Report München


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50 Jahre Olympiaattentat Offene Fragen, offene Wunden

1972 wurden 11 israelische Sportler während der olympischen Spiele in München ermordet. Neue Dokumente und Aussagen belegen, wie umfassend deutsche Behörden versagt haben.

Author: Till Rüger

Published at: 30-8-2022 10:57 AM

Ein Gänsehaut-Moment für zwei israelische Athleten: Alexander Shatilov und Uri Zeidel sind zum ersten Mal in der Connollystr.31. Hier wurden 11 Mitglieder der israelischen Olympiamannschaft als Geiseln genommen und später ermordet.

"Es bewegt mich, das mit eigenen Augen zu sehen. Es ist für mich nicht so leicht hier zu stehen."

Uri Zeidel, israelisches Turnerteam European Championships

"Für mich ist es sehr traurig, dass es in einem olympischen Dorf geschah, an einem Ort an dem Athleten eigentlich sicher sein sollen."

Alexander Shatilov, israelisches Turnerteam European Championships

Einfache Streifenpolizisten im Einsatz gegen den Terrorismus

Das Olympiaattentat hat sich tief eingebrannt in das historische Gedächtnis beider Länder. Von den heiteren Spielen - zum dunkelsten Moment, den der Sport in Deutschland erleben musste.

Polizeihubschrauber vor dem olympischen Dorf 1972

Die beiden Turner vertreten das Team Israel bei den European Championships 2022 - die Ereignisse von vor 50 Jahren sind noch immer präsent.

Auch Walter Renner erinnert sich noch genau. Er wurde am 5. September 72 als einfacher Streifenpolizist zur Terroristenbekämpfung eingesetzt.

"Auf diese Situation letztlich waren wir überhaupt nicht vorbereitet. Gar nicht. Weder von der Ausbildung, noch von der Bewaffnung, noch von der Taktik, gar nicht!"

Walter Renner, 1972 Streifenpolizist in München

Wir treffen den pensionierten Polizisten im Tiefgeschoss unter dem Olympischen Dorf. An der Türe sollten er und seine Kollegen die Terroristen auf dem Weg zum Fluchtfahrzeug ausschalten. Doch der Einsatz scheitert, weil TV-Kameras nicht nur die Verhandlungen mit den palästinischen Geiselnehmern, sondern auch die Einsatzvorbereitungen der Polizei live übertragen.

Er ist überrascht, als wir ihm bisher unveröffentlichte Dokumente zeigen: Die Behörden rechneten damals mit Asylbewerber aus Osteuropäischen Olympiateams.

"Da hat man sich drauf vorbereitet, aber auf einen Angriff nicht!"

Walter Renner, 1972 Streifenpolizist in München

Am 31. Mai 72 wurde der BND angewiesen Formular-Vordrucke für Asyl in 12 Sprachen herzustellen. Dokumente, die report München nun erstmals zeigen kann. An alles hatten die Sicherheitsbehörden gedacht, nur nicht an einen Terroranschlag?

Rückblick: Am 11. Tag der Sommerspiele überfallen palästinensische Terroristen das Quartier der israelischen Olympiamannschaft. Am Ende sterben alle 11 israelischen Geiseln, ein Polizist und fünf Terroristen in einem stundenlangen Feuergefecht auf dem Flugplatz in Fürstenfeldbruck.

Hinterbliebene kämpfen um Aufklärung

Wir besuchen Ankie Spitzer in Tel Aviv. Sie ist die Witwe des israelischen Fechttrainers Andrei Spitzer. Seit nun mehr 50 Jahren kämpfen sie und die anderen Hinterbliebenen um volle Aufklärung.

"Ich wurde immer wieder angeschrien und verantwortlich gemacht: ‚Ihr habt den Terror auf Deutschen Boden gebracht.' Ich fragte: ‚ICH?' ‚Nein, aber das Israelische Olympiateam.' Und diese Anschuldigungen von Seiten der Politik und Behörden gab es über Jahrzehnte: schlechte Behandlung, Lügen, Demütigungen."

Ankie Spitzer, Sprecherin Hinterbliebene Olympiaattentat

2012 filmten wir mit Ankie Spitzer in dem im Zimmer im Olympischen Dorf, in dem ihr Mann Andrei seine letzten Stunden verbrachte, dort schwor sie sich am Tag nach seiner Ermordung - niemals aufzugeben.

