Report München


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Horrende Mieten Notfallversorgung in Ballungsräumen vor dem Kollaps

Der Notfallversorgung in Ballungsräumen droht der Kollaps, weil Pflegekräfte und Fachpersonal fehlen. Der Grund: Die Mietpreisexplosion in deutschen Großstädten. Ein Skandal, sagen Experten und Ärzte: Das System steht kurz vor dem Zusammenbruch – in München zeigt sich: Wegen Fachkräftemangel kommt es in Kinderkrankenhäusern und in Notaufnahmen schon jetzt zu gefährlichen Engpässen.

Von: Oliver Bendixen, Ulrich Hagmann, Sabrina Zimmermann

Stand: 11.09.2018

"Thalkirchen 761"
"Wir haben Alarmverzögerung wegen Rückstau, erhöhtem Verkehrsaufkommen." „
"Verstanden"

Notarzt Einsatz – Herzinfarkt – es kommt auf jede Sekunde an. Doch der Notarzt steckt fest im Stau am Mittleren Ring in München. Nicht das einzige Problem, mit dem Dr. Schallerer zu kämpfen hat.

"Jetzt hoffen wir mal, dass wir keine Belegungsprobleme haben, dass wir nicht ewig auf eine Klinikzuweisung warten müssen."

Dr. Alfred Schallerer, Notarzt Feuerwehr München

Wartezeiten für Intensivpatienten - fast schon Normalzustand

Wartezeiten, weil es in den Notaufnahmen Engpässe gibt und Kliniken sich vorübergehend vom Rettungssystem abmelden. In München fast schon Normalzustand, extreme Fälle häufen sich.

"Einen Patienten mit Narkose und an der Beatmung und dann war in ganz München kein Intensivbett, keine Versorgungsmöglichkeit aufzutreiben und wir sollten den dann transferieren zur ‚Theresienwiese‘ in Hubscharuber rein und dann sollte er nach Murnau geflogen werden. Na da habe ich gesagt, wenn das schon am fünf am Nachmittag so losgeht, wie geht es dann am Rest des Tages und der Nacht weiter, wenn wir jetzt schon die Patienten nach Murnau fliegen."

Dr. Alfred Schallerer, Notarzt Feuerwehr München

Die Situation ist sowohl für den Notarzt als auch für die Mitarbeiter der Rettungsdienste sehr belastend.

"Man ist einfach hilflos, man möchte dem Patienten best-möglichst helfen und ist einfach nur noch frustriert, weil man sagt, ich hätte eigentlich die Klinik gleich neben der Haustüre vom Patienten, aber die Klinik kann ihn nicht aufnehmen, weil sie eben keine Pflegekräfte hat, die den Patienten adäquat behandeln können und da einen Patienten dann fünf, zehn, fünfzehn Kilometer durch diesen Straßenverkehr zu quälen der Schmerzen hat, das ist dann einfach ärgerlich."

Julia Richter, Bayerisches Rotes Kreuz

Großstädte sind für Pflegekräfte kaum noch bezahlbar

Deutsche Großstädte sind für Pflegekräfte kaum noch bezahlbar. In München zeigt sich der Trend am brutalsten – immer mehr Pflegekräfte verlassen die Stadt. Noch wohnt Hebamme Johanna Viernstein-Gangan mit Ehemann und drei Kindern mitten in Schwabing. Die Miete war günstig. Bis jetzt. Aber die Eigentümerin ist verstorben, die Erbengemeinschaft uneins. Das Haus verkaufen oder aufteilen in Eigentumswohnungen, das sind mögliche Optionen. Fest steht: Die Miete wird deutlich steigen.

Johanna Viernstein-Gangan | Bild: BR

"Grundsätzlich würde ich gerne da bleiben. Sehe ich nicht. Ist mit dem Gehalt eben was wir haben nicht machbar, und dann ist die Möglichkeit zu meinen Eltern zurück zu gehen, das ist bei Regensburg auf dem Land und dann ist halt München wieder um eine Hebamme, Pflegekraft oder was auch immer ärmer."

Johanna Viernstein – Gangan, angestellte Hebamme

Pflegekräfte ziehen weg oder geben den Beruf ganz auf. Die Folgen zeigen sich beispielsweise bei der Grippewelle zu Jahresbeginn, als Patienten reihenweise in den Münchner Notaufnahmen auf den Gängen lagen. Personal fehlt auch in den Kinderkliniken, teilweise müssen ganze Stationen geschlossen werden. Der Alltag im Kinderkrankenhaus frustriert das zurück gebliebene Pflegepersonal noch mehr.

