Report München


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Mondays for Jobs Aufstand der Industriearbeiter

Automobilindustrie, Zulieferer, Maschinenbauer haben deutschlandweit den Abbau von Zehntausenden Arbeitsplätzen angekündigt. Was das konkret heißt, zeigt sich im Baden-Württembergischen Filstal. Alle Gemeinden hier sind von den Arbeitsplätzen der ortsansässigen Industrie abhängig.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 10.12.2019

Das Werk liegt idyllisch in einem kleinen Tal im schwäbischen Rems Murr Kreis. Continental produziert hier Schlauchleitungen für Klimaanlagen von Autos.

„Rest in Peace“, Ruhe in Frieden 340 Arbeitsplätze hat die Belegschaft ans Fenster geschrieben. Theofilos Sachanidis ist einer von Ihnen. Mittags um zwei ist seine Schicht vorbei.

"Im Juni wurde uns mitgeteilt, dass das Werk komplett schließt, das war natürlich ein Hammer für die Leute. Die standen alle da, waren alle baff. Ich habe Familie ich bin jetzt 58. Ich stehe zwischen Rente und... Was soll ich sagen, ich habe ja noch zehn Jahre zum Arbeiten. Also bis 67, ich muss irgendwie 10 Jahre überbrücken. Meine Frau schafft beim Bosch, denen geht es genauso. Da schließen zwei drei Werke."

Theofilos Sachanidis, Werkzeugbauer

Seit seinem 9 Lebensjahr lebt Sachanidis im Rems-Murr Kreis, ist mehr Schwabe als Grieche.  Hat sich aber eine kleine orthodoxe Kirche in den Garten gebaut. Vergangenen Freitag, Nikolaustag, muss dort natürlich eine Kerze brennen.

Wenn Theofilos Sachanidis nach Hause kommt, kurz nach zwei, bricht seine Frau zur Schicht bei Bosch auf. „Schaffe, schaffe Häusle baue“ ist auch das Motto dieser Familie. Das Haus vor 15 Jahren gekauft, muss noch abbezahlt werden. Die beiden Söhne wohnen noch zu Hause auch die machen ihre Ausbildung in der Automobil-Industrie.

"Uns betrifft es alle. Die Stimmung ist nicht gut, allgemein ist sie nicht gut. Es trifft jeden zweiten, zwar hat es Nachwirkungen auf alle natürlich. Wenn einer kein Geld verdient, dann kann er es auch nicht ausgeben. Es trifft nachher den Bäcker, es trifft den Metzger. Das dauert bloß eine Weile, vielleicht haben das jetzt nicht alle begriffen. Aber es wird sie treffen."

Theofilos Sachanidis, Werkzeugbauer

Die heraufziehende Krise ist überall zu spüren

Im einstigen „Musterländle“ Baden-Württemberg ist die heraufziehende Krise überall zu spüren. Im schönen Filstal, nahe Göppingen, sind laut IG Metall 2500 Industriearbeitsplätze bedroht. Die Region steht exemplarisch für den Strukturwandel in der Metall- und Elektroindustrie.

"Seit Jahresanfang 2019 gibt es einen Einschlag nach dem anderen, bei uns sieht es so aus, dass immer wieder Ankündigungen kommen aus den Betrieben von Insolvenzen, Betriebsschließungen, bis hin zu Personalabbau, querbeet durch alle Branchen... Das sieht so aus, dass wir hier den Neckar haben, wir haben hier die schöne Fils und es fängt bei uns an, dass wir hier in Ebersbach schon alleine drei Betriebe haben, die geschlossen werden, da allein schon 450 Arbeitsplätze, die durch komplette Betriebsschließung verloren gehen. Es geht weiter die Firma Allgeier, bekannter Automobilzulieferer, 150 bis 150 Arbeitsplätze, die verloren gehen sollen, allein in Göppingen 300 Arbeitsplatzabbau von ca. 300 Arbeitsplätzen."

Martin Purschke, IG Metall Göppingen

Fast in jedem Ort im Filstal werden Industriearbeitsplätze abgebaut und es ist kein Ende in Sicht, weitere Firmen arbeiten kurz oder haben Kurzarbeit angekündigt.

