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Vom Hirtenmädchen zur IT-Spezialistin Visionäre Entwicklungshilfe

Prinz Ludwig von Bayern, Nachfahre des letzten bayerischen Königs, arbeitet als Entwicklungshelfer in Afrika. In der kenianischen Halbwüste Turkana hat er mehrere Internatsschulen für Nomadenmädchen gegründet und mit Hilfe von Sternstunden, der Benefizaktion des Bayerischen Rundfunks, ausgebaut. Nun hat er dazu ein Startup gegründet, das von dort aus Software und IT-Dienstleistungen weltweit anbietet.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 10.12.2019

Es ist eine unwirtliche Gegend, die sich Prinz Ludwig von Bayern ausgesucht hat: die Halbwüste Turkana, im Rift Valley im Norden Kenias. Fast 90 % der Menschen hier leben weit unter der Armutsgrenze.

"Wenn wir in Afrika in diesen entfernten Regionen, den Menschen Chancen geben in Ihrer Heimat Geld zu verdienen und eine realistische und spannende Karriere zu machen, dann bleiben sie auch gerne in ihrer Heimat."

Ludwig von Bayern, Entwicklungshelfer

Schon mit 16 gründete der junge Wittelsbacher sein erstes IT- Startup. Diese Erfahrung bringt er jetzt nach Afrika. Dabei hat er vor allem Mädchen und junge Frauen im Blick.

"Wenn man so rumschaut, dann gibt es hier in der Turkana nicht viel, aber es gibt Internet. Deswegen halten wir es für unglaublich wichtig, dass die Mädchen schon in der Schule lernen, was man mit dem Internet alles machen kann. Vor allem, man kann damit Geld verdienen."

Ludwig von Bayern, Entwicklungshelfer

Wie eine Reise in die Vergangenheit

Klingt verrückt. Mädchen wie Grace sollen im Internet Geld verdienen. Die 12-jährige hat beide Eltern verloren, lebt jetzt bei ihrer Tante, die nicht weiß, wie sie das Waisenkind und ihren eigenen Nachwuchs ernähren soll.

Ein Besuch bei Grace ist wie eine Reise in die Vergangenheit. Die Nomaden in der Halbwüste leben, wie Ihre Vorfahren, von und mit ihrem Vieh. Wer kein Vieh hat, wie Grace und ihre Tante, gehört zu den Ärmsten der Armen. In den abgelegenen Nomadendörfern leben viele junge Mädchen wie Grace, bitterarm und ohne Hoffnung auf eine Verbesserung.

Mourine Apuu wurde in einem der Projekte des Prinzen zur IT-Spezialistin ausgebildet. Auch sie stammt aus einem abgelegenen Dorf. Wenn sie auf Mädchen wie Grace trifft, fühlt sie sich an ihre eigene Kindheit erinnert. Sie weiß welche Gefahr dem Kind droht.

Grace und IT-Lehrerin Mourine Appu

"Sie wird bald verheiratet werden. Bei einem Mädchen wie ihr dauert das vielleicht noch ein Jahr oder zwei. Die Mädchen hier werden ziemlich jung verheiratet. Dann muss sie zu Hause bleiben und mehr Babys gebären und immer mehr Babys. Das heißt sie muss immer mehr Mäuler füttern und immer härter arbeiten."

Mourine Appu, IT-Lehrerin

Keine Bildung, frühe Heirat, viele Kinder

Keine Bildung, frühe Heirat, viele Kinder. Dieser Zusammenhang ist gut erforscht. In der Turkana, in Kenia, gibt es eine der höchsten Geburtenraten weltweit, durchschnittlich 6,9 Kinder pro Frau.

"Man kann sich vorstellen, wie sich das auf die globale Bevölkerungsstruktur auswirkt, gerade weil das in den ärmsten Regionen passiert. Wir können, wenn wir jetzt schnell genug sind und dafür sorgen, dass alle Mädchen in die Schule gehen und dass es kein leeres Versprechen ist, sondern dass es nach der Schule auch weitergeht, können wir diesen Trend noch ändern."

