Report München


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Milliarden-Grab Stuttgart 21 Wenn der Tunnel zur Bedrohung wird

Stuttgart 21 sollte ursprünglich einmal 2,5 Milliarden Euro kosten. Mittlerweile sind die Kosten auf rund acht Milliarden gestiegen, Kritiker rechnen mit weit über 10 Milliarden. Doch das ist bei weitem nicht alles: Die Leistungskapazität des neuen Bahnhofs ist möglicherweise nicht ausreichend und bei Häusern in unmittelbarer Nähe des Hauptbahnhofs sind nun Risse aufgetreten.

Von: Hans Hinterberger, Sebastian Kemnitzer

Stand: 25.06.2019

Seit 19 Jahren wohnt Inge Galle hier. Doch seit kurzem fühlt sie sich nicht mehr wohl.  

Milliarden-Grab Stuttgart 21 – wenn der Tunnel zur Bedrohung wird | Bild: BR

"Das hat am 2. Mai mit so leichten Rissen wie hier oben angefangen. Und zwischenzeitlich geht hier der komplette Putz ab, teilweise auch zwischen den Steinen und das ist ja auch eine tragende Wand. Das, was hier jetzt auf dem Boden liegt, ist alles gestern hier morgens gelegen."

Inge Galle, Mieterin

Doch das ist nicht alles. Die Türen und die Fenster in ihrer Wohnung lassen sich auch nicht mehr richtig schließen.

"Ich hab Albträume, ich wache manchmal nachts schreiend auf, weil ich geträumt habe, jetzt liegt alles auf mir, ich bin begraben."

Inge Galle, Mieterin

Ein Haus mit Rissen - mitten in Stuttgart

Was geht hier vor? Der Grund liegt gleich in der Nachbarschaft. Der geplante Tiefbahnhof Stuttgart 21. Derzeit werden unterirdische Zulauftunnel gegraben. Und die verlaufen direkt unter dem Stadtteil, in dem Inge Galle wohnt. Ihr Vermieter Joachim Beck ist im Dauereinsatz.

"Wir haben Probleme mit Fenstern und Türen, vielleicht können Sie eine Notreparatur machen, dass wir hier das Fenster wiederzubekommen?"

Joachim Beck, Hausbesitzer

Immer neue Reparaturen sind notwendig. Und immer wieder findet Hausbesitzer Beck neue Schäden.

"Die Summe der Schäden, die wir im Haus haben, die sind halt dramatisch. Und dadurch, dass es sehr viele Schäden sind, weiß ich nicht, wie wir das in absehbarer Zeit wieder repariert bekommen."

Joachim Beck, Hausbesitzer

Beck hat sogar Angst, dass sein Haus am Ende abgerissen werden muss. Im Viertel sind mehrere Häuser betroffen, ein Zwischenbau musste nach Angaben der Bahn zurückgebaut werden. Und einige Bewohner dieses Hauses hier sind zwischenzeitlich im Hotel untergebracht.

Professor Rolf Katzenbach ist Experte für Tunnelbau. Wir zeigen ihm die betroffenen Gebäude im Kernerviertel.

"Nein, das ist kein Schönheitsriss. Das ist ein Riss, den muss man nachgehen und der muss sorgfältig verpresst werden und dann wieder beseitigt werden."

Prof. Rolf Katzenbach, Tunnelexperte

Ein Interview vor der Kamera ist für die Bahn nicht möglich, obwohl sie sogar in Stuttgart eine eigene Pressestelle für das Großprojekt betreibt. Schriftlich heißt es, die Standsicherheit der Gebäude sei nach derzeitigem Stand nicht gefährdet. Und: „Schadensmeldungen sind grundsätzlich individuell zu behandeln, die jeweiligen Ursachen sind unterschiedlich und komplex.“

Ihn ärgert das Verhalten der Deutschen Bahn. Dieser Mann wohnt seit den 70er Jahren im Kernerviertel, gleich in der Nähe des Hauptbahnhofs. Auch sein Haus ist in Mitleidenschaft gezogen.

"Bauschäden wurden ja von der Bahn nicht angekündigt, sondern in Abrede gestellt. ‚Wir haben alles im Griff!‘ Nur das Eintreten der Bauschäden hat auch die Verantwortlichen bei der Bahn eines Besseren belehrt."

Frank Schweizer

Beide Tunnel führen tief unter seinem Haus hindurch. Der ehemalige Bauingenieur war von Anfang an Gegner von Stuttgart 21. Seine Befürchtungen hätten sich nun bewahrheitet. Und zwar nicht nur, was Bauschäden betrifft.

Kosten laufen völlig aus dem Ruder

Rückblick. Stuttgart 21 wird vor 25 Jahren als großes Infrastrukturprojekt gefeiert. Und: Alles sei solide durchgerechnet.

"Ich kenne kein Großprojekt in dieser Dimension in Deutschland und nicht mal in Europa, das so solide durchgerechnet ist wie dieses Projekt."

Heribert Rech, CDU, damaliger Innenminister Baden-Württemberg

Dabei laufen die Kosten völlig aus dem Ruder, steigen immer weiter, auf zuletzt 8,2 Milliarden Euro. Experten gehen sogar von über 10 Milliarden Euro Kosten aus. Matthias Gastel ist bahnpolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion. Er kritisiert die Verantwortlichen.

"Das hat schon was von Trickserei, wenn man Kosten bewusst niedrig hält in den Angaben, in der Kommunikation, um Mehrheiten zu gewinnen, um Mehrheiten zu halten, um Widerstände kleinzuhalten, und erst dann sozusagen die wahren Kosten ans Licht kommen, wenn das Projekt mehr oder weniger als unumkehrbar gilt."

Matthias Gastel, B´90/Grüne, bahnpolitischer Sprecher Bundestagsfraktion

Der Abgeordnete glaubt, dass für die Mehrkosten am Ende der Bund einspringen muss. Und das sei nicht das einzige Problem – Stuttgart 21 könne den geplanten Deutschlandtakt nicht einhalten. Damit will die Bahn schnellere Verbindungen und sichere Anschlüsse in Zukunft gewährleisten. Kritiker sagen, die acht Gleise des Tiefbahnhofs reichen dafür nicht.

"Genau diese Kapazitäten, die für den Deutschlandtakt und damit für bessere Bahnanbindungen notwendig sind, bietet dieser Tiefbahnhof nicht."

Matthias Gastel, B´90/Grüne, bahnpolitischer Sprecher Bundestagsfraktion

Die Bahn dagegen sieht weder höhere Kosten, noch eine Gefahr der Leistungsfähigkeit: „Der zukünftige Hauptbahnhof verfügt über ausreichende Kapazitäten, um den geplanten Deutschland-Takt umsetzen zu können.“

Derweil haben die Bewohner im Kernerviertel mit neuen Problemen zu kämpfen.

"Das wäre lebensgefährlich, wenn jemand so etwas auf den Kopf bekommt. Deshalb muss ich da schnell eine Maßnahme ergreifen."

Frank Schweizer

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