Report München


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Neue Spuren Der rätselhafte NSU-Polizistenmord in Heilbronn

Das Urteil im NSU-Prozess ist gesprochen. Trotzdem bleiben viele Fragen offen, insbesondere bezüglich des NSU-Polizistenmordes in Heilbronn. report München ist auf neue, exklusive Spuren gestoßen, die auf einen Zusammenhang mit der Sauerlandgruppe hindeuten. Der Anwalt des angeschossenen Polizisten und Experten fordern nun weitere Ermittlungen.

Von: Sebastian Kemnitzer, Ahmet Senyurt

Stand: 21.08.2018

Der Anwalt Walter Martinek möchte verstehen, was hier, an dieser Stelle, am 25. April 2007 genau passiert ist. Gegen 14:00 Uhr wird auf dem Parkplatz der Theresienwiese in Heilbronn auf die Polizisten Martin A. und Michèle Kiesewetter geschossen. Die Polizistin stirbt, ihr Kollege Martin A. überlebt.

"Ich kann mir nicht vorstellen, was jemanden dazu bewegt, zwei normale Polizeibeamte in der Mittagspause zu erschießen, wenn ich damit ein Zeichen setzen will gegen den Staat oder dessen Verletzlichkeit herausstellen will. Mich dann aber überhaupt nicht zu dieser Tat bekenne und die überhaupt nicht einortenbar mache. Das macht für mich bis heute keinerlei Sinn."

Walter Martinek, Anwalt NSU-Opfer

Für Martinek steht fest: Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt waren die Täter. 

Dafür sprechen wichtige Beweise: Die Waffen der Polizisten bei den NSU-Terroristen. Eine Jogginghose mit Blutspuren von Kiesewetter in der Wohnung. Und ein Bekennervideo.

Doch waren Mundlos und Böhnhardt alleine vor Ort? Gab es Zeugen oder sogar Mittäter? Das spielte im NSU-Prozess in München keine große Rolle. 

"Die Tat von Heilbronn ist nicht aufgeklärt, sie ist das größte Rätsel meines Erachtens in der Mord- und Attentatsserie."

Prof. Hajo Funke, NSU-Experte

Hinweise auf Islamisten

Nun gibt es neue Hinweise: Auf Islamisten in Tatortnähe der Theresienwiese. Und laut aktueller Zeugenaussage im NSU-Untersuchungsausschuss in Baden-Württemberg auf eine Waffenübergabe. Wir sprechen mit dem Rechtsanwalt der Zeugin.

"Ich kann nur sagen, was meine Mandantin erfahren hatte: Es ging um Waffen und es ging um Übergabe von Waffen und das sei beobachtet worden."

Jan Bockemühl, Anwalt

Die Quelle der Zeugin ist ein Islamist namens Issa S. Wir gehen alte Vernehmungsprotokolle der so genannten Sauerlandgruppe durch und finden dort tatsächlich Issa S. Er soll bei der Übergabe von Sprengzündern beteiligt gewesen sein. 

Die Sauerland-Gruppe: Die Salafisten planten 2007 Anschläge auf US-Einrichtungen in Deutschland – sie wurden über Monate von deutschen und ausländischen Sicherheitsbehörden observiert.

Wir bekommen exklusiven Einblick in eine Akte mit dem Namen BOLO. Eine US-Fahndungsmappe. Angelegt vier Wochen vor dem Polizistenmord. Auch da taucht wieder Issa S. auf. Nach report-Informationen soll er zum Mord in Heilbronn befragt werden – die Ermittler haken aber laut Akte nicht weiter nach.

Waren Islamisten beim Polizistenmord etwa vor Ort oder gar beteiligt? Wir stoßen auf diese Stelle in einem Abhörprotokoll. Der Fahnder notiert, dass einer der Sauerlandislamisten „die Zünder letztlich am 25.04.2007 seinem Zugriffsbereich zuführen konnte.“

Das Datum taucht auch an anderer Stelle auf. Der 25. April – der Tag des Polizistenmordes. Seltsam. Denn bislang hieß es immer, die Zünder für die selbstgebauten Bomben der Sauerlandgruppe seien Monate später übergeben worden. Wir zeigen dem Rechtsanwalt Martinek unseren Aktenfund:

"Das jetzt als reinen Zufall zu bezeichnen. Und zwei Abläufe die nichts miteinander zu tun habe, fällt mir extrem schwer. Ich würde sagen, das halte ich für ausgeschlossen."

Walter Martinek, Anwalt NSU-Opfer

Und da ist noch eine weitere Spur von Islamisten am Tattag in Heilbronn. Die deutschen Fahnder schicken nach dem Mord Daten aus den Funkzellen aus der Nähe des Tatorts zur Überprüfung an Europol. Ergebnis: Am Tattag war bis kurz vor dem Mord mindestens eine Handynummer in Tatortnähe registriert, die laut Europol in Verbindung mit Islamisten aus dem Umfeld der Sauerlandgruppe stehen soll.

Wie bewertet der NSU-Experte Hajo Funke unsere Recherchen? 

"Wenn das bedeutet, dass das in Heilbronn geschehen ist, dann war es eine parallele Aktion und zwar die mit Gewalt und Vorbereitung von Gewalt zu tun hat und beobachtet wurde und zwar von nationalen Behörden und internationalen Behörden."

Prof. Hajo Funke, NSU-Experte

Clemens Binninger war Vorsitzender des NSU-Untersuchungsaussschusses im Bundestag. Nicht jedes Indiz sei ein Treffer oder eine Spur, sagt er. Aber auch der ehemalige Polizist hat weiterhin große Zweifel:

"Es gibt die Zeugenaussagen, die blutverschmierte Männer sehen, die nach der Tat weglaufen. Damals haben die Ermittler gesagt, die Zeugenaussagen sind belastbar. Wir haben in Heilbronn anonyme DNA-Spuren am Rücken des überlebenden Polizeibeamten, die kann man bis heute niemand zuordnen. Und es gibt ein Gutachten eines Sachverständigen, der sagt, diese Blutspur von Michèle Kiesewetter an der Jogginghose ist natürlich von ihr im Moment der Schussabgabe entstanden. Aber er sagt auch sinngemäß, die Lage der Blutspur ist so, dass der Schütze neben diesem Mann stand, also dass der Träger der Jogginghose nicht der Schütze war. Und dann wären wir da schon da bei zwei Personen, an der Beifahrerseite noch einer und dann wären es schon drei gewesen. Also das sind eine Reihe von Fakten, die uns bis heute beschäftigen."

Clemes Binninger, ehem. Vorsitzender NSU-Untersuchungsausschuss Bundestag

Mit unseren Recherchen konfrontieren wir die Bundesanwaltschaft, wollen wissen, ob diesen Spuren nachgegangen wurde. In der Antwort heißt es: Greifbare Anhaltspunkte für die Beteiligung weiterer Personen liegen nicht vor. Der Anwalt des Polizisten sieht dagegen weiteren Ermittlungsbedarf.

"Ich bin auch nicht sicher, ob diese Informationen, die Sie jetzt ja hier doch relativ neu zusammengetragen haben, den Ermittlungsbehörden wirklich vorlagen. Ich glaube allerdings, wenn ich ehrlich bin, nicht. Mit Ermittlungsbehörden meine ich hier die Polizeibeamten, die hier ermittelt haben."

Walter Martinek, Anwalt Polizist Martin A.

Was hat sich in Heilbronn am 25. April 2007 tatsächlich abgespielt? Diese Frage ist bis heute nicht abschließend beantwortet. Im Gegenteil!


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