Report München


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Lieferengpässe durch Putins Krieg Genervte Verbraucher, frustrierte Unternehmer

Holzpaletten, Wärmepumpen, Dachabdeckungen. Überall fehlt es an Nachschub. Schon mit Ausbruch des Coronavirus gerieten Lieferketten weltweit ins Stocken. Mit dem Krieg gegen die Ukraine drohen viele Verbindungen jetzt endgültig abzureißen.

Von: Markus Rosch, Friederike Wipfler, Sabina Wolf

Stand: 02.05.2022

Stress auf der Baustelle von Familie Schink. Bald möchten sie hier einziehen. Aber es gibt massiv Probleme: An allen Ecken und Enden fehlt es an Material und Handwerkern. Eigentlich wollte die Familie mit der Sanierung im niedersächsischem Duderstadt schon viel weiter sein. Aus dem alten Zuhause müssen sie bald raus -  es ist bereits verkauft. Doch noch ist kein Ende des Umbaus in Sicht. Eine Belastung für die Familie.

"Also die Unsicherheit, die steigt schon, je mehr Verzögerungen sich jetzt einstellen. Und es gibt bisher kein Gewerk, bei dem wirklich alles, oder wo ich jetzt das Gefühl habe, das klappt jetzt nach Plan und wir bekommen auch das Material und die Handwerker so, wie wir das brauchen, zu dem Zeitpunkt, wo wir das brauchen."

Marielle Schink

Eines der größten Probleme wartet im Untergeschoss. Denn die Familie möchte das Haus künftig mit erneuerbaren Energien wärmen.  

"Hier gehen wir in den Heizkeller. Wo die alte Heizanlage noch zu finden ist, die wir also auch komplett austauschen werden. Und da kommt dann die neue Wärmepumpe hin. Wenn sie denn lieferbar ist. Das ist und bleibt die spannende Frage. Genau."

Marielle Schink

Ob das mit der Heizung bis zum Winter klappt? Völlig offen. Grund: Lieferschwierigkeiten. Wegen der Pandemie und des Krieges gegen die Ukraine. Auch mit dem Dach gibt es Probleme – es muss neu gemacht werden. Die gewünschten Ziegel sind nicht lieferbar, auch die Ersatzziegel kommen nicht ohne Tücken.

"Das aktuelle Problem ist, dass wir bis zum 13. Mai die Ziegel geliefert haben müssen, um den jetzigen Preis sichern zu können. Oder wir müssen danach die jetzt schon angekündigte Preiserhöhung von 26 Prozent in Kauf nehmen."

Thomas Schink

Für Bauherrn ärgerlich - für Betriebe existenzgefährdend

15 Paletten mit Ziegeln müssen also kurzfristig irgendwo irgendwie gelagert werden – bis sie irgendwann zum Einsatz kommen. Probleme auf deutschen Dächern: Im Norden wie im Süden. Auch auf dieser Nürnberger Baustelle sollte es eigentlich schon anders aussehen.   

Dringend benötigte Balken wurden nicht geliefert, heute ist Dachdecker Preißinger einfach selbst zum Lieferanten gefahren.

"Ja, normalerweise hätten wir das Material schon länger haben müssen und jetzt haben wir es auch selbst geholt. War so nicht gedacht. Normalerweise wird das ja auf Baustellen geliefert."

Kay Preissinger, Dachdeckermeister Preissinger Dach

Früher hat er das Holz von einen auf den anderen Tag bekommen, jetzt dauert es deutlich länger. Noch unerwarteter ist für ihn, dass er ganz essenzielle Baumaterialien zurzeit gar nicht bestellen kann. Zum Beispiel das hier: Dachpappe, sogenannte Bitumenbahnen – Bitumen kommt zum großen Teil aus Russland – und aktuell kaum lieferbar. Lieferengpässe - für Bauherrn ärgerlich, für Betriebe existenzgefährdend.

"Wenn das natürlich sich über alle Bereiche erstreckt. Dann ist die Möglichkeit die Kurzarbeit – was Anderes bleibt da nicht. Mit aller Macht soll das vermieden werden."

Kay Preissinger, Dachdeckermeister Preissinger Dach

Weltweit gestörte Lieferketten

Die Folgen der Pandemie und nun des Kriegs gegen die Ukraine sorgen weltweit für gestörte Lieferketten. Vor den großen Häfen in Shanghai oder Hamburg stauen sich die Containerschiffe. Die Auswirkungen treffen mittelständische Unternehmen besonders schwer:  

"Für Unternehmen hat das mehrere Folgen. Die erste: Sie können Aufträge nicht entgegennehmen, weil sie die Kosten der Rohstoffe und der Logistik und den Lieferzeitpunkt nicht kennen. Sie müssen zum Teil mit Kurzarbeit fahren, obwohl sie volle Auftragsbücher haben, aber die Rohstoffe nicht bekommen oder die Logistikkosten explodiert sind für Produkte, wo die Logisitkkosten, wo die Kosten extrem wichtig sind, günstige für."

