Report München


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Essen im Griff der Clans Eine Stadt wehrt sich

Sie kamen vor dreißig Jahren als Flüchtlinge. Mittlerweile beherrschen libanesische Familienclans die Unterwelt in mehreren deutschen Großstädten. In Essen wehren sich Bürger und Geschäftsleute. Polizei und Stadtverwaltung versuchen durchzugreifen. Doch ist es nicht schon zu spät?

Von: Oliver Bendixen, Ulrich Hagmann, Sabrina Zimmermann

Stand: 02.10.2018

Essen nördliche Innenstadt, direkt bei der Kreuzeskirche. Hier kämpfen arabische Clans um die Vorherrschaft auf den Straßen. Kamerateams sind unerwünscht und werden sogar am hellichten Tage, mitten in der City, aggressiv bedrängt.

„Kamera weg“
„Ich mach nix, alles gut“
„Wenn Sie mich provozieren, dann mache ich das auch so“

Dann wird der Tonmann von der Kamera getrennt, deswegen sind die folgenden Aufnahmen stumm.

Die Angreifer haben sich als Mitglieder der arabischen Großfamilie El-Zein zu erkennen gegeben. Ein Clan, der vor 30 Jahren wegen des Libanonkrieges nach Deutschland geflohen ist und mittlerweile ein kriminelles Netzwerk aufgebaut hat.

Hier die Angreifer auf einem Foto vor der Kreuzeskirche. Drunter steht: „Essener Gangstazz, langer her das wir zusammen alle  in Freiheit waren. Hier sitzen 50 Jahre, Haps.“  Das heißt Knast.

Der Angreifer mit der blauen Mütze, ist in Essen unter dem Spitznamen „Pumpgun-Bilal“ bekannt. Er ist eine,r der in der Essener Nordstadt Angst und Schrecken verbreitet.

Zu einzelnen Straftätern äußert sich die Polizei nicht, zum generellen Problem schon.

"Man tritt ausgesprochen aggressiv auf, man spricht Leute an, sagt, ihr habt ihr hier nichts zu suchen. Wenn dann 4,5,6 oder mehr auf jemanden zu kommen, dann ist das schon eine Drohgebärde, die da ist und die eine gewisse Wirkung durchaus erzielt hat in der Vergangenheit. Dass Menschen gesagt haben, ich meide bestimmte Räume. Daraus haben wir dann den Schluss gezogen, dass ist mittlerweile jetzt unsere Straße, nur wir haben hier etwas zu sagen."

Frank Richter, Polizeipräsident Essen

Die Anwohner, Geschäftsleute, Hausbesitzer: Sie alle leiden unter den Zuständen. 12.000 bis 15.000 Mitglieder zählen die Libanesen-Clans allein in Essen. Fast ungestört konnten sie kriminelle Netzwerke aufbauen. Immer wieder ist von Bedrohung, Erpressung, Schutzgeldzahlungen, Drogenhandel und Prostitution die Rede.

Die Initiative City Nord  hat einen Hilferuf an die Polizei und die kommunalen Behörden geschickt.

"Es gab Drohungs-Szenarien, es gab Situationen, die auch für Eigentümer und Vermieter unhaltbar waren, wie für die Hausbewohner, die übrigen Hausbewohner selbst. Da wurden auch nach dem Gespräch am Anfang nicht so zügig von statten gingen, wurden die Alarmglocken geklingelt."

Frank Baumeister, Immobilien- & Standortgemeinschaft Essen City Nord  

Wie brutal die Clans vorgehen, zeigt dieses Video aus dem Dezember. Aufgenommen von einem Anwohner.

Vier Autos fahren vor einem Café vor, 30 Männer steigen aus, schlagen alles kurz und klein. Verschwinden ungestört wieder. Szenen, wie aus einem Mafia-Thriller mitten in einer deutschen Großstadt.

Der Restaurantbetreiber hat Essen inzwischen verlassen. Das Lokal soll unter neuem Namen bald wieder eröffnet werden. Im Haus neben der demolierten Bar treffen wir Rabin Khodr, auch er ist libanesischer Abstammung.