"Hier war ein Bett und dort auch. Das ganze Zimmer war damals voller Blut und in der Wand waren Einschusslöcher, ganze Teile waren herausgebrochen. Am Boden lag überall Essen. Die Terroristen hatten niemanden auf die Toilette gelassen. ... Und ich stand hier und beschloss: Ich gebe keine Ruhe, ich werde nicht schweigen, ich werde die Welt immer wieder daran erinnern, was hier passiert ist. Denn so etwas darf nie wieder geschehen."

Ankie Spitzer, Witwe

Wer trägt Schuld am Versagen der Sicherheitskräfte?

Die Spiele gingen einfach weiter: Während der Trauerfeier spricht der Präsident des olympischen Komitees den fragwürdigen Satz: "The games must go on!" Der Terror sollte nicht siegen. Doch schon damals kamen die Fragen. Wer trägt Schuld am Versagen der Sicherheitskräfte?

Für Walter Renner ist bis heute unverständlich, warum es so lange keine volle Aufklärung und keine Entschädigungsreglung gab. 

"Denn das war unser Fehler, da brauchen wir uns überhaupt nichts vor zu machen, das war unser Fehler, das war auch ein politischer Fehler, dass man so blauäugig ist, da war man mehr als blauäugig."

Walter Renner, 1972 Streifenpolizist in München

Der israelische Geheimdienst-Experte Shlomo Shpiro sieht die Roll der Bundesregierung kritisch. Er forscht seit vielen Jahren zu dem Terroranschlag in München:

"Es wäre höchste Zeit jetzt eine gemeinsame Historiker-Kommission von deutschen und israelischen Historikern zusammenzustellen und die Unterlagen, die noch verschlossen sind, offen zu legen, damit wir wirklich verstehen können, wer was gemacht hat und wer für was Verantwortlichkeit trägt."

Prof. Shlomo Shpiro, Bar-Ilan-Universität, Israel

Gab es einen heimlichen "Deal" mit den Palästinensern?

Bedeutsam: Gab es schon wenige Wochen nach dem Olympiaattentat einen heimlichen "Deal" zwischen der Deutschen Regierung und den Palästinensern um weitere Anschläge zu verhindern? Seit 10 Jahren recherchiert report München zu einer mysteriösen Flugzeugentführung.

Am 29. Oktober - 7 Wochen nach dem Olympiaattentat  -  wird LH615 auf dem Flug von Beirut nach München gekapert. Die palästinensischen Entführer fordern im Austausch mit den Flugzeug-Geiseln die Freilassung der drei in Deutschland in Haft sitzenden Olympiaattentäter.

Gerd Maier sitzt damals als Co-Pilot im Cockpit. Die Lufthansa-Maschine "Kiel" ist auffallend leer: Nur 13 Passagiere. Ausnahmslos Männer. Schon im Steigflug stürmen die Entführer ins Cockpit. 

"Und dann gab es ein Geräusch, und dann hab ich rumgeguckt und in einen Pistolenlauf geguckt. Wie geht's weiter nur nicht panisch werden irgendwie."

Gerd Maier, Co-Pilot der entführten LH615 'Kiel'

Unfassbar: In Deutschland ist man vorbereitet. Das zeigen unserer Recherchen von 2012: Ein Brief des Münchner Polizeipräsidenten - verfasst 11 Tage vor der Flugzeugentführung. Es geht um die "Abschiebung der drei festgenommenen Araber" und ihrer Freilassung: "Um die mit der Abschiebung verbunden Formalitäten (…) beschleunigen zu können, hat das Amt für öffentliche Ordnung bereits Ausweisungsverfügungen erlassen, die bei der Kriminalpolizei München verwahrt werden." (Quelle: StA 17470 )

Abschiebung? Freilassung? Offiziell sollen die Attentäter doch vor Gericht kommen.

Eine inszenierte Flugzeugentführung?

Stadt-Polizist Walter Renner, der später Leiter der Polizei-Pressestelle München wurde, hatte er auch am Tag der mysteriösen Flugzeugentführung Dienst. Er eskortiert die drei Attentäter zum Flughafen in Riem. Erstmals erzählt er nun im report München Interview: In Polizeikreisen habe man vorab über die Freipressung Bescheid gewusst.

