Report München


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Der vermeidbare Tod Der lange Weg zum LKW–Abbiegeassistenten

Jedes Jahr sterben Fahrradfahrer durch rechtsabbiegende Lastwagen. Dabei gibt es schon lange eine Lösung: den Abbiegeassistenten. Das System warnt LKW-Fahrer vor Objekten rechts neben dem Fahrzeug. Doch die deutsche Politik setzt auf Freiwilligkeit, wartet auf ein EU-weites Gesetz, das Abbiegeassistenten zur Pflicht macht. In anderen Ländern gibt es Konzepte, den Prozess zu beschleunigen.

Von: Irini Bafas, Ulrich Hagmann

Stand: 08.10.2019

Das zerstörte Fahrrad steht noch da, der LKW auch. Ein Gutachter vermisst den Unfallablauf. Hier, am Münchner Hauptbahnhof, wurde Montag vergangener Woche eine Radfahrerin von einem LKW erfasst, eingeklemmt und mitgeschleift.

Nur mit viel Glück hat Rosemarie Wirth aus Augsburg einen ähnlichen Unfall überlebt. Sie wurde 2017 von eine rechtsabbiegenden LKW überrollt, seitdem in 31 Operationen wieder zusammengeflickt.

Der lange Weg zum LKW-Abbiegeassistenten | Bild: BR

"Wenn ich dann lese, dass wieder jemand zu Tode oder schwer verletzt worden ist aufgrund dieses fatalen toten Winkels, kommt es immer wieder hoch. Also, das ging in Sekundenschnelle, er hat mich am Vorderreifen erwischt und ich bin dann mit dem Kopf auf den Beton geknallt. Und dann ist er eben drübergefahren, auch mit der Hinterachse. Stehen geblieben, merkte, dass was nicht stimmt, legte irrsinniger weise den Rückwärtsgang ein und überfuhr mich nochmal."

Rosemarie Wirth, Unfallopfer

Jedes Jahr sterben in Deutschland zwischen 30 und 40 Radfahrer durch rechtsabbiegende LKW, darunter viele Kinder. Der Deutsche Fahrrad Club hat an vielen Unfallstellen weiße Fahrräder aufgestellt. „Ghostbikes“, als Mahnmale.

Auch seine Tochter wurde von einem rechtsabbiegenden LKW überrollt. Sylvia Schnürer war sofort tot.

"Es war am 21. September. Um 9:21 Uhr war sie tot, am 30. Geburtstag. Ich krieg halt, wenn ich LKW sehe, immer Unverständnis, weil das System kostet Materialkosten 700 Euro. Warum wird das nicht eingesetzt und warum ist das nicht schon lange verpflichtend, weil man könnte jedes Jahr viele Tote verhindern."

Anton Schnürer, Vater eines Unfallopfers

"Für viele LKW-Fahrer ist es praktisch unmöglich, den Radfahrer rechtzeitig zu sehen."

Lassen sich mit wenig Geld diese Unfälle tatsächlich verhindern? In der Münchner Rechtsmedizin hat der Unfallforscher Wolfram Hell hunderte Rechtsabbiegeunfälle untersucht. Sie alle folgen demselben Muster.

"Wenn Sie die Unfälle im Detail rekonstruieren, ist es so, dass für einen Bruchteil der Sekunde der Fahrradfahrer in einem dieser Spiegel auftaucht, dann wieder nicht, dann in einem anderen Spiegel, dann wieder lange nicht, dann sieht man vielleicht noch den Schopf des Radfahrers unten in der Seitenscheibe. Das ist für viele LKW-Fahrer praktisch unmöglich, den Radfahrer rechtzeitig zu sehen."

Dr. med. Wolfram Hell, Institut für Rechtsmedizin LMU München

Der tote Winkel beim LKW ist riesig, aber mit modernen Abbiegeassistenten auf Radar- oder Kamerabasis ließe sich schätzungsweise die Hälfte der Unfälle vermeiden.

"Das ist wirklich frustrierend. Die Lobby ist vielleicht zu klein für Verkehrstote, dass damit relativ wenig Aufwand und relativ wenig finanziellem Einsatz sehr effiziente Maßnahmen umgesetzt werden."

Dr. med. Wolfram Hell, Institut für Rechtsmedizin LMU München

Erst ab 2024 sind Abbiegeassistenten für neue LKW in der EU Pflicht. Bei Spediteur Willi Kellershohn fährt heute schon die gesamte Flotte mit dem System. 1400 Euro hat ihn das gekostet, pro Laster.