Talaufwärts kurz vor dem Aufstieg zur schwäbischen Alb liegt die Württembergische Metallwarenfabrik, kurz WMF. Hier protestieren seit dem Sommer jeden Montag 5 vor 12 die Arbeiter gegen den geplanten Abbau von über 400 Stellen. Unter dem Motto „Mondays For Jobs“ marschieren sie um Ihren Betrieb. Das Modell macht Schule im Filstal. In Göppingen marschieren die Arbeiter jeden Montag rund um die Firma Schuler, die deutschlandweit 500 Stellen streichen will, weil die Nachfrage aus der Automobilindustrie fehlt. Die Arbeiter im Filstal soldarisieren sich und sehen ähnliche Probleme in allen Industriebranchen.

Stimmen auf der Demonstration:

„Bei den Franzosen kann man das Werk nicht zu machen, die würden alle protestieren, die würden die Reifen anzünden oder was weiß ich was machen. In Italien gibt es wohl kartellrechtliche oder sonstige Vorgaben, dass man dort das Werk nicht schließen kann, also schließt man das in Geislingen.“

„Das kann nicht sein, dass die Regierung hier in Deutschland die Arbeitsplätze einfach so gehen lässt und das Ausverkaufsland Baden-Württemberg vor allem, auch Süddeutschland allgemein einen Ausverkauf der Arbeitsplätze durch Verlagerung ins Ausland.“

Automobilindustrie und Zulieferer haben massiven Stellenabbau angekündigt

Auch Automobilindustrie und Zulieferer haben massiven Stellenabbau angekündigt. Audi will 9500 Stellen streichen, Daimler weltweit weit mehr als 10.000, den Großteil in Deutschland, bei Continental sind weltweit 20.000 Arbeitsplätze vom Umbau betroffen, in Deutschland werden ganze Werke geschlossen und Bosch will 3500 Stellen in Deutschland einsparen.

In der Automobilbranche gelten mehrere Hunderttausend als gefährdet. Grund: Digitalisierung, Dieselkrise und der Umbau auf die Elektromobilität. Während ein Verbrennungsmotor aus vielen Einzelteilen, Pumpen, Einspritzdüsen, Kolben, Zylinder usw. usw. besteht hat ein Elektromotor viel weniger Teile. Also braucht es für die Produktion auch weniger Arbeitsplätze.

Zwar werden beim Umbau der Wirtschaft auch neue Arbeitsplätze entstehen, aber nicht unbedingt für die Beschäftigten, die jetzt gut bezahlte Jobs verlieren, zumal dann nicht, wenn sie über 50 sind. Wirtschaftswissenschaftler erwarten einen schmerzhaften Transformationsprozess.

"Für die Menschen ist ein Wandel in einer Region mit großen Arbeitgebern, die bisher gute Jobs zur Verfügung gestellt haben, erstmal eine große Herausforderung und zum Teil ist es auch mit heftigen Schicksalen verbunden. Ich würde schon erwarten, dass die Unruhen größer werden, weil ökonomische Zusammenhänge sind naturgemäß schwer zu verstehen, von daher ist es auch nicht ausgeschlossen, dass dann so eine Art Gelbwesten-Proteste in Deutschland auch in der Zukunft zu erwarten sind."

Prof. Alexander Spermann, Volkswirtschaftler

Verhindern ließe sich das nur mit Umschulungen, massiven Hilfen von Staat und Bundesagentur für Arbeit, glaubt der Wirtschaftswissenschaftler. Doch für Theofilis Sachanidis ist der Vorschlag wertlos. Er ist Schlosser und arbeitet im Muster Werkzeugbau, also bei der Entwicklung neuer Werkzeugmaschinen.

"Also ich in meinem Bereich als Schlosser, ich weiß ja nicht, was könnte ich noch machen und dann noch mit 58, umschulen auf 60 und dann? Wer nimmt mich dann noch? Mit 60?"

Theofilos Sachanidis, Werkzeugbauer

Betroffen sind mittlerweile vom Bandarbeiter bis zum Ingenieur viele Jobs in der Industrie. Im Filstal machen sie mobil mit „Mondays For Jobs“. Diese Proteste könnten Schule machen.

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