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Künstliche Intelligenz Wie Deutschland seinen Wohlstand aufs Spiel setzt

Künstliche Intelligenz gilt als die Schlüsseltechnologie der Zukunft – kein Auto, keine Klinik, keine Fabrik wird künftig mehr ohne sie funktionieren. Die USA und China haben das längst erkannt. Sie stecken Milliarden in Forschung und Entwicklung. Ihre Unternehmen legen jetzt die Standards für die Technologie fest. Experten warnen: Deutschland wird seinen Wohlstand und seine Zukunft verspielen.

Von: Fabian Mader

Stand: 02.10.2018

"Es ist so, vergleichbar wie damals auch mit der Atomkraft, ja. Ich kann damit Licht erzeugen, oder ich kann damit auch eine Stadt vernichten."

Gary Hilgemann, Unternehmer

"Da geht es natürlich auch um den zukünftigen Wohlstand unserer Gesellschaft und um internationale Wettbewerbsfähigkeit."

Stefan Heumann, Experte der Enquete-Kommission des Bundestags „Künstliche Intelligenz“

"Ich glaube, es ist inzwischen allen Beobachtern klargeworden, dass wir nicht zu den Vorreitern der Entwicklung gehören."

Prof. Dr. Dietmar Harhoff, Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb

Maschinen fangen an, selbst Entscheidungen zu treffen: Sie können immer größere Mengen an Daten analysieren, und erkennen in ihnen selbstständig Muster – Welche ist die richtige Fahrspur? Wem gehört dieses Gesicht?

Derzeit liefern sich China und die USA einen Wettstreit um die Spitzenposition im Bereich Künstliche Intelligenz. Deutschland ist meist nur Zuschauer.

Technologie-Konzerne drücken aufs Tempo, legen die Standards fest. Stefan Heumann ist als Experte in den Bundestag geladen. Vergangene Woche tritt dort zum ersten Mal eine neue Parlamentskommission zusammen, sie soll endlich Antworten liefern: Was sollen intelligente Maschinen hierzulande dürfen?

"Die chinesische Regierung entwickelt diese Technologie mit dem Ziel, auch die eigene Bevölkerung zu überwachen, die amerikanischen Unternehmen entwickeln sehr stark, auch um in Privatsphäre einzudringen. Ich glaube, wir haben andere Vorstellungen davon, wie wir diese Technologie einsetzen wollen."

Stefan Heumann, Experte der Enquete-Kommission des Bundestags „Künstliche Intelligenz“

Bis 2015 stammten rund 1400 Patentfamilien im Bereich Maschinelles Lernen aus den USA – Aus China rund 750, aus Deutschland nur 140.

Patente allein sagen wenig aus. Aber das Bild wird noch klarer, blickt man auf die fünf wichtigsten Konferenzen für Künstliche Intelligenz der vergangenen Jahre. Von den US-Unternehmen IBM, Google und Microsoft stammte rund die Hälfte der Arbeiten, die Unternehmensforscher dort erfolgreich eingereicht hatten. Von den drei stärksten deutschen Firmen, Bosch, Siemens und Zementis, kam gerade mal eine von 100 Arbeiten.

"Damit verlieren wir natürlich auch ein Stück weit die Kontrolle darüber, sie so zu entwickeln, dass sie unseren ethischen Maßstäben entspricht. Wir müssen selbst die Standards setzen können. Die EU-Kommission redet davon, dass wir die vertrauensvolle Künstliche Intelligenz in Europa entwickeln wollen. Und dass das unsere Stärke sein soll. Das kann nicht nur einfach auf Regulierung beruhen, sondern das muss auch darauf beruhen, dass wir eigene Forschungskompetenzen und Entwicklungskompetenzen hier haben, das umzusetzen."

Stefan Heumann, Experte der Enquete-Kommission des Bundestags „Künstliche Intelligenz“

Das Technologiezentrum LÜNTEC bei Dortmund. Gary Hilgemann und sein Team arbeiten dort an einem umstrittenen Thema: Gesichtserkennung mit Videokameras. Auch sie funktioniert mit Künstlicher Intelligenz, oder kurz: KI.

"Die KI ist von Grund auf nicht böse. Aber der Mensch kann dieses Werkzeug halt, für A oder B verwenden. Und wir mögen es überhaupt nicht, wenn da das Persönlichkeitsrecht verletzt wird. Das lehnen wir auch ab und diese Applikationen unterstützen wir auch nicht."

Gary Hilgemann, Unternehmer

Sie setzen sich sogar für ein Siegel ein: KI Made in Germany. Keine Verletzung von Persönlichkeitsrechten, kein Datenmissbrauch, keine Waffensysteme.