"Die sind einfach reingekommen, nicht mal eine Sekunde oder eine zwei Minuten, klatsch, klatsch, klatsch, alles  kaputt gemacht paar Stühle, paar Tische und dann sind die wieder rausgegangen. Da war El-Zein und keine Ahnung, vielleicht von andere Familie auch dabei, das weiß ich nicht, ich bin nicht sicher. Ich kann nicht sagen dass Mafia ist, kann man sagen vielleicht  Familienstreit."

Rabin Khodr, Verwandter

Die Beschwerden der Anwohner haben zu einer Null-Toleranz Politik der Polizei geführt.

Doch „Pumpgun-Bilal“ interessiert das nicht. Er setzt seine Attacke auf unser Kamerateam ungerührt fort, obwohl mittlerweile ein Polizeibeamter neben ihm steht. Erst als Verstärkung anrückt, ziehen sich die Leute vom El-Zein Clan endgültig zurück.

"Die nördliche Innenstadt von Essen ist ein sogenannter gefährlicher Ort, nach dem Polizei-Gesetz in Nordrhein Westfalen. Das bedeutet, dass wir in diesem eng abgestimmten Bereich anlassunabhängig Kontrollen durchführen können."

Ulrich Faßbender, Polizei Essen

Die Polizei kontrolliert verstärkt vor allem libanesische Clans und will jetzt auch wissen, ob die teure Edelkutsche legal finanziert ist. Bei Razzien, wie hier gegen Drogenhändler und illegales Glückspiel vergangenen Donnerstag sind jetzt, anders als früher, auch der Zoll, das Ordnungsamt und die Steuerprüfung eingebunden. Es geht ans Geld und deswegen reagieren insbesondere die libanesischen Clans gereizt und noch brutaler.

Anfang September wird nach der harmlosen Kontrolle einer Shisha-Bar eine Polizistin angepöbelt, zu Boden gerissen und brutal in den Unterleib getreten.

"Alles das Situationen, die in der letzten Zeit wirklich eskaliert sind."

Frank Richter, Polizeipräsident Essen

Wir treffen den Anwalt, der regelmäßig im Auftrag der Libanesen-Clans tätig wird.

"In diesem Fall hat man zwei sehr junge Beamte dorthin geschickt, die meines Erachtens, das ergibt sich auch aus dem Videomaterial, völlig überfordert waren mit der ganzen Situation, zu dieser Eskalation hätte es nicht kommen müssen. Ich verstehe auch nicht, wenn man schon weiß, dass man die Libanesen so ein bisschen angepiekst hat, die also aggressiv reagieren, wenn Sie die Polizei sehen, dass nicht andere Einsatzkräfte im Rücken waren, die hätten eingreifen können, dann wäre das Ganze nicht in dieser Form so ausgeartet."

Volker Schröder, Strafverteidiger

Heißt die Polizei ist selber schuld, wenn sie verprügelt wird. In den sozialen Netzwerken protzen die Clans gerne mit ihren Luxusschlitten. Doch die Behörden fangen an durchzugreifen.

Junge Männer in dicken Schlitten werden derzeit häufig kontrolliert auf Essens Straßen.

"Die Polizei hat im Moment viele Fahrzeuge schon beschlagnahmt, ich versuche täglich solche Autos wieder raus zu holen. Und es steht sicherlich in einem Widerspruch, wenn der Halter eines Fahrzeugs oder der Fahrer, im Arbeitslosengeldbezug ist und gleichzeitig ein Fahrzeug fährt, was häufig mehr als 500 PS hat."

Volker Schröder, Strafverteidiger

Die Fahrzeuge sind oft auf Strohmänner angemeldet, was die Beschlagnahme rechtlich schwierig macht.

"Das ist natürlich durchaus häufig frustrierend, wenn man dann eventuell nach ein, zwei Tagen die Autos wieder hergeben muss, aber es zeigt zumindest, wir werden hier in dieser Frage nicht nachlassen. In dem einen oder anderen Fall sind sie dann wirklich auch eingezogen worden, diese Fahrzeuge, das ist schwierig, wir werden hier einen sehr langen Atem brauchen, um diese Strukturen wirklich zu zerschlagen."

Frank Richter, Polizeipräsident Essen

„Mach die Kamera weg“. Der Platz vor der Kreuzeskirche in Essen ist jetzt schon eine „No Go Area“ zumindest für Kamera-Teams ohne Polizeischutz.

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