Report München


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Gemüse aus Sizilien Die dramatischen Auswirkungen der intensiven Landwirtschaft

Im Winter sind sie besonders beliebt: Zucchini, Auberginen und vor allem die leckeren Kirschtomaten. Viel Frischgemüse kommt aus dem sonnigen Sizilien. Doch auch unter südlicher Sonne ist die Gemüseproduktion im Winter nur in Plastikhüllen und mit viel Gift möglich. Die sizilianische Landschaft ist vielerorts zerstört, Böden und Flüsse verseucht. Und zu allem Überfluss verdient auch noch die Mafia mit.

Von: Philipp Grüll, Karl Hoffmann

Stand: 19.03.2019

Wochenmarkt in Berlin – einer von vielen in Deutschland. Besonders beliebt im Winter: frisches Gemüse aus dem sonnigen Süden. Leckere  Dattel- und Kirschtomaten aus Sizilien.

Besucher:

„Ganz deliziös.“
„Der vollendete Tomatengeschmack. Ich esse keine andere mehr.“
„Ich komme aus Sizilien. Ich muss einfach an Pachino denken.“

Pachino, die Hauptstadt der Kischtomate  an der Südspitze Siziliens, gesegnet mit schönem Wetter, fast das ganze Jahr über. Genau das hatte Barbara Wojcik bewogen, vor fast 20 Jahren mit ihrem Mann ein Häuschen in Pachino zu kaufen , ihr Lebenstraum.  Als Übersetzerin arbeitet sie jetzt weitab vom kalten deutschen Winter. Einst war es ein Paradies.

"Und hier gab es nur Felder. Bis zum Meer keine Gewächshäuser gar nichts. Natur pur."

Barbara Wojcik

Dann kam der Boom der Kirschtomaten, die Landschaft wurde zum Industriegebiet. Oft stinkt es nach Chemie.

"Die pumpen Gas. Und die Wildkaninchen wohnen unter der Erde und wurden alle vergiftet. Wir haben keine Wildkaninchen mehr. Jetzt sind meine Hunde gefährdet. Zwei sind schon davon gestorben. Jetzt frage ich mich, wann ich gefährdet bin und wann mein Esel stirbt. Das ist alles versaut hier."

Barbara Wojcik

Pestizide, die in Deutschland nicht zugelassen sind

Die Beweise sind eindeutig. Die Sterbeurkunde ihres Lieblingshundes Ola. An Vergiftung gestorben, bestätigt der Tierarzt.  Das Gift lagert neben ihrem Haus. Pestizide, die in Deutschland und vielen anderen EU-Ländern nicht zugelassen sind. Sie stehen unbewacht in freier Landschaft. wo das natürliche Gleichgewicht durch jahrelangen Gifteinsatz längst zerstört ist.

"Im Vergleich zu früher ist heute die Umwelt sehr viel stärker mit resistenten Viren und Viroiden belastet. Es ist praktisch unmöglich geworden Freilandtomaten in Sizilien zu züchten, schon gar nicht im Winter, wenn die Kunden sie verlangen. Das geht nur noch in geschützter Atmosphäre im Gewächshaus."

Alfredo Tamburino Agrarexperte Legambiente

Und das muss regelmäßig keimfrei gemacht werden. Der Massenanbau von Tomaten, Zucchini und anderem Gemüse hat mit Natur wenig zu tun. Kirschtomaten im Winter – das bedeutet: Einsatz von Spritzmitteln - Befruchtung durch Hummeln, die lebend sogar aus Holland eingeflogen werden. Bauern wie Giuseppe, der Nachbar von Barbara Wojcik,  sagt, er halte sich an die vorgeschriebenen Spritzmengen.  Doch gerade wer ehrlich bleibe, habe heute wegen der illegalen Konkurrenz kaum noch Überlebenschancen.

"Es verdienen vor allem die Zwischenhändler"

Bauer Giuseppe: „Wir verdienen mit unserer Arbeit kaum noch etwas. Von dem Preis, den der Verbraucher zahlt, bleibt für uns praktisch nichts übrig. Es verdienen vor allem die Zwischenhändler und auch andere Personen.“
report München: „Andere Personen. Meinen Sie damit die Mafia?“
Bauer Giuseppe: „Sie nehmen mir das Wort aus dem Munde.“

Die Agro-Mafia hat im vergangenen Jahr wieder Rekordgewinne gemacht. Etwa mit Plastik, ohne das weder Kirschtomaten noch Zucchini oder Auberginen wachsen würden.

"Wir haben ermittelt, dass die Mafia das Geschäft mit Plastik kontrolliert, sowohl beim Verkauf wie beim Recyceln von Altplastik. Das Plastik muss jedes Jahr erneuert werden- ein Millionengeschäft. Aber das Altplastik ist mit Giftstoffen verschmutzt und muss als Sondermüll beseitigt werden."

Antonino Ciavola, Einsatzkommando der Staatspolizei, Ragusa

Dioxin in der Luft, Plastik und Pestizide in den Flüssen.

Wie die Entsorgung in der Wirklichkeit aussieht, kann man überall zwischen den Tomatengewächshäusern in weiten Landstrichen Süd-Siziliens sehen. Tourismusexperte Andrea dall‘Agli ist einer der wenigen aktiven Umweltschützer in der ganzen Gegend.

"Das ist das Werk professioneller Umweltsünder, für die ist die Bezeichnung Verbrecher noch harmlos. So etwas hier ist durch nichts zu rechtfertigen. Das wird bald in Rauch aufgehen und dann haben wir wieder eine richtige Dioxinwolke."

Andrea dall’Agli, Tourismusexperte

Das hier ist kein Einzelfall, solche Fälle gibt es in ganz Sizilien zu Tausenden. Dioxin in der Luft, Plastik und Pestizide in den Flüssen. Non buono - ihr Zustand sei nicht gut. 85 Prozent der sizilianischen Flüsse sind belastet, sagt die sizilianische Umweltbehörde. Selbst die schönsten Strände sind praktisch verwüstet. Wilde Müllhalden am Straßenrand. Samt Tierleichen.

Barbara Wojcik will ihren Lebenstraum trotzdem nicht aufgeben. In Pachino, hat sie inzwischen gute Freunde. Wie Slah, der aus Tunesien stammt und seit 18 Jahren in den Gewächshäusern arbeitet und dabei krank wird.

"Wenn ich Spritzmittel verwende, dann habe ich am Tag darauf immer Atemprobleme: Und wenn ich zu meinem Chef sage, dass es mir nicht gut geht, dann kriege ich zur Antwort, wenn du nicht arbeiten willst, dann kannst du ja gehen." Slah

Arbeiter, die für Niedriglöhne ihre Gesundheit ruinieren, vergiftete Hunde und Müll überall. Ob das den Appetit des Verbrauchers auf Kirschtomaten verdirbt?

"Das glaube ich nicht. Wichtig ist, dass der Preis gering ist. Wie das entsteht, wie das produziert wird – ich glaube, das interessiert keinen."

Barbara Wojcik

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