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Vorstellungsgespräch mit dem Computer Künstliche Intelligenz bei der Jobbewerbung

Wer sich in den USA auf einen Job bewirbt, führt inzwischen häufig das erste Bewerbungsgespräch mit einer Künstlichen Intelligenz, abgekürzt KI. Auch in Deutschland testen erste Unternehmen diese neue, umstrittene Technologie.

Von: Elisa Harlan, Benedikt Nabben, Oliver Schnuck

Stand: 16.02.2021

Es ist ein einmaliges Experiment. Mit einer Schauspielerin. Sie soll sich im Selbstversuch auf einen Job bewerben. Allerdings sitzt sie nicht einem Menschen gegenüber. Sondern einer künstlichen Intelligenz.

In den USA sind solche auf Künstlicher Intelligenz basierende Systeme seit Jahren verbreitet – und stoßen auf massive Kritik. In Online-Foren schreiben Bewerber:

Online-Kommentare

"So ein Einstellungsprozess sollte illegal sein."

"Wie kommt man auf die Idee, den Wert von Menschen durch Maschinen bestimmen zu lassen?"

Kann Software Persönlichkeitsmerkmale erkennen?

Unsere Recherchen zeigen: Auch in Deutschland gibt es erste Unternehmen, die den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, kurz KI, für die Personalauswahl erwägen. Die Werbung für solche Software klingt vielversprechend.

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Ein Persönlichkeitsprofil erstellt von einer künstlichen Intelligenz: Kurze Videoclips, aufgenommen mit einer Kamera, sollen genügen, um Mimik, Gestik und Sprache der Bewerber zu analysieren und die Persönlichkeitsmerkmale abzuleiten.

Kann so etwas rein grundsätzlich funktionieren?

An der Hochschule Osnabrück forscht Uwe Kanning seit 20 Jahren zu Auswahlverfahren. Er bezweifelt, dass sich aus den Videos die notwendigen Informationen ableiten lassen.

"Man hat ganz viele Informationen, die man aufnimmt, ob jemand Sie beispielsweise anschaut, ob ich die Arme stark bewege, ob ich meinen Kopf stark bewege und so weiter. Und wir wissen, die meisten dieser Merkmale haben gar nichts mit Persönlichkeit zu tun. Also man bewegt sich da auf äußerst dünnem Eis."

Prof. Uwe Kanning, Wirtschaftspsychologe, Hochschule Osnabrück

Wir probieren eine in Deutschland entwickelte Software aus. Und finden dabei Erstaunliches heraus. Aber von Anfang an: Vor gut einem Jahr besuchen wir das Münchner Start-Up Retorio. Das Versprechen der Unternehmer: Den Bewerbungsprozess einfacher, kostengünstiger und fairer zu machen.

report München: "Das heißt, man kann dann hier durch die einzelnen Videos der Bewerber scrollen und eins anklicken und sich direkt die Analyse anzeigen lassen?"

"Genau, genau. Also man kann die gleich auch sortieren lassen anhand verschiedener Eigenschaften. Also wenn ich jetzt sage, ich suche jemanden, der kommunikativ stark ist. Da kommt sie zum Beispiel relativ gut rüber."

Patrick Oehler, Mitgründer Retorio

Hintergrund beeinflusst das Ergebnis

Bei Retorio sind sie davon überzeugt, dass ihr Lösungsplan, der sogenannte Algorithmus, die am besten passenden Bewerber unter vielen anderen herausfiltern kann.

Video mit getauschtem Hintergrund

Mit elf Testpersonen produzieren wir mehrere Hundert Videos und überprüfen in einem Experiment, wie die Software von Retorio reagiert. Wir verändern in den Bewerbungsvideos nachträglich den Hintergrund. Und beobachten den Effekt: Hat der Hintergrund Einfluss auf die Persönlichkeitsmerkmale?

Das Ergebnis unseres Experiments lässt sich nicht verallgemeinern, aber wir sehen: Die identische Aufnahme mit drei verschiedenen Hintergründen ergibt drei verschiedene Persönlichkeitsanalysen. Die Werte weichen voneinander ab – zum Teil um mehr als zehn Punkte.

"Zehn Punkte weiter nach oben oder unten. Das führt schon dazu, dass ich Bewerber ablehne oder Bewerber einlade."

Prof. Uwe Kanning, Wirtschaftspsychologe, Hochschule Osnabrück

Katharina Zweig forscht zu künstlicher Intelligenz und hat eine Vermutung, warum sich eine KI vom Bild-Hintergrund irritieren lassen könnte.

"Das grundsätzliche Problem mit der Face-Recognition, der Gesichtserkennung durch maschinelles Lernen, ist, dass wir niemals ganz genau wissen, auf welches Muster in einem Bild diese Maschinen reagieren. Und wenn man jetzt die Bilddaten, auf denen trainiert wurde, ungünstig ausgewählt hat, so dass zum Beispiel Personen mit einer Persönlichkeit, die nach außen geht, immer viel im Hintergrund laufen hatten, dann könnte der Hintergrund als Shortcut gewählt werden von der Maschine, um solche Leute zu erkennen."

Prof. Katharina Zweig, Informatikerin, TU Kaiserslautern

Wie entscheidend ist das Erscheinungsbild?

Wir wollen wissen: Geht es um die Persönlichkeit oder ist das äußere Erscheinungsbild mitentscheidend? Wir probieren es aus – im Experiment mit der Schauspielerin. Trägt sie eine Brille, schreibt die Künstliche Intelligenz ihr diese Persönlichkeitsmerkmale zu.

Was aber geschieht mit den Werten, wenn sie die Brille gegen ein Kopftuch eintauscht? Das Ergebnis zeigt auch hier deutliche Veränderungen.Nach unserem Experiment mit der Schauspielerin und ihren verschiedenen Auftritten bitten wir Retorio um eine Stellungnahme. Wir erhalten eine schriftliche Antwort. In der aktuellen Stellungnahme heißt es (Zitat Retorio): "Unsere Lösung [...] greift auf die Erfahrung vieler unterschiedlicher Menschen zurück und schliesst Vorurteile aufgrund von Herkunft etc. aus."

Auf die Nachfrage, ob Kleidung, Frisur und Accessoires eine Rolle spielen, heißt es jedoch: (Einblendung Zitat Retorio:) „Wie in einem normalen Bewerbungsgespräch auch, fließen solche Faktoren ebenso in die Bewertung mit ein.“

Streitthema künstliche Intelligenz in der Personalauswahl: Unser Experte vertritt die Ansicht:

"Wenn die Software sozusagen genauso schlecht ist wie das Bauchgefühl der durchschnittlichen Menschen, die solche Entscheidungen treffen, dann brauche ich diese KI auch gar nicht."

Prof. Uwe Kanning, Wirtschaftspsychologe, Hochschule Osnabrück

Julia Angwin ist eine der angesehensten Datenjournalistinnen der USA und beobachtet den Markt seit Jahren.

"Die Menschen suchen verzweifelt nach solchen Technologien. Menschen einzustellen ist schwierig, die Auswahl ist schwierig. Die Menschen wollen diese schweren Entscheidungen abgeben und sie von einer Maschine treffen lassen. Das Problem ist, dass Maschinen Schwachstellen haben."

Julia Angwin, Chefredakteurin “The Markup”

Die besten Bewerber finden: Eine extrem schwierige Aufgabe. Für Menschen aber auch für Computer.


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