Report München


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Einmal Licata-Reinheim und zurück Was Italiener und Deutsche verbindet

Auf der Landkarte trennen die beiden Orte über 2000 Kilometer. Die Sizilianische Hafenstadt Lacata und der hessische Ort Reinheim. Doch eine gemeinsame Gastarbeitergeschichte verbindet die Hessen und Sizilianer nun schon in der dritten Generation.

Von: Karl Hoffmann

Stand: 14.05.2019

Licata, eine Hafenstadt an Siziliens Südküste, bescheidener Wohlstand herrscht in den Neubaugebieten, die dank der Ersparnisse der Gastarbeiter entstanden sind. Praktisch jeder von diesen Rentnern, die sich täglich auf der Piazza treffen, hat früher einmal in Deutschland gearbeitet.

Ehemalige Gastarbeiter

„Ich war in Deutschland.“

„Ich war dort von 1960 bis 2009, jetzt sind meine Kinder in Deutschland, denn hier gibt es keine Arbeit.“

„Ich danke dem Herrgott, dass ich in Deutschland arbeiten durfte, dort wird man ehrlich bezahlt – im Gegensatz zu hier.“

Sizilien Anfang der 60er-Jahre. Eine andere Welt. Rückständig und voller Armut. Damals begann die Emigration der Licatesi. Als Gastarbeiter halfen sie Deutschland beim Wiederaufbau. Lillo Costantino war damals der Gemeindesekretär.

"Dass es hier an allem Lebensnotwendigen fehlt kommt nur daher, weil es hier keine Industrie gibt. Heute arbeiten viele Männer ein paar Monate in Deutschland und das ist ein Segen für die ganze Stadt."

Lillo Costantino (historische Aufnahme)

Die Hälfte der Einwohner lebt im Ausland

Die Hälfte der 60.000 Einwohner von Licata lebt im Ausland. Denn an den grundsätzlichen Problemen hat sich nichts geändert.

"Zurzeit gibt es nur jeden zweiten Tag Wasser in den Haushalten. Und für die Landwirtschaft haben wir überhaupt kein Wasser. Ich glaube, dass derzeit zwischen 6000 und 10.000 junge Leute aus Licata in anderen europäischen Ländern leben. Denn hier haben sie keine berufliche Zukunft und finden keinen Job."

Giuseppe Galanti, Bürgermeister Licata

Licatas Partnerstadt liegt in Deutschland, wo sich viele Gruppen Licatesi niedergelassen haben.  Reinheim ist eine kleine Stadt im Odenwald mit der Licata seit 2001 verbunden ist. Dort leben 300 Emigranten aus Sizilien.

Eine völlig andere Welt. Typische Idylle in der deutschen Provinz. Auch Reinheim hat kaum Arbeitsplätze, aber es leben hier viele, die ins nahe Frankfurt pendeln. Deutsche und Nichtdeutsche – ohne Unterschied. Sagt der Bürgermeister.

"Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass wir beispielsweise in dieser Stadt Menschen aus 70 verschiedenen Nationen haben, die sich hier auch zuhause fühlen. Wir alle hier sind eine große kommunale Familie, die versucht das Leben auch mit dieser kulturellen Vielfalt gemeinsam zu gestalten."

Karl Hartmann, Bürgermeister Reinheim

Der Bürgermeister hat die Familienbande zur italienischen Partnerstadt besonders eng geknüpft. Seine Frau Linda heißt mit Familiennamen Licata und kommt natürlich aus Licata. Geboren in Deutschland als Gastarbeiterkind. Bis die Eltern wieder nach Sizilien zogen

"Dann waren zehn Jahre rum und wir sind wieder in die Ursprungsheimat zurück. Das war weil immer noch dieses Gastarbeiterkind in uns auch war und ich glaube mein Vater spürte das am wirklichsten."

Linda Licata

Als sie volljährig war ging Linda wieder zurück nach Reinheim, blieb für immer und prägte indirekt die Geschicke der Gemeinde – über ihren Ehemann.

"Ich bin jemand, der preußisch erzogen ist und versucht, dieses Preußentum leider manchmal sehr intensiv zu leben. Und sie ist der korrigierende Teil bei uns, der uns immer etwas zu mehr Demut hinführt."

Karl Hartmann, Bürgermeister Reinheim

Linda ist glücklich in Deutschland, wenn auch nicht ohne Wehmut. Ihre Lieblingsschwester Rosalia ist in Licata geblieben. Sie ist Lehrerin an der dortigen Schule und organisiert den Schüleraustausch mit der Partnerstadt Reinheim.

"Ich denke, dass das sehr wichtig ist, dass die jüngere Generation immer mehr in Kontakt kommt um Vorurteile abzubauen und neue Brücken zu bauen, Brücken für ein neues Europa."

Rosalia Licata

Reinheim wird größer, Licata verlassener

Brücken, die auch wieder nach Licata zurückführen sollten. Das idyllische Reinheim wird immer grösser und schmucker, junge Leute ziehen hierher, bauen sich ein neues Eigenheim.

In Licata wird die Bevölkerung immer älter. Auf verlassenen Häusern, die niemand mehr kaufen will, steht sinnig: Nichts ändert sich – nichts. Der Bevölkerungsschwund ist dramatisch. Rosalia Licata wollte auch deshalb nicht zurück nach Deutschland, obwohl es ihr ans Herz gewachsen war. 

"Licata ist immerhin meine Heimatstadt. Aber Deutschland ist meine zweite Heimat."

Rosalia Licata

"Ich werde immer Italienerin bleiben. Und das würde auch nicht mit einer deutschen Staatsangehörigkeit etwas bei mir innen drin ändern."

Linda Licata

"Ich habe noch viele Kontakte mit Freunden aus der Schule gehalten, von daher kann ich sagen. Ich bin weder hier noch dort. Ich bin Europäer."

Rosalia Licata

"Was sich geändert hat? Ich bin jetzt Europäerin geworden, das war es nicht, als ich als Kind hier gewohnt habe, damals war ich nur das Kind eines Gastarbeiters."

Linda Licata

Gastarbeiter gibt es offiziell nicht mehr. Straßenschilder sollen eine gefühlte Nähe zum Zentrum Europas herstellen. Aber Reinheim und Licata liegen 2000 Kilometer auseinander. Und sind doch beide Teil der europäischen Union.

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