Report München


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Missbrauch in der Kirche Eine Frau kämpft um Gerechtigkeit

Missbrauch von Nonnen und Angehörigen geistlicher Gemeinschaften durch Priester - eine weitere Dimension des Missbrauchskandals der Kirche. Doris Wagner brauchte Jahre, bis sie mit ihrer Leidensgeschichte als ehemalige Ordensschwester an die Öffentlichkeit ging. Die Kirche stellte sich taub; bis sich Kardinal Schönborn, eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der katholischen Kirche, mit ihr in einem Studio des Bayerischen Rundfunks traf. Seitdem steht ihr Telefon nicht mehr still.

Von: Stefan Meining

Stand: 26.02.2019

Ein ganz normaler Samstagmorgen in Wiesbaden. Doris Wagner in ihrem Lieblingscafé. Einfach mal so einen Tee trinken. Für das ehemalige Mitglied eines strengen, katholischen Ordens noch immer ein ganz besonderer Moment.

"Wenn ich zurück denke an die Zeit damals, wo ich als Schwester Doris gelebt habe und das vergleiche mit dem wie ich heute lebe: Der Kontrast ist so riesig, dass sich das im Nachhinein anfühlt wie ein Alptraum, unwirklich, ganz weit weg, irgendwas, was gar nicht stattgefunden hat."

Doris Wagner

Nach acht Jahren im Orden ist sie seelisch und körperlich am Ende. Sie tritt 2011 aus. Erst danach erfährt sie von weiteren Leidensgenossinnen.

"Es gibt Fälle von Menschen die sich umgebracht haben; es gibt Fälle von Menschen die ihr Leben lang krank sind. Es gibt Fälle von Menschen, die aus so einem Missbrauchssystem gar nicht mehr rauskommen."

Doris Wagner

Die heute berufstätige Mutter und Ehefrau braucht Jahre, bis sie die Kraft findet, über ihre Zeit als Schwester Doris zu sprechen und aufzuklären. Bereits 2014 beschreibt die nunmehr studierte Theologin in einem autobiographischen Buch, Priester hätten sie als Ordensfrau in Rom sexuell belästigt und auch missbraucht. Würdenträger der Kirche weichen ihr aus. Dann erreicht sie eine Mail aus Wien. Die Mail wird ihren Kampf um Aufklärung verändern. Denn der Absender ist Kardinal Christoph Schönborn. Er will sich mit ihr treffen.

"Das überrascht mich bis heute, dass er sich wirklich mit mir, auf mich einlässt, sich mit mir unterhält, sich auch mit mir treffen will. Ich habe das nirgendwo anders erlebt."

Doris Wagner

Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn ist einer der bedeutendsten Repräsentanten der katholischen Kirche. Er zählt zu den wichtigsten Unterstützern des Reformpapstes Franziskus. Anfang Februar treffen sich die beiden in einem Studio des Bayerischen Rundfunks zu einem stundenlangen, offenen Gespräch über Macht und Missbrauch in der Kirche. Der Kardinal sagt dabei endlich auch die entscheidenden Worte, auf die Doris Wagner so lange gewartet hat:

"Ich möchte aber trotzdem, weil mir das unendlich viel bedeutet, noch einmal wirklich von Ihnen hören, was ich bis jetzt noch von niemandem in der Kirche gehört habe, von niemandem im einer Verantwortungsposition, dass Sie mir glauben. Ich habe so vielen so oft meine Geschichte erzählt mittlerweile, Anzeige erstattet, und so weiter, ich habe in meiner Gemeinschaft von niemandem das gehört: Wir glauben dir, und das hätte dir nicht passieren dürfen. Könnten Sie mir das sagen?"

Doris Wagner

"Ich habe es Ihnen vorhin schon gesagt, und ich habe Ihr Buch gelesen, und ich glaube Ihnen das."

Kardinal Christoph Schönborn, Erzbischof von Wien

"Danke."

Doris Wagner

Rom am Vorabend der Missbrauchskonferenz. Doris Wagner nimmt an einer internationalen Pressekonferenz der Frauen-Organisation „Voices of Faith“, Stimmen des Glaubens teil. Doris Wagner engagiert sich mit den Frauen für Missbrauchsopfer und Reformen in der Kirche.

"Ich hoffe, dass es viele, viel andere Frauen ermutigt, ihre Geschichte zu erzählen und sich auch zu äußern. Das hoffe ich."

Doris Wagner

Die Medien reißen sich um die junge Frau, die stets so unaufgeregt argumentiert. Auf der Pressekonferenz in Rom werden auch Ausschnitte des Films gezeigt. Das Gespräch mit dem Kardinal schlägt seit Wochen Riesenwellen. Zuerst in Österreich und dann in der ganzen katholischen Welt.

Wir treffen Doris Wagner in ihrem Hotel in Rom. Sie ist nach wie vor überrascht, wie viele Reaktionen der Film auch bei Opfern auslöst.

"Was mich am meisten berührt und freut, ist: Ich kriege seit dieser Sendung fast jeden Tag Zuschriften von Frauen, die auch als Nonne missbraucht worden sind oder die früher im Kloster waren und die ähnliche Übergriffe von Priestern erlebt haben."

Doris Wagner

Wenig später eilt Doris Wagner zum nächsten Pressetermin. In ein paar Stunden wird sie nach Deutschland zurückfliegen. Die Arbeit im Büro ruft. Die Konferenz beobachtet die berufstätige Mutter in ihrer Freizeit zuhause. Gestern Abend bei Doris Wagner. Was sagt sie zur Konferenz? Auch sie übt heftige Kritik an der Abschlussansprache des Papstes:

"Vor allem, dass er dann vom ‚Mysterium des Bösen‘ spricht. Als ob der Missbrauch etwas wäre, was von außen durch den Teufel auf eine geheimnisvolle Art und Weise irgendwie in die Kirche reinkommt, womit die Kirche aber nichts zu tun hat. Das hat mich sehr enttäuscht. Aber zugleich haben mich auch viele Sachen gefreut: Zum Beispiel, vor allem die Energie und die Freude und das Selbstbewusstsein, dass ich bei den Betroffenen wahrgenommen habe, die da waren. Diese, geradezu, Aufbruchsstimmung! Dieses Gefühl: 'Wir sind jetzt mächtig! An uns kommt die Kirche jetzt nicht mehr vorbei.' Ich hatte schon auch das Gefühl, dass es vereinzelt Kardinäle und Bischöfe gegeben hat, die das verstanden haben."

Doris Wagner

Jetzt gelte es, auch die anderen Bischöfe zu überzeugen.

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