Report München


4

Oxfam und Co. Wenn Mitarbeiter von Hilfsorganisationen zu Tätern werden

Der Sex-Skandal bei Oxfam ist womöglich nur die Spitze des Eisbergs: Zahlreiche Hilfsorganisationen müssen nach Recherchen des ARD-Politmagazins report München eingestehen, dass Mitarbeiter aus ihrem Haus Menschen in Not oder Kolleginnen und Kollegen sexuell belästigt oder missbraucht haben.

Von: Fabian Mader

Stand: 06.03.2018

Als 2010 in Haiti ein Erdbeben Hunderttausende Menschen obdachlos macht, kommt mit den internationalen Helfern die Hoffnung: Sie versorgen Menschen mit Nahrung und Kleidung, bauen Häuser wieder auf. Doch seit einigen Wochen ist auch klar: Manche Helfer haben diese Lage wohl brutal ausgenutzt. Oxfam-Mitarbeiter sollen Sexpartys mit Prostituierten veranstaltet haben und zwar in Oxfam-Unterkünften.

Keine Einzelfälle

Aber steht Oxfam damit wirklich alleine? Beispiel: Liberia. Als 2014 das Ebola-Fieber im Land wütet, sind bereits viele Hilfsorganisationen im Land. Doch manche Helfer erwarten offenbar eine Gegenleistung. report München nimmt Kontakt zu einem Mädchen auf, das sagt, von einem kanadischen Helfer vergewaltigt worden zu sein. Damals war sie noch minderjährig:

"Beim ersten Mal habe ich oben gewischt, er ist auf mich drauf geklettert wie ein Hund. Er hat angefangen, mit meinen Brüsten zu spielen. Ich habe ihm gesagt, er soll aufhören."

Mädchen in Liberia

Mehrmals soll er sie vergewaltigt haben. Als sie schwanger wird, soll er sie zur Abtreibung gezwungen haben. Der Mitarbeiter wird 2013 in Liberia verhaftet, kommt aber nach einigen Monaten wieder frei und darf ausreisen. Wohl auch durch politischen Druck aus Kanada.

Dies sei leider kein Einzelfall, erzählt uns Linda Polman. Die Journalistin reist seit vielen Jahren an die Einsatzorte von Hilfsorganisationen:

"Ich habe Leute gesehen, die sich um traumatisierte Kinder kümmern. Tagsüber haben sie das getan - und nachts hatten sie Kinderprostituierte bei sich. Ich habe gesehen, wie Mitarbeiter der Vereinten Nationen mit ihren SUV herumfahren, irgendwo parken, aussteigen und auf dem Rücksitz sind zwei Mädchen aus der Region. Das können sie dort überall sehen, es ist ziemlich normal."

Linda Polman, Journalistin

Mindestens 132 bestätigte Fälle

report München hat rund 50 der größten Hilfsorganisationen über deutsche Niederlassungen angefragt: Mindestens 132 bestätigte Fälle von sexuellem Missbrauch, sexueller Belästigung oder Ausbeutung hat es in den vergangenen Jahren innerhalb der Organisationen gegeben. Zahlreiche Fälle melden etwa Care International, UNICEF, Amnesty International, SOS Kinderdorf International, die deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, Save the Children und Ärzte ohne Grenzen. Die Opfer sind Menschen, die Not suchen oder aus dem Kollegenkreis stammen.

Die Menschrechtsaktivistin Inge Bell beschäftigt sich seit langem mit der Frage, warum es immer wieder zu sexueller Ausbeutung durch Menschen kommt, die eigentlich helfen sollen. Schon in den 90er Jahren, damals noch als Journalistin der ARD, hat sie einen Missbrauchsskandal aufgedeckt. Deutsche Soldaten der UNO Friedenstruppe sollen Kunden von minderjährigen Mädchen gewesen sein, die man zur Prostitution gezwungen haben soll.

"In Kriegs und Krisengebieten sind Frauen die Verliererinnen - und um zu überleben, verkaufen sie alles, was sie noch haben, und das ist letztlich nur noch ihr Körper. Und leider ist es eben so, dass sich auch internationale Friedenshelfer zu Schulden kommen lassen, diese Notfallsituation auszunutzen."

Inge Bell, Menschenrechtsaktivistin

Meldesysteme teilweise noch im Aufbau

Viele Hilfsorganisationen haben erst vor wenigen Jahren damit begonnen, professionelle Meldesysteme zu etablieren. Teilweise befinden sie sich noch im Aufbau. Nach Aussagen des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen, UNHCR, sind die dokumentierten Fälle von sexuellem Missbrauch und sexueller Ausbeutung in den vergangenen Jahren auch deshalb gestiegen - erst durch die Verbesserung des Meldesystems kommen viele Beschwerden demnach ans Licht.


4