"Wenn ich dann irgendwie privat auf einem Konzert bin. Letztens war ich in Hamburg auf den Foo Fighters. Da gab‘s insgesamt 5 Bierstände, aber die waren halt so schlecht positioniert, dass alle bei einem waren, und drei waren leer. Und dafür hilft dieses Modell, nicht um die Leute zu überwachen, um sie zu identifizieren, sondern um zu sagen, hier standen wirklich in dem Moment 50 Leute zu der Uhrzeit, wo das Konzert eine Pause hatte. Das wird ihm helfen, und dafür sind diese Modelle halt sehr gut geeignet."

Gary Hilgemann, Unternehmer

Die Tüftler haben einen ultraschnellen Minirechner entwickelt und produzieren ihn in Deutschland. Er sorgt dafür, dass Daten lokal gespeichert bleiben und nicht auf den Servern internationaler Konzerne landen.

Die Industrie sei bisher zurückhaltend.

"Wenn wir irgendwo sind und wir zeigen die Technologie, dann fehlt meistens die Vision, diesen Schritt mit uns auch zu gehen. Das man sagt, man investiert jetzt einfach mal in dieses Projekt ein oder zwei Jahre und man fördert wirklich diese Unternehmen wie uns. Das würde uns sehr, sehr gut helfen und sehr, sehr viel helfen. Das vermisse ich hier total."

Gary Hilgemann, Unternehmer

Das lässt sich in Zahlen belegen.

2017 bekamen Start-Ups in den USA rund 8 Mrd. Dollar von privaten Investoren – in China waren es fünfeinhalb Mrd. – in Deutschland nur 0,2 – selbst innerhalb Europas ein schlechter Wert.

Dietmar Harhoff berät die Bundesregierung zum Thema Innovation.

"Wir haben die ersten Anzeichen seit 2012, dass hier wirklich eine radikale Innovation im Anmarsch ist, verpasst. Und das hat viel damit zu tun gehabt, dass wir uns viele Jahre lang wegen unserer Exporterfolge auf die Schulter geklopft haben und gar nicht wahrhaben wollten, dass nicht alle Statistiken rosig aussahen."

Prof. Dr. Dietmar Harhoff, Direktor am Max-Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb

Dabei gibt es auch in Deutschland spannende Start-ups: Rasmus Rothe und sein Team etwa wollen Ärzte besser machen. Mit Künstlicher Intelligenz. Ihre Software erkennt Brustkrebs, schon bald schneller und genauer als Topmediziner.

"Die Software hat im Zweifel mehr Studien gesehen, als ein Radiologe je in seinem ganzen Leben anschauen kann. Und das kann die Software eben über eine Nacht lernen, wohingegen der Radiologe dafür vielleicht 20 Jahre braucht, bis er auf dem Qualitätsniveau ist."

Rasmus Rothe, Geschäftsführer Merantix AG

Die Software liefert eine Vordiagnose. Die Entscheidung bleibt beim Arzt. International arbeiten Teams an ähnlichen Programmen. Aber dort kommen sie leichter an Geld, wachsen oft schneller.

Zurück im Bundestag.

Für Stefan Heumann geht es jetzt auch um die Zukunftsfähigkeit Deutschlands. Wenn deutsche Unternehmen die Technologie künftig einkaufen müssen, verdienen sie weniger mit ihren Produkten.

"Gerade in Schlüsseltechnologien, gerade in der Fahrzeugindustrie, im Maschinenbau, da sind wir Exportweltmeister, da sind unsere Produkte weltweit führend und darauf beruht auch unser Wohlstand. Und wenn in diesen Bereichen auf einmal andere Länder überholen und abhängen, dann hat das natürlich massive Auswirkungen auf die Beschäftigungsmöglichkeiten in Deutschland und auf den Wohlstand in Deutschland."

Stefan Heumann, Experte der Enquete-Kommission des Bundestags „Künstliche Intelligenz“

Der Bundesregierung dämmert offenbar inzwischen, worum es geht. Sie will im Dezember eine Strategie für Künstliche Intelligenz veröffentlichen. Das Wirtschaftsministerium schreibt uns, Zitat: „Die Bundesregierung baut ihre Aktivitäten im Bereich KI aktuell deutlich aus.“

"Selbst die Franzosen haben schon eine KI-Strategie veröffentlicht und Präsident Macron hat auch direkt gesagt, dass man 1,5 Mrd. ausgeben will für die Forschung in diesen Bereich. Solche Ansagen fehlen mir von der deutschen Politik, es fehlt nicht nur an der Strategie, sondern es fehlt auch die Bereitschaft, wirklich Haushaltsmittel in die Hand zu nehmen, um in diesem Bereich stark zu investieren. Mit einem Strategiepapier alleine – wird es nicht getan sein."

Stefan Heumann, Experte der Enquete-Kommission des Bundestags „Künstliche Intelligenz“

Künstliche Intelligenz wird die Welt verändern. Ob wir wollen oder nicht. Wenn wir diese Zukunft nicht anderen überlassen wollen, muss Deutschland seine Ressourcen und sein Potential endlich nutzen.

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