Report München


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Krank durch Weizenprodukte? Wissenschaftler vermuten Zusammenhänge

Das lebenswichtige Grundnahrungsmittel Weizen ist in Ungnade gefallen. Immer mehr Menschen geben ihm die Schuld für unerklärliche Krankheitssymptome. Ist die industrielle Verarbeitung und der hochgezüchtete Weizen für zunehmende Unverträglichkeiten verantwortlich? Renommierte Wissenschaftler wollen diese Frage jetzt klären. Erste deutliche Hinweise gibt es bereits.

Von: Andrea Koeppler

Stand: 04.06.2019

Stefanie Huber-Kron konnte immer essen was sie will:

"Mit ist nicht schlecht geworden, ich hab kein Bauchweh gekriegt, keine Verdauungsbeschwerden gehabt."

Stefanie Huber-Kron

Das ändert sich schleichend. Die unternehmungslustige Mutter einer Tochter fühlt sich immer häufiger grundlos erschöpft.

"Das jahrelange Müdigkeits- und Erschöpfungssyndrom war der Vorreiter. Was das Fass zum Überlaufen gebracht hat, das waren die Verdauungsbeschwerden. Ich hab was gegessen und hab danach einfach ein Klo gebraucht. Ich hab genau gewusst, wo die Toiletten in der Stadt sind, in den Läden sind. Und das ist schon – das schränkt einen schon sehr ein."

Stefanie Huber-Kron

Nachdem Arztbesuche nicht helfen, lässt Stefanie Huber-Kron einzelne Nahrungsmittel weg - bis sie schließlich eines als Ursache ihrer Krankheit im Verdacht hat: Weizen.

"Wir hatten einfach überhaupt kein Wissen über diese Erkrankung"

London. An dieser Privatklinik versucht die renommierte Ärztin Annette Fritscher-Ravens Menschen wie Stefanie Huber-Kron zu helfen. Gerade wurde Patient Nesa mit starken krampfartigen Bauchschmerzen aufgenommen.

Annette Fritscher-Ravens hat Jahrzehnte an der Kieler Universitätsklinik über den Reizdarm geforscht. Seit ihrer Pensionierung arbeitet sie in London weiter in ihrem Spezialgebiet. Schon früh nahm sie das Leiden ihrer Patienten ernst - am Ende der Untersuchung wird sie Gründe für Nesas Schmerzen gefunden haben.

"Das hindert das tägliche Leben extrem. Ich hab das beste Beispiel eines Kranfahrers im Hamburger Hafen, der einfach nicht mehr Kran fahren konnte. Die kommen gar nicht so schnell runter vom Kran wie sie aufs Klo müssen. Die ihren Beruf aufgeben müssen dafür. Und das betrifft einen großen Teil der Bevölkerung, die über viele Jahre und Jahrzehnte auch nicht betreut werden konnten, weil wir einfach überhaupt kein Wissen über diese Erkrankung hatten."

Prof. Dr. Annette Fritscher-Ravens, Bupa Cromewell Hospital

Das Problem: Die Patienten saßen zwar mit Blähbäuchen vor den Ärzten – doch mit herkömmlichen Diagnosemethoden fand man für die Verdauungsbeschwerden keinen medizinischen Nachweis. Fritscher-Ravens hat das geändert: mit einer bahnbrechenden neuen Methode. Während der Endoskopie bringt die Ärztin verschiedene im Verdacht stehende Nahrungsmittel auf die Darmschleimhaut auf. So kann sie feststellen, worauf genau die Patienten mit ihren diffusen Beschwerden reagieren. Zum Beispiel eben auf den Weizen…

Weizenunverträglichkeit - das Ergebnis jahrzehntelanger Züchtung?

