert der Hoffnungsträger?

Papst Franziskus ist für viele ein Erneuerer und Sympathieträger. Doch im Vatikan und in der Kirche rumort es. Inzwischen wird ganz offen am Papst Kritik geübt. Im Focus: Die Aufarbeitung der Missbrauchsaffäre. Scheitert der unkonventionelle Hoffnungsträger an alten Strukturen und eigenen Fehlern? Recherchen von report München im Vatikan.

Von: Tilmann Kleinjung, Stefan Meining

Stand: 08.01.2019

Rom. Der Vatikan. Es sind schwierige Zeiten für Papst Franziskus. Auf dem Petersplatz drängen sich am Morgen die ersten Pilger an den Sicherheitsschleusen. Dann beginnt das lange Warten. Nervtötend sei das, meint Diana Cossentini. Empört schickt die Reiseleiterin eines Tages eine Protestmail an den Vatikan. Wochen später klingelt plötzlich ihr Handy. Am Apparat: der Papst.

Papst Franziskus unter Druck | Bild: BR

"Die Gäste, die hinter mir saßen, sagten, ich sei aufgestanden und ich hätte sogar gezittert. Und dann sagte er: 'Ich bin Papa Francesco. Und ich rufe an, um Ihnen nur zu sagen, dass ich Maßnahmen einnehme.' Und das war wahr: Plötzlich: Sechs Schleusen waren geöffnet."

Diana Cossentini, Reiseleiterin

Spontan, bescheiden, menschlich: Auch in seinem sechsten Jahr als Papst begeistert Franziskus die Menschen. Sein Ziel ist die Reform der Kurie und die Öffnung der Katholischen Kirche.

Eine Mammutaufgabe, meint Gianluigi Nuzzi. Vor ein paar Jahren veröffentlichte er geheime Vatikan-Papiere und machte damit weltweit Schlagzeilen.

"Das Problem ist nicht, ob er es schafft oder nicht. Wird er die Zeit haben, es zu schaffen?"

Gian Luigi Nuzzi, Journalist und Buchautor

Scheitert Franziskus bei der Aufarbeitung, scheitert sein Reformwerk

Ausgerechnet bei seiner größten Herausforderung, dem Missbrauchsskandal, macht Franziskus Fehler. Dabei ist allen klar: Scheitert er bei der Aufarbeitung des Skandals, dann scheitert auch sein Reformwerk.

"Die Kirche wird nie versuchen, einen Fall zu vertuschen oder zu unterschätzen."

Papst Franziskus, 21.12.2018

Klare Worte. Doch bei seiner Südamerika-Reise vor einem Jahr nimmt er einen schwer belasteten chilenischen Bischof in Schutz. Er spricht von Verleumdung. Anschließend relativiert der Papst seine Aussagen und leitet eine Untersuchung ein.

Wir sind in Dublin; in Irland. Hier lebt eine Frau, die als Mädchen von einem Priester missbraucht wurde. Ihr Name: Marie Collins. Auf Bitten von Franziskus arbeitete sie in der Missbrauchskommission des Vatikans mit. Die Kommission sollte Vorschläge erarbeiten, um den Skandal aufzuarbeiten und in der Zukunft Missbrauch zu verhindern. Vor zwei Jahren gab sie enttäuscht auf.

"Anstelle es als Chance zu begreifen, dass Außenstehende zur Hilfe kommen, wurden sie und die Kommission als Eindringlinge betrachtet. Und die, die gegen Franziskus sind, sahen darin eine günstige Gelegenheit, seine Initiative zu unterlaufen. Inmitten dieser Interessenkonflikte ist die Sicherheit der Kinder komplett unter den Tisch gefallen."

Marie Collins

Von Franziskus hat sie mehr erwartet.

"Er berief die Kommission ein, um Missbrauch zu verhindern und den Opfern zu helfen. Die Kommission unterbreitete ihm hierfür Vorschläge. Er genehmigte sie und tat dann nichts."

Marie Collins

Auch im Vatikan rumort es. Ja, nein, vielleicht: Was will der Papst? Die konservativen Widersacher vermissen bei Franziskus eine klare Linie – auch in der Missbrauchsdebatte. Inzwischen melden sich seine Gegner ganz offen zu Wort.