"Hier haben wir das Radarsystem. Und alles, was sich dann an beweglichen Gegenständen hier befindet, wird dann automatisch erfasst. Im Fahrzeug ist in der A-Säule ein Dreieck. Der erste Hinweis ist: Das Dreieck wird gelb. Der zweite Hinweis ist: Das Dreieck wird rot. Und danach ertönt ein Geräusch, und spätestens danach ist der Fahrer gehalten automatisch zu bremsen. Ein Menschenleben für 1400 Euro zu retten, so schwer ist das nicht."

Willi Kellershohn, Spediteur

Abbiegeassistenten könnten Menschenleben retten - doch Deutschland setzt auf Freiwilligkeit

Das findet auch Verkehrsminister Andreas Scheuer und fördert deshalb Unternehmen, die freiwillig nachrüsten. Aber das Geld reicht gerade einmal für einen Bruchteil. Einen deutschen Alleingang bei der verpflichtenden Einführung von Abbiegeassistenten lehnt er ab.

"Was bringt mir, wenn ich jetzt national was regele, was in einem Transitland wie Deutschland dann mit 30,40% ausländischen Kennzeichen, dann zu keiner Verbesserung führt?"

Andreas Scheuer, CSU, Bundesverkehrsminister am 06.06.2019

Aber – ein aktuelles Rechtsgutachten kommt zum Schluss: Scheuer könnte durchaus mehr tun.

"Äußerungen des Bundesverkehrsministers erwecken den Eindruck, man könne nicht handeln. Und dieser Eindruck ist falsch. Wir hätten die Möglichkeit, die Straßenverkehrsordnung zu ändern und dort den Kommunen eine klare Rechtsgrundlage für Verkehrsbeschränkungen für LKW ohne Abbiegeassistenten zur Verfügung zu stellen. Das würde schnell und wirksam helfen."

Prof. Martin Führ, Öffentliches Recht Hochschule Darmstadt

Abbiegeassistent in Wien bereits nächstes Jahr Vorschrift

Genau das machen die Österreicher. In der Hauptstadt Wien gilt ab nächstem Jahr ein Rechtsabbiegeverbot für alle LKW ohne Abbiegeassistent.

"Es ist dramatisch ein Kind gestorben Anfang des Jahres. Und wir tragen nun mal Verantwortung als Politikerinnen und Politiker. Und ich habe rechtlich die Möglichkeit, in Wien ein de facto Fahrverbot für rechtsabbiegende LKW ohne Abbiegeassistenten zu erlassen, und das tue ich."

Birgit Hebein, Die Grünen, Vizebürgermeisterin Wien

Im europäischen Ausland ist offenbar möglich, wofür Angehörige und Opfer hier so vehement kämpfen.

Der lange Weg zum LKW-Abbiegeassistenten | Bild: BR

"Warum wir Deutschen nicht? Warum wir Deutschen nicht, warum sind unsere Politiker nicht so viel Mann und setzen das durch?"

Anton Schnürer, Vater eines Unfallopfers

Verkehrsminister Scheuer eröffnet heute das Dialogforum Nationaler Radverkehrsplan. Warum ändert er nicht wie Österreich die Straßenverkehrsordnung?

"Wir haben uns auch alle Gutachten angesehen, die immer wieder in die Diskussion gebracht werden, die halten das nicht. Es ist pur europarechtlich. Wir haben das abprüfen lassen, was wir national noch machen können, an dieser Stelle sind wir begrenzt."

Andreas Scheuer, CSU, Bundesverkehrsminister

Warum Einfahrtsverbote im EU-Land Österreich möglich sind und in Deutschland nicht, bleibt das Geheimnis von Andreas Scheuer.

"Ich finde, jedes Menschenleben, das jetzt noch ausgelöscht wird, unverantwortlich vom Herrn Scheuer, dass er das in Kauf nimmt."

Rosemarie Wirth, Unfallopfer

Sie wollen, dass anderen ihr Schicksal erspart bleibt. Und kämpfen weiter. Rosemarie Wirth, die Überlebende, und Anton Schnürer, der Vater.

Die verunglückte Radfahrerin vom Hauptbahnhof München ist am Samstag, fünf Tage nach dem Unfall, gestorben. Sie ist das 21 Todesopfer durch einen abbiegenden LKW in diesem Jahr in Deutschland.

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