Bettina Roding | Bild: BR

"Einerseits muss man auf den Stationen Betten sperren, weil die bereits vorhandenen Patienten mit dem fehlenden Pflegepersonal eigentlich nicht mehr sicher versorgt werden können, ansonsten, wenn man weitere Betten aufmacht oder weitere Patienten annimmt, dann wird gefährliche Pflege getrieben, andererseits weiß man aber auch gerade im Kinderbereich, wenn man jetzt Betten sperrt, dann sind Kinder da, die im Zweifelfall nicht die notwendige Versorgung in der Zeit bekommen, in der sie es bräuchten."

Bettina Roding, Pflegefachkraft für Kinder

20 Prozent der Betten in der Kinderklinik würden nicht betrieben, schreibt das Klinikum der Universität München, die Situation in der Kinderkrankenpflege sei nicht nur in München, sondern bundesweit schwierig. Weiter heißt es: "vom Fachkräftemangel besonders betroffen, sind die Bereiche: Intensivstation, OP-Dienst, Kinder-Intensiv und IMC Stationen".

Bürger- und Volksbegehren gegen Pflegenotstand

Bundesweit schlagen Pflegekräfte Alarm. In Hamburg und Berlin sind Bürgerbegehren für verbindliche Personalschlüssel in der Pflege auf den Weg gebracht worden. In Bayern startet jetzt die Initiative für ein Volksbegehren. Die Situation in München ist für den Mitorganisator Dr. Peter Hofmann nur die Spitze des Eisberges.

"Ich würde sagen, das ist auch ein stückweit Politikversagen, es gibt nicht einmal Zahlen, wie viele Betten in den Krankenhäusern gesperrt sind, weil es zu wenig Pflegekräfte gibt. Sie finden diese Zahlen nicht. Es gibt keine Sollzahlen, wie viele Betten soll das Krankenhaus haben, wie viele Betten soll die Nothilfe versorgen können. Da gibt es keine offiziellen Zahlen."

Dr. Peter Hoffmann, Anästhesist

Offenbar gibt es tatsächlich keine Zahlen. Unsere Fragen dazu hat das Bayerische Gesundheitsministerium bis heute jedenfalls nicht beantwortet. Im Gewerkschaftshaus München verschickt Sekretär Ben Pulz Unterschriftenlisten zum bayerischen Volksbegehren. Warum sind weitergehende Regelungen in den Landesgesetzen notwendig, wenn doch Gesundheitsminister Jens Spahn ab 2019 Mindestpersonalschlüssel in vier Krankenhausbereichen vorschreiben wird?

Ben Pulz | Bild: BR

"Ganz so einfach ist es ja nicht. Mal abgesehen davon, dass dieser Stellen-Refinanzierungsplan den Jens Spahn da vorschlägt, sich ja nicht an dem tatsächlichen Bedarf, sondern an der untersten Grenze des ‚jetzt geht’s gerade noch so‘ orientiert. Ist die Realität ja auch, dass damit die Welt noch nicht gelöst ist, dass ich sage, in den nächsten zwei Jahren werde ich jeden Stellen Aufbau finanzieren. Ich muss Menschen wieder dazu motivieren in die Pflege zu gehen oder auch in die Pflege zurück zu kehren und wenn ich möchte, dass Menschen in die Pflege zurückkehren, dann muss ich sie auch entsprechend wertschätzen und vergüten."

Ben Pulz, Verdi Bayern Fachbereich Pflege und Gesundheit

Zu dieser Frage antwortet ein Sprecher von Gesundheitsminister Jens Spahn "Zusammen mit den führenden Köpfen des Sozialsystems sollen innerhalb eines Jahres konkrete Pläne vorgelegt werden, um mehr Menschen dazu bringen, den Pflegeberuf zu ergreifen."

Eine Expertenkommission soll das Problem jetzt lösen. Die Hebamme hat wenig Hoffnung.

"Die Wertschätzung der Politik fehlt mir. Die fehlt mir. Dass die Politiker sagen, ok wir setzen uns für Euch Pflegekräfte ein. Wir investieren das Geld in Euch, in Euch als Menschen, die letztendlich für die Menschen, denen es schlecht geht, die ein Problem haben, die ein Kind kriegen, was auch immer, da sind. Das fehlt mir, die Anerkennung dafür."

Johanna Viernstein-Gangan, angestellte Hebamme

Auch der Notarzt Dr. Schallerer glaubt nicht, dass der Personalmangel in den Notaufnahmen schnell behoben wird, im Gegenteil.

"Es werden jetzt wieder starke Wochen kommen, die Extremsituation des Oktoberfestes mit einem extremen Anfall an Notfallpatienten und danach kommt die Grippewelle."

Dr. Alfred Schallerer, Notarzt Feuerwehr München

Die Mieten steigen schneller als die Löhne von Notfallhelfern, Pflegekräften und Krankenschwestern. Besserung nicht in Sicht.


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