Markus Jerger, Bundesverband mittelständische Wirtschaft

Oft sind es auch nur ganz kleine Dinge, die Sorgen bereiten - wie diese Nägel.

"Dieses Rohmaterial für die Nägel, das kommt zum ganz großen Teil aus der Ukraine, aus Weißrussland, aus Russland. Und diesen Rohdraht, den unsere Nagellieferanten dort kaufen, der steht jetzt halt nicht mehr zur Verfügung. Und von diesem Problem, ist die Branche relativ überrascht gewesen."

Tobias Lüffe-Baak, Palettenunternehmer Lüffe-Baak Paletten

Tobias Lüffe-Baak ist Palettenunternehmer. Und ohne Nägel – keine neuen Paletten. Ungefähr 70 Stück stecken in einer drin. Paletten sind gerade ungefähr so gefragt wie Klopapier zu Beginn der Pandemie.  

"Im Moment werden wir mit Anfragen bombardiert. Also 40-50 Anfragen am Tag ist nicht ungewöhnlich, die also per E-Mail, per Telefon oder Webseite reinkommen."

Tobias Lüffe-Baak, Palettenunternehmer Lüffe-Baak Paletten

Unternehmer Tobias Lüffe-Baak muss jedoch absagen. Im Moment kann er gerade so seine Stammkunden beliefern. Es fehlt nicht nur an Nägeln.   

"Aus Minsk, da kommt ein Teil des Schnittholzes, was wir bis Kriegsbeginn gekauft haben."

Tobias Lüffe-Baak, Palettenunternehmer Lüffe-Baak Paletten

Kann der Staat helfen?

Das Schnittholz aus Belarus kann er aufgrund des Embargos nicht mehr beziehen - Lüffe-Baak muss seine Lieferketten umdenken. Die Probleme der Palettenindustrie zeigen, wie eng vernetzt globale Lieferketten sein können. 

120 Millionen Paletten wurden alleine letztes Jahr in Deutschland produziert, mehr als je zuvor. Ein Teil des Holzes für die Produktion wird normalerweise aus der Ukraine, Belarus und Russland importiert. Zusätzlich kamen 10 Millionen Paletten aus eben diesen Ländern. Außerdem 10 Millionen aus Polen und dem Baltikum. Aber auch diese Länder sind abhängig von russischen und belarussischen Holzimporten.     

"Jede Firma, die irgendetwas produziert, muss ihre Ware auf eine Palette stellen. Ob es Lebensmittel sind, ob es Getränke sind, chemische Produkte, Autozuliefererteile. Unsere gesamte Logistik weltweit steht eigentlich auf Paletten."

Tobias Lüffe-Baak, Palettenunternehmer Lüffe-Baak Paletten

Von NRW in den tiefen Süden: Ohne Paletten – keine Lieferketten. Auch der Frühstücksjoghurt ist von dem kleinen Nagel in Paletten abhängig.  

"Eine Europalette hat vor einem Jahr im Zukauf 10 Euro gekostet, kostet aktuell 25 Euro. D.h. für unsere Molkerei über eine Millionen Euro mehr Kosten im Jahr nur für Europaletten. Und dann auch hier die Frage, bekommen wir diese überhaupt."

Bernhard Pointner, Geschäftsführer Milchwerke Berchtesgadener Land 

Pro Tag verwendet die Molkerei in Oberbayern 2.500 Europaletten. Denn täglich werden hier eine Millionen Liter Milch verarbeitet – 1.800 Milchbauern hängen daran. Noch hat das Unternehmen keine leeren Lager.

"Ehrlich gesagt führen wir Unternehmen seit Jahrzehnten sehr konservativ. Just in time ist für uns kein Thema, genauso wie Outsourcing kein Thema ist. Wir haben einen eigenen LKW-Fuhrpark, wir haben genügend Lagerfläche. Wir haben auch jetzt Vorräte angesammelt bei Europaletten und Mehrwegglasflaschen. Also wir versuchen schon, die Molkerei über diese schwierige Phase möglichst reibungslos zu bringen."

Bernhard Pointner, Geschäftsführer Milchwerke Berchtesgadener Land  

Wieder weg von just-in-time und hin zur Lagerhaltung? Einige Unternehmen denken gerade um. Aber auch Forderungen an den Staat werden jetzt lauter:  

"Und da ist eine Antwort drauf: Sich mehr zu diversifizieren. Also nicht nur von einem Lieferanten abhängig zu sein, sondern von mehreren – dann kann ich den halt auch wechseln. Und da glaube ich, kann die öffentliche Hand helfen. Unter anderem durch mehr Handelsverträge. Dass es leichter wird, mit Südamerika Handel zu betreiben. Mit Indien, wachsender Markt."

Prof. Achim Wambach, Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW)

Wie das Wirtschaftsministerium derzeit die Lieferkettenprobleme bewertet, darauf hat report München bis Redaktionsschluss keine Antwort erhalten. Familie Schink kann aufgrund der fehlenden Teile nur den Garten ihres neuen Eigenheims nutzen. Sie hoffen, dass es irgendwie weitergeht – und sie bis zum Winter endlich einziehen können.

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