Einer der prominentesten Kritiker des Papstes gibt report München ein Exklusivinterview. Im Vatikan war Kardinal Burke ein einflussreicher Mann. Bis ihn der Papst kaltstellte. Für den Kardinal aus Amerika ist der emeritierte Papst Benedikt nach wie vor ein Vorbild. Dies gilt auch für seine Haltung im Missbrauchsskandal:

"Er hatte hierzu eine ganz klare Haltung. Es war offensichtlich, dass die Kirche in seinen Augen diese Situation nicht einfach so hinnehmen konnte. Man kann jetzt schwer sagen, wie der genaue Ansatz ist. Ich würde sagen, es ist mehr Verwirrung als alles andere."

Kardinal Raymond Leo Burke

Öffentliche Kritik am Papst gehöre sich nicht für ein Mitglied der Kurie, meint der deutsche Kardinal Walter Kasper. Er berät und verteidigt Franziskus. Die Missbrauchsdebatte sei nur ein Vorwand, um den Papst zu beschädigen.

"Das lenkt auch ab, und das ist auch das Schlimme, vom eigentlichen Problem. Jetzt geht es zunächst einmal darum, sich den Opfern zuzuwenden, für die was zu tun, für Präventionsmaßnahmen zu sorgen. Und jetzt lenkt man ab und macht eine Diskussion um Papst Franziskus. Das ist nach meinem Gefühl ein Missbrauch des Missbrauchs."

Kardinal Walter Kasper

Tobt ein Machtkampf im Vatikan?

Stimmt das? Wer sind Franziskus‘ Gegner? Der Buchautor und Journalist Gianluigi Nuzzi ist im Vatikan bestens vernetzt. Auch er sagt: Es geht um viel mehr als den Missbrauchsskandal. Im Vatikan tobe ein Machtkampf. Der Papst werde von zwei Seiten unter Beschuss genommen.

"Eine wichtige Gruppe an Feinden ist parteiübergreifend, sie reicht vom Opus Dei bis zu einzelnen Kardinälen, die ständig eine Gegenposition einnehmen zu den von Franziskus angekündigten Erneuerungen."

Gian Luigi Nuzzi, Journalist und Buchautor

Und dann gebe es noch eine Gruppe von Papstgegnern, die einfach Angst um ihre Pfründe hat.

"Diese Geschäftemacher wollen den Schatten und das Dunkel, wo man nicht sieht, wer etwas nimmt."

Gian Luigi Nuzzi, Journalist und Buchautor

Für den Papst wird es immer ungemütlicher. Ein Erzbischof verlangt im August seinen Rücktritt. Der Papst zähle selbst zu den Vertuschern im Missbrauchsskandal. Ein ungeheurer, nicht belegter Vorwurf, der von Kritikern des Papstes dennoch aufgegriffen wird. Kardinal Burke verweist auf die Kirchengeschichte.

"Ob wir so weit gehen sollten, seinen Rücktritt zu fordern, das ist eine andere Frage. Aber es ist wahr, dass für klassische Kommentatoren ein Papst, der von seinem Amt vor allem in dogmatischer Hinsicht abweicht, sich also der Häresie schuldig macht, automatisch aufhört, Papst zu sein."

Kardinal Raymond Leo Burke

Scheitert der Papst an der Missbrauchsaffäre, dann wären seine Reformbemühungen vom Tisch. Und genau das wollen seine Gegner.

"Es gibt schon Leute, die einfach dieses Pontifikat nicht mögen und die wollen das so schnell wie möglich beenden und wollen sozusagen ein neues Konklave haben. Und das wollen sie auch vorbereiten, dass das in ihrem Sinne nach Möglichkeit ausgeht. Also, den Missbrauchsskandal jetzt für diesen Zweck zu benützen, das scheint mir unangebracht zu sein."

Kardinal Walter Kasper

Ende Februar findet im Vatikan eine Konferenz über den Missbrauchsskandal statt. Die Opfer erwarten dann Taten, keine Machtspiele.

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