Report München


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Katholischer Bischof trifft Opfer Ein Gespräch über Missbrauch in der Kirche

So etwas hat es noch nicht gegeben: Ein amtierender römisch-katholischer Bischof trifft zwei Menschen, die als Kinder auf entsetzlichste Art und Weise in seinem Bistum von einem Priester vergewaltigt wurden, zu einem ganz offenen Gespräch vor laufender Kamera.

Von: Ulrich Hagmann, Gabriele Knetsch

Stand: 11.01.2022

Sie wurden in Ihrer Kindheit von katholischen Geistlichen missbraucht. Sie wollen ihren Namen nicht nennen, treten unter Pseudonym auf. Gleich werden sie den Bischof von Augsburg treffen:

Robert Waldheim: "Mein Wunsch wäre, dass einer von den hohen Herrschaften sich bei uns einmal entschuldigt."

Martha Stark: "Einfach für das Leid, für alle Leute, für alle Beteiligten, alle die missbraucht worden sind."

So etwas gab es noch nie: Ein deutscher Bischof spricht vor laufenden Kameras mit Opfern des Missbrauchsskandals.

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Grüß Gott zusammen..."

Martha Stark: "Und das Kreuz muss sein?"

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Wie bitte?"

Martha Stark: "Das Kreuz muss sein?"

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Also, es ist halt so. Ich denke, wenn sie es jetzt nicht zu stark stört, dann würde ich es jetzt schon da dran lassen, weil ich bin jetzt ja auch, indem Sinne auch als Bischof da, jeder hat, ja auch eine Rolle auch im Leben."

Robert Waldheim

Robert Waldheim: "Jeder hat sein Lebenswerk zu vollbringen. Ich verstehe es, ich war Mechaniker, sie war Mutter. Also jeder seins. Ich finde es okay. Es ist nicht leicht zu verarbeiten, weil es war für uns sehr schwer. Was im Namen der Kirche passiert ist. Und da gehört auch das, was sie mehr drückt als wie mich. Aber wir haben das schon erlebt, in der Kirche, in eine Kiste eingesperrt oder draußen in ein Wasserfass gesteckt worden sind, Deckel drauf und wir haben nach Luft gejapst, Beispiel eins, oder in der Sakristei, in einer riesen Kackhaufen reingedrückt, gleich Füße drauf und so erniedrigt, angepisst worden. Das kann man doch nicht in der Kirche machen. Aber das haben die mit uns gemacht ja."

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "War das dann in der Pfarrkirche, St. Peter und Paul?"

Robert Waldheim: "Peter und Paul, die alte Kirche?"

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Es war ja die alte Kirche."

Die alte Pfarrkirche in Feldafing am Starnberger See war einer der Tatorte. Beide Betroffene waren im örtlichen Kinderheim des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes untergebracht. Sie berichten von schweren Vergewaltigungen in der Kirche, der Sakristei, von Kellerverliesen, und dass sie weiter gereicht wurden an Geistliche. Der schlimmste Täter soll der Dorfpfarrer von Feldafing gewesen sein. Zuständig für ihn war das Bistum Augsburg.

Bertram Meier ist erst seit zwei Jahren Bischof in dieser Diözese. Er will aufklären. Missbrauch verhindern.

Martha Stark: "Wir hätten jetzt nur erst mal eine Frage ja, wenn wir was erzählen, ob Sie uns das auch glauben?"

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Also wenn ich es Ihnen nicht glauben würde, dann hätte ich Sie gar nicht heute eingeladen zum Gespräch."

Martha Stark: "Das heißt, Sie würden sich vielleicht zum Schluss auch entschuldigen für unser Leid?"

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Ja, nicht nur würde, sondern ich bitte um Entschuldigung, schon jetzt vorauseilend. Ich bin jetzt eigentlich auch hier um zu hören."

Martha Stark

Martha Stark: "Wir waren Kinder, die keinen Besuch und keine Eltern hatten oder gekriegt haben. Und dann konnte man das mit uns auch machen. Aber..."

Robert Waldheim: "Wir sind überall verteilt worden. Ich kann Ihnen alle Orte aufzählen, wo wir überall waren, bei dem Pfarrer, bei dem Pfarrer, bei dem Pfarrer."

Martha Stark: "Diese Albträume, die machen mich wahnsinnig bis heute noch. Da hat der gedroht, gedroht wenn wir nicht mitmachen, dann kommen wir in so einen Sarg."

Robert Waldheim: "Dann wirst Du verheizt. Und immer mit dem Teufel gedroht."

Martha Stark: "Immer mit dem Teufel."

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Das ist für mich Amtsmissbrauch, Vertrauensmissbrauch. Das darf doch gar nicht sein, werden von der Kirche geschickt, erzählen mir von Jesus und parallel wollen Sie von mir ganz was Anderes, ziehen mich aus."

Robert Waldheim: "Wir leiden heute noch darunter. Wissen Sie, wie das ist im Keller? Eisenstange im Hintern zu haben und sich nicht bewegen können, weil es sonst weh tut?  Der Pfarrer hat nie aufgehört."

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Das hat der Pfarrer selber gemacht?"

Robert Waldheim: "Hier, schauen Sie, die Flecken, wissen Sie was das ist? Er hat seine Zigarren hier ausgedrückt, am Rücken seine Zigaretten. Ich kann Ihnen die Narben alle zeigen."

Bertram Meier

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Aber jetzt habe ich auch noch mal eine Frage an Sie, an sie beide. Was raten denn Sie mir als Bischof? Ich habe vorher das ganz klar gesagt: In dem ganzen großen Themenfeld Missbrauch bin ich Neuling."

Martha Stark: "Ja die Zukunft wäre halt einfach, dass man uns, ab jetzt hier helfen kann."

Robert Waldheim: "Der Wunsch wäre: kann man die Priester alle nicht irgendwie kontrollieren? Bei uns hat das gefehlt? Wer hat den Mann kontrolliert?"

Bertram Meier, Bischof von Augsburg: "Genau, und das ist eben genau der Punkt mit meiner Frage wir sind hier schon weitergekommen. Hier gehe ich auch den Weg der Null-Toleranz. Ich sage Ihnen aber einfach vielen Dank, dass Sie heute hierhergekommen sind und dass sie auch ihr Herz geöffnet haben."

Martha Stark: "Also. Ich bin mit Ängsten hier hierhergekommen. Aber was jetzt hier vor Ihnen gewesen ist war super."

Robert Waldheim: "Das gleiche bei mir. Ich bin froh, dass ich da gewesen bin, jetzt kann ich es auch weitergeben. Ich bin von einer höheren Abteilung entschuldigt worden."

Das Treffen dreier mutiger Menschen: Ein beeindruckendes Zeichen für Offenheit und Aufklärung.


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