Ludwig von Bayern, Entwicklungshelfer

Visionäre Entwicklungspolitik - Vom Hirtenmädchen zur IT-Spezialistin | Bild: BR

Deswegen investiert Ludwig von Bayern in der Turkana in digitale Entwicklung.

Seine Initiative „Learning Lions“ bildet junge Kenianerinnen in einem 3-monatigen Crashkurs zu IT-Freiberuflerinnen aus.  

"In seiner Heimat Karriere machen und gleichzeitig die Anbindung an die eigene Kultur behalten. In Bayern würden wir da sagen: Laptop und Lederhose – im Grunde ist es genau dasselbe, man kann heutzutage von überallaus arbeiten, wenn man die richtigen Bedingungen und Grundlagen dafür schafft."

Ludwig von Bayern, IT-Unternehmer

Mourine Apuu ist so etwas wie ein „Role-Model“, ein Vorbild, sie verkörpert die neue Frauenrolle. Sie unterrichtet Studenten in Web-Design, zeigt Ihnen wie sie kurze Erklär-Videos für Kunden weltweit gestalten können. Auch die siebenundzwanzigjährige ist Mutter, hat aber nur ein Kind und sich nach der Geburt bewusst dafür entschieden, auf eigenen Beinen zu stehen.

"Das wichtigste für mich ist, ich muss nirgendwo anders hingehen, um meine Ausbildung zu machen und ich kann zu Hause arbeiten und das hilft meiner Dorfgemeinschaft. Wenn ich einen Laptop und Internet habe, kann ich überall zugreifen. Ich kann für jeden auf der Welt arbeiten."

Morine Apuu, IT-Lehrerin

Digitale Ausbildung - mitten im Busch

Der Campus der „Learning Lions“ ist so etwas wie eine Kaderschmiede für junge Talente. Hier können die jungen Kenianerinen nicht nur lernen, sondern kreative Arbeit, Vergnügen und Freizeitgestaltung miteinander verbinden.

"Das Überspringen von Entwicklungsstufen ist eine afrikanische Tradition, die wunderbar funktioniert."

Ludwig von Bayern, Entwicklungshelfer

Die Basis für die „Learning Lions“ wird in Projekten wie der Queen of Peace Mädchenschule gelegt. 600 Mädchen werden hier unterrichtet, 200 Internatsplätze hat die Schule, die mit Spenden aus Deutschland gebaut wurde. Die 14-jährige Cindy schätzt vor allem die digitale Ausbildung. Sie will später auch zu den Learning Lions.

Visionäre Entwicklungspolitik - Vom Hirtenmädchen zur IT-Spezialistin | Bild: BR

"Eine Cousine von mir ist schon da, die ermuntert mich auch dorthin zu kommen und den Umgang mit Computern zu lernen. Was uns am allermeisten hilft, ist, dass wir auch in der Schule Computer haben, darauf können wir aufbauen."

Cindy Aremon, Schülerin, Lodwar Kenia

In einem abgelegenen Gebiet direkt am Turkana See entsteht das größte Projekt des Prinzen. Ein neuer Campus für die „Learning Lions“ und ein Mädchen-Gymnasium mit 400 Plätzen. 

"Unser neues Zentrum ist tatsächlich mitten im Busch und manche Leute sagen, es ist verrückt ein IT-Programm so weit weg von Großstädten machen zu wollen, wenn man in einer Umgebung ist, in der man sich wohl fühlt, wenn man in einer Umgebung ist, wo man unter Gleichgesinnten ist, die dasselbe machen und dazu noch in einer Umgebung ist, wo man am Wochenende zurück zu seiner Familie fahren kann, ich glaube, dass das alle Dinge sind, die einem dabei helfen, seine Kreativität und seine Produktivität bis zum Maximum aus zu schöpfen."

Ludwig von Bayern, IT-Unternehmer

Mourine Apuu hat jetzt einen Onlineshop eröffnet, in dem sie Schmuck aus der Turkana verkauft, und sie verdient damit Geld.

Soweit ist Grace, das Waisenkind noch nicht. Sie hofft auf einen Platz in der neuen Schule des Prinzen. Dessen Konzept geht langsam auf. Den Menschen Chancen in der Heimat bieten, damit sie bleiben.   

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