Report München


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Der Nahles-Rücktritt Die letzte Chance der SPD?

Am Sonntagvormittag warf Andrea Nahles hin. Die SPD muss sich einen neuen Vorsitzenden suchen. Wieder einmal. Doch wer wird Nahles nachfolgen? Die Nerven liegen bei den Genossen blank: Viele sprechen von der letzten Chance für die ältestes deutsche demokratische Partei, das Ruder herumzureißen.

Von: Markus Rosch

Stand: 04.06.2019

Gestern Abend in Berlin: Karl-Heinz Brunner auf dem Weg zu einer internen Krisensitzung. Denn in seiner SPD ist nichts mehr so wie es war. Eigentlich hat der Bundestagsabgeordnete gehofft, dass bei den gebeutelten Genossen wieder Ruhe einkehrt. Dann kam der Sonntag-Morgen. Und nun wird Brunner selbst von einem politischen Gegner getröstet: „Ich muss sagen mein Beileid“

"Es muss ein paar Minuten nach 10 Uhr gestern Morgen gewesen sein, als ich über eine SMS von Andrea Nahles informiert wurde. Ich hab sie gelesen, Ich war baff, dass es so plötzlich kommt. Ohne Vorankündigung. Es war richtig. Ich habe sofort gesagt: Danke für Deinen Einsatz Andrea. Es ist für unser Land und die Partei gut gewesen."

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter

Seitdem betreibt Brunner Krisenmanagement. Denn an der Basis hat sich viel aufgestaut. Zu viel Quertreiber gibt es, sagen sie im Wahlkreis.

"Das ist die Frage dessen, zu sagen, wir sind eine Partei der Solidarität, wir pflegen Loyalität. Und Pflichtbewusstsein. Und über das werden wir heute in der Landesgruppe auch sprechen. Denn dort gibt es unterschiedliche Auffassungen von Loyalität, Solidarität und Pflichtbewusstsein. Und auch unterschiedliche Auffassungen, was aus internen Besprechungen oder einem Vier-Augen-Gespräch nach außen dringen darf oder nicht."

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter

Vor allem einige bayerische Genossen haben Andrea Nahes oft hart angegangen. Schäbig sei das, sagt Brunner. Bei der Aussprache, die bis ihn die Nacht dauert, ist die Presse allerdings unerwünscht. Heute Morgen dann. Im Schleckermäulchen. Am Savignyplatz. Kurz vor 7. Brunner nimmt einen schnellen Cafe. Große Frage: Was schreiben die schwäbischen Heimatzeitungen über die SPD? Nichts Gutes. Brunner ist nachdenklich.

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter | Bild: BR

"Es ist schwierig die Menschen zu begeistern. Weil so ein ‚Chaos‘, wie man dies bezeichnet, dazu führt, dass sich die Menschen, die glauben Politik könne ihre Lebensverhältnisse verändern, von der Politik noch weiter entfernen. Das ist die große Sorge, die ich habe. Weniger, dass wir die Menschen für die Sozialdemokraten nicht mehr zurückgewinnen, sondern dass sie für die Politik verloren sind."

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter

Dann ruft der Alltag: Krise hin, Krise her. Ab ins Taxi. Eigentlich fährt Brunner mit dem Rad in den Reichstag. Aber das hat einen Platten. Fast sinnbildlich. Obwohl Brunners Terminkalender voll ist, bleibt immer noch Zeit, über die Wahl eines künftigen Parteichefs zu sprechen.

"Ich fände es spannend, wenn wir neben der Beteiligung unserer Mitglieder auch die Bürgerschaft draußen, die Menschen, die ich nicht in der SPD, noch nicht in der Politik sind, wie wir die alle in den Entscheidungsprozess miteinbeziehen."

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter

Ankunft im Reichstag. Der Unternehmensberater Brunner sitzt seit 2013 im Parlament. Ist normalerweise pünktlich. Doch die SPD-Krise wirft viele seiner Planungen über den Haufen. Als erstes: Außerplanmäßiges Fraktionstreffen. Nicht öffentlich. Dann unterwegs zu Arbeitsgruppen und Ausschüssen.

report München: „Nimmt der Tag jetzt richtig Fahrt auf?“

"Jetzt nimmt er richtig Fahrt auf. Jetzt sind die Sitzungen eine nach der anderen. Bei der man zum Teil früher weg, oder später dazu stößt."

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter

Weiter gehts: Zum Verteidigungs-Ausschuss. Die großen Räder der Politik. Die Kollegen warten schon. Auch Häppchen stehen bereit. Das Gehetze geht weiter. Noch Fachgespräch. In einem anderen Gebäude. Doch in Brummers Kopf immer: Die Partei und die aufgewühlte Basis im Wahlkreis.

"Und dann hat man den großen Bogen. Und nachmittags dann: Fraktion."

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter

Kurz vor 2: Brunner auf dem Weg zur Fraktionssitzung. Der letzte Auftritt, der Abschied von Andrea Nahles steht an. Brunner ist einer der wenigen, der vor die Kameras tritt. Über das Innenleben der Partei spricht. Über die große Koalition und Neuwahlen.

"Wir haben miteinander vereinbart, die Mitglieder und die Fraktion, nach dem Mitgliederentscheid, dass wir zum Ende dieses Jahres eine Bilanz ziehen. Und nach dieser Bilanz eine Entscheidung treffen. Dazu stehe ich. Aber bevor die Bilanz nicht erstellt ist, schon zu erklären wir machen A oder B, würde ich für den falschen Weg erachten. Wir sind keine Spieler. Wir haben ernsthaft für Deutschland Politik zu betreiben."

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter

Die Fraktionssitzung dauert dann viel, viel länger als gedacht. Bilder gibt es keine davon. Wie hat Brunner den Ausstieg von Andrea Nahles aus der Politik erlebt?

"Es war eine angemessene Stimmung. Andrea Nahles wurde mit hohem Applaus verabschiedet. Die Mitglieder der Fraktion haben ihre Entscheidung rundum respektiert. Und auch ihre persönlichen Beweggründe. Und gleichzeitig wurde Rolf Mützenich mit großem Applaus als Interimsfraktionsvorsitzender empfangen."

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter

Und dann – trotz allem – ein hoffnungsvoller Blick in Zukunft. Und auf die Wünsche der Basis.

"Der entsprechende Weg den wir aufgezeichnet haben, ordnungsgemäß Wahlen durchzuführen in der Reaktion und anschließend in der Partei mit gegebenenfalls auch der Einbeziehung der Öffentlichkeit ist auf dem Weg gebracht. Ich glaube, es war heute eine gute Fraktionssitzung, um dieses Kapitel nicht abzuschließen, sondern einer guten Zukunft zuzuführen."

Karl-Heinz Brunner, SPD, Bundestagsabgeordneter

Und darüber wird heute Abend bestimmt auch noch geredet: Bei der jährlichen Wannsee Rundfahrt des Seeheimer-Kreises der SPD. Mit Spargelessen. Die Busse warten schon.

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