Report München


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Deutschland demonstriert Die neue Lust am Protest

Vom Volksbegehren „Rettet die Bienen“ bis zu „Fridays for future“. Der Klimawandel bewegt die Menschen. Schüler gehen auf die Straße, Bauern verpachten ihre Äcker als Blumenwiesen. Deutschland denkt um.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 19.03.2019

Die Botschaft des Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ ist angekommen hier in Bayern im Landkreis Fürstenfeldbruck. Keine Agrarwüsten, weniger Ackergift. Anfangs waren die Bauern verärgert, weil auch auf dem Land sehr viele Menschen unterschrieben haben. Aber jetzt reagieren sie mit einer eigenen Aktion „Rettet mit uns die Bienen“. 

Alexander Rasch und seine Kollegen verkaufen Blühpatenschaften. 50 Euro im Jahr für 200 qm Fläche verlangt der Bauer. Alexander Rasch wird auf diesem Acker dann eine Insektenfreundliche Blumenmischung aussäen und damit aktiv den Artenschutz fördern.

"Man muss das miteinander machen und nicht gegen einander. Es bringt jetzt nichts, wenn man da gegenseitig mit dem Finger zeigt, die Landwirte auf die Bevölkerung, ihr macht nichts und die anderen auf uns, ihr seid die die, die Umwelt zerstören, das bringt in dem Fall nichts, sondern wir möchten mit den Menschen ins Gespräch kommen, das war auch ausschlaggebend für die Blühpatenschaften. Wir möchten mit den Leuten ins Gespräch kommen, wir möchten denen das zur Verfügung stellen und wir möchten mit denen reden, hier schaut´s mal her, so wirtschaften wir aus dem und dem Grund. Weil dann versteht man das einfach, wenn man miteinander redet."

Alexander Rasch, Landwirt

Vergangenen Freitag in Berlin. Frühstück vor der großen Schüler Demo „Fridays for Future“.  Die 15-jährige Franziska Wessel gehört zum Organisationsteam Berlin, der gleichalte Linus Steinmetz aus Göttingen ist einer der Köpfe der bundesweiten Koordination.

"Vor allem finde ich die cool so, 10 Uhr 55 Tommy, 10:58 so Moderation, 11 Uhr losgehen. Ja ich meine wie sind eine Schülerbewegung, wenn wir eine Demo für mehrere Tausend. Menschen machen, dann ist das schon krass."

Franziska Wessel, Fridays for Future Berlin

Was hält der Vater von den Schulstreiks?

"Ich bin früher auch mal nicht zur Schule gegangen, das hatte aber niedere Motive als das, was Franziska im Augenblick umtreibt und das, ich glaube wenn man aus diesen höheren Motiven heraus, wie sie das tut, im Augenblick handelt und sich ansonsten in der Schule einigermaßen benimmt, dass das einigermaßen glatt läuft, dann ist das meiner Meinung nach im Sinne von Bildung."

Günther Wessel, Vater von Franziska

Viele Bürger spüren, dass sich etwas ändern muss

Franziskas Engagement begann vor drei Jahren. Nach einem Referat zur Klimapolitik überredete sie ihre Familie zum Handeln. Das Auto wurde verkauft, Flugreisen gestrichen und jetzt ist sie eine der Hauptorganisatorinnen des Schülerprotestes in Berlin.

Schüler-Demo "Fridays for Future"

Statt den erwarteten 5000 Schülern sind am vergangenen Freitag in Berlin weit über 20.000 Schüler und Jugendliche für einen besseren Klimaschutz auf die Straßen gegangen.

Und in Bayern beim Bauern Alexander Rasch können die Bürger ihre Blühpatenschaften buchen. Gesammelt werden die Anmeldungen im Milchhäusl von Bauer Rasch und im Rathaus. Innerhalb einer Woche hat ein kleines bayerisches Dorf schon mehr als einen Hektar Agrarfläche, also 10.000 qm, zur künftigen Blumenwiese gemacht. Ausgesät wird die Blühmischung Anfang Mai. Für 4 Jahre werden die Flächen dann aus der landwirtschaftlichen Nutzung genommen. Und obwohl die Aktion bisher nur lokal beworben wird, ist sie erfolgreich. Überall im Münchner Speckgürtel zeichnen Bürger Blühpatenschaften. Bauer Moser in Schöngeising musste die Fläche auf diesem Acker schon verdoppeln. Die Resonanz ist auch deswegen so groß, weil viele Bürger spüren, dass sich etwas ändern muss.

"Jetzt werden die Sachen immer mehr mit Fakten hinterlegt und aufgrund dieser Faktenlage fangen die Leute an wirklich definitiv darüber nachzudenken und auch gerade die ‚Fridays for Future‘-Demonstrationen zeigen, dass auch unsere Jugendlichen, denen man immer wieder nachsagt, dass sie unpolitisch und unkritisch sind, jetzt auch erkennen worum es geht."

Frank Ahrends, Blühpate

"Wir werden nicht leise bleiben"

Schon vergangenen Mittwoch ist Franziska Wessel nach Straßburg gereist ins Europaparlament. Die Grünen, Sozialdemokraten und Linken hatten „Fridays for Future“ eingeladen. 60 Vertreter aus 20 Ländern sind angereist. Reden durften die Schüler dort nicht. Das haben die Konservativen verhindert. Wie unwichtig den Politikern die Klimadebatte ist, demonstrieren sie durch Abwesenheit. Die Schüler reagierten auf Ihrer Art: Demonstranten rufen „We want climate justice now…”

Deutschland demonstriert – Die neue Lust am Protest | Bild: BR

"Die erzählen halt immer den gleichen Quatsch, dass halt was passiert theoretisch, dass sie halt was tun oder so aber es passiert ja trotzdem nicht und deswegen haben wir halt ein bisschen gezeigt, dass wir noch da sind und dass es nicht geht, wie sie weitermachen."

Franziska Wesel, Fridays for Future

Die Einladung ins Europaparlament ist auch das erste europaweite Treffen der Schüleraktivisten. Bisher haben sie nur über soziale Medien kommuniziert. Jetzt lernen sie sich persönlich kennen. Der jüngste Teilnehmer kommt aus Schottland und ist gerademal 11 Jahre alt.

"Wir warden jeden Freitag weiter streiken, bis die Politiker aufhören zu reden und endlich etwas unternehmen. Die Zeit des Redens ist vorbei!"

Finley Pringle, Fridays for Future Schottland

Deutschland demonstriert – Die neue Lust am Protest | Bild: BR

Demo im Europaparlament

Da sehen Franziska Wessel und Linus Steinmetz genauso und deswegen organisieren sie noch eine Demo im Europaparlament. Die Demonstration ist schnell beendet, die Security greift hart durch. Die Schüler werden über einen Seitenausgang abgedrängt.

"Jetzt werden wir raus eskortiert quasi, weil wir laut waren, weil wir gerufen haben, dass wir Climate Justice brauchen. Wir werden nicht leise bleiben."

Franziska Wesel, Fridays for Future

Das ist ein Versprechen und eine Drohung an die Politik vergangenen Mittwoch im Europarlament.

Am Freitag dann stehen Franziska Wessel und Linus Steinmetz in der ersten Reihe bei der Demo in Berlin. Über 20.0000 Schülerinnen und Schüler ziehen durchs Regierungsviertel, deutschlandweit sind 300.000 auf der Straße und nicht in der Schule. Die neue deutsche Lust am Protest zeigt Wirkung auch auf dem Land. Alexander Rasch würde ohne das Volksbegehren „Rettet die Bienen“ seine Felder wohl nicht als Blumenwiesen anbieten.

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