In den Supermarktregalen boomen inzwischen Produkte ohne Gluten, das ist das Klebereiweiß im Weizen, das viele für die Unverträglichkeit verantwortlich machen. Dabei wurden diese Produkte eigentlich für Menschen mit Zöliakie entwickelt. Die Krankheit wird durch einen Gendefekt verursacht und heißt für die Betroffenen: strengster Verzicht auf Weizen. Zöliakie haben allerdings nur rund 1 Prozent der Bevölkerung.  Doch der Teil, der glaubt Weizen mache krank, ist deutlich größer, das Landwirtschaftsministerium geht von bis zu 6% der Bevölkerung aus. Die Industrie sieht das anders. Kein Getreide passt sich den Anforderungen industrieller Verarbeitung so gut an, wie der Weizen. Das Ergebnis jahrzehntelanger Züchtung.

Für Klaus Fleißner ist das auch das Problem – deswegen züchtet er alte Sorten.

"Das ist ein super Weizen. Der sieht ja klasse aus der ist wundeschön, riesen Ähre und dann die langen Krannen."

Klaus Fleißner

Er glaubt, dass alte Sorten für Menschen verträglicher sind. Und der optimierte "Industrie-Weizen" unterscheide sich grundsätzlich.

"Da hat die Züchtung ganz schön verkürzt. So, jetzt vergleichen wir die beiden mal, hier ist die neue Sorte, hier ist die alte – ganz schöner Unterschied."

Klaus Fleißner

Auch Fleißner kommt am Thema Weizensensitivität nicht vorbei, stellt eine provokante These auf: die Verträglichkeit des Weizens wurde in der Züchtung zugunsten der Backfähigkeit vernachlässigt. 

"Die Gene, die die Backeigenschaften bestimmen, an denen wurde viel herumgezüchtet. Selektiert, gekreuzt."

Klaus Fleißner

Experten haben verschiedene Theorien darüber, welcher Stoff im Weizen für die Unverträglichkeiten und gesundheitlichen Probleme verantwortlich ist. Neben dem Gluten gibt es auch noch andere Proteine und Kohlenhydrate, die im Verdacht stehen. Ein gefundenes Fressen für Ernährungsberater.

Der Weizen avancierte unterdessen zum Lieblingsfeind mancher Autoren. Sie sagen: Weizen mache nicht nur krank, sondern auch schlapp, faul und dumm. Eigentlich wäre doch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefragt, die Züchtung von Weizen unter dem Aspekt der Gesundheit zu untersuchen.

Für ein Interview stand Ministerin Julia Klöckner nicht zur Verfügung. Ihre Pressestelle teilte mit, dass Projekte zum Thema Weizenunverträglichkeit gefördert würden. Ergebnisse lägen noch nicht vor, man sehe weiteren Forschungsbedarf.

Zurück am Londoner Klinikum. Annette Fritscher- Ravens hat eine schlechte Nachricht für ihren Patienten Nesa. Sie hat in der Endoskopie bei dem jungen Mann eine Weizenunverträglichkeit diagnostiziert.

Patientengespräch

Prof. Dr. Annette Fritscher-Ravens, Bupa Cromewell Hospital: „Hier kannst du sehen, dass das Kontrastmittel explodierte. Das bedeutet eine große Veränderung, das heißt: Kein Brot, keine Pizza, kein Burger.“

Nesa:  „Wie?“

Prof. Dr. Annette Fritscher-Ravens, Bupa Cromewell Hospital: „Realistischerweise musst du lernen, dass Essen keine natürliche Sache mehr ist, die du einfach so zu dir nimmst. Du musst ein Experte werden, was Nahrung für dich bedeutet. Du musst das lernen.

Auch Stefanie Huber-Kron musste das lernen. An vielem, was ihr früher gut schmeckte, geht sie nun vorbei. Weizen ist für sie tabu.

"Bei Gnocchi meint man, dass das Kartoffelprodukte sind. Und diese Fertigprodukte sind doch schnell gemacht im Alltag. Und wenn man sich die Packung dann anschaut, da steht an 2. Stelle Weizenmehl."

Stefanie Huber-Kron

Experten vermuten, dass es eine hohe Dunkelziffer von Menschen wie Stefanie Huber-Kron gibt, die an einer Weizenunverträglichkeit leiden. Liegt es an der industriellen Verarbeitung und dem dafür optimierten Weizen? Die Forschung dazu hat gerade erst begonnen.

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