"Das war nicht aus heiterem Himmel. Ich hab auch schon gewusst über Unteroffiziersdrähte, hat einer von der Kriminalpolizei gesagt, dass über kurz oder lang findet das statt."

Walter Renner, ehemaliger Pressesprecher Polizei München:

Eine inszenierte Flugzeugentführung: Kann das sein? Alles spricht dafür, nichts dagegen. Die Merkwürdigkeiten gehen weiter. Bei der Ankunft der entführten Maschine in der Libyschen Hauptstadt Tripolis wartet schon ein Empfangskomitee. Es gibt sogar eine nächtliche Pressekonferenz der drei Olympiaattentäter. Wollte Deutschland so ein öffentliches Gerichtverfahren vermeiden?

Auch deshalb ist das Olympiaattentat tief im Bewusstsein Israels verankert. 50 Jahre haben Wunden hinterlassen - ob sie je verheilen werden?

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Susanne Härpfer, Samstag, 10.September 2022, 15:34 Uhr

2. Olympia-Fragen von Fernseh-Magazin-Autorin

Sehr geehrte Experten

insinuieren Sie, daß Deutsche Sicherheitsbehörden/Politiker vorab gewarnt worden waren von Mitgliedern der Terroristen, die den Anschlag durchführten? Läßt sich so erklären, daß in der Akte, die mir vorliegt, die Rede davon ist, daß 2 schützen
in Fürstenfeldbruck gewesen seien bzw. ACHT Terroristen.

In der Akte finden sich Sätze wie „die ganze Welt ist auf die Dokumentation
hereingefallen“. 

Und:

„Es sollte ein Zwischenfall inszeniert
werden“. Das aber macht sehr neugierig.

Es soll der Akte zufolge eine Dokumentation geben,
die in zwei Wochen erstellt worden sei, und nur dem Zweck gedient habe, „die
Weltöffentlichkeit zu täuschen.“
Was heißt das?

Das würde ich (freiberufliche Fernseh-Magazin-Autorin von ARD-Beiträgen mit feature-Charakter)
gern genauer wissen.
Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
Kommentar-Richtlinien bearbeitet.

Albert Frühauf, Mittwoch, 31.August 2022, 11:08 Uhr

1. Nicht ganz richtig...

Sehr geehrte Damen und Herren, Herr Renner hat fast alles richtig dargestellt, aber er war kein normaler Streifenpolizist. M.W. war er Zugführer bei einer Einsatz-hundertschaft, die für alles Mögliche zuständig war, nur nicht zur Bekämpfung von Terroristen. Was Sie nicht berichtet haben, war die Tatsache, daß es bereits 1970 mehrere Tote in München gab, nämlich am 10.02.1970 beim Anschlag auf eine EL-AL Maschine in Riem und drei Tage später bei dem Anschlag auf das jüdische Altersheim in der Reichenbachstraße. In dieser Zeit von Terror durch Flugzeugentführungen und Anschlägen war es mehr als naiv zu glauben, bei dem größten Sportereignis, bei dem die ganze Welt hinblickte, wird schon alles gut gehen. Warum sollten Terroristen sich diese Chance entgehen lassen??? Denn sie wußten, daß auf dem Olympia-Gerlände nur unbewaffnete Polizisten in babyblauen Anzügen herumlaufen würden. Wer war verantwortlich? Der Bundesinnenminister war damals Herr Genscher.

Mit freundlichen Grüßen
A.Fr.

  • Antwort von report Redaktion, Freitag, 16.September, 11:31 Uhr

    Sehr geehrter Herr Frühauf,
    vielen Dank für Ihr Interesse. Alles was Sie beschreiben ist richtig. Herr Renner war Zugführer UND einfacher Streifenpolizist. Das schließt sich nicht aus: Für diesen Einsatz war er einer der Zugführer aber davor und danach wieder nur Streifenpolizist. Er hatte keinerlei Ausbildung in Terrorbekämpfung. Alle diese Informationen und Zusammenhänge wurden in den vergangenen 50 Jahren ausgiebig in der medialen Öffentlichkeit diskutiert und gelten als allgemein bekannt.
    Mit freundlichen Grüßen
    Dr. Till Rüger