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Klimakiller Methan Die verkannte Gefahr

In der Klimadebatte dreht sich alles um die Reduzierung von CO2. Doch fast unbemerkt steigen die Werte des 25mal klimaschädlicheren Methan rasant an. Das kann fatale Folge folgen haben, warnen Wissenschaftler. Wird die Entwicklung nicht gestoppt, droht ein schnelleres Abschmelzen der Polkappen und ein drastischer Anstieg des Meeresspiegels. Die Zeit wird knapp, aber die Politik zögert.

Von: Ulrich Hagmann

Stand: 25.06.2019

Es ist heiß in diesen Tagen, Deutschland ist auf dem Weg zu neuen Hitzerekorden. Bei der Diskussion was die Atmosphäre anheizt, geht es vor allem um den CO2-Ausstoß durch fossile Brennstoffe. Übersehen wird dabei gerne ein Gas, das unter anderem auch aus den Mägen von Rindern kommt und fürs Klima gefährlich ist: Methan.

"Der Methan-Gehalt der Atmosphäre, der steigt im Moment sehr, sehr schnell. Methan ist ein sehr potentes Treibhausgas, es ist gut zwanzig Mal Treibhaus wirksamer als CO2 pro Molekül und gerade in den Permafrostböden Sibiriens und Alaskas lauern eben große Mengen. Wir wissen eben nicht genau, ab wann die Permafrostböden auftauen und dann gigantische Mengen von Methan in den Erdumlauf kommen."

Prof. Mojib Latif, Deutsches Klima-Konsortium

Perma-Frost schmilzt schneller

Perma-Frostgebiete bedecken rund ein Viertel der Erde. Sie liegen in Kanada, Alaska, Grönland, Ostsibirien, China und den Hochgebirgsregionen. Hier taut der Boden auch im Sommer nie vollständig auf. Doch mit zunehmender Erwärmung taut auch der Permafrost schneller, diesen Prozess beobachtet am Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung Prof. Guido Grosse.

"Der Permafrost hier in Nordalaska taut an diesen Küsten auf und wird in das Meer gespült, das sind alte Pflanzenreste, alte Tierreste, die dort sehr gut erhalten sind, wie in der Tiefkühltruhe und die Tiefkühltruhe, die machen wir momentan auf und die taut ab."

Prof. Guido Grosse, Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung

In den Dauerfrostböden sind riesige Mengen Kohlenstoff gespeichert, die beim Auftauen von Mikroben zu CO2 oder Methan zersetzt werden. 1300 bis 1600 Gigatonnen Kohlenstoff sind dort gebunden, ungefähr doppelt soviel wie in der Erdatmosphäre. Das Auftauen des Permafrostes ist in den Modellen der Klimaforscher zu Erderwärmung noch gar nicht berücksichtigt.

"Der Haken ist, dass Permafrost nicht einfach gestoppt werden kann, beim Tauen. Das, was wir machen können, sind die Hebel, die wir in Bewegung setzen können und das sind die menschengemachten Emissionen. Wir können nicht auf diese riesigen Permafrost-Regionen eine Glocke setzen und die Treibhausgase absaugen. Das funktioniert nicht."

Prof. Guido Grosse, Alfred-Wegener-Institut für Polar und Meeresforschung

Ab einem gewissen Erwärmungsgrad lässt sich der Tauvorgang nicht mehr stoppen, deswegen gelten die Eis- und Dauerfrostgebiete als sogenannte Kippelemente im Erdsystem. Die Methankonzentration der Atmosphäre stieg in den 80ern stark an, von 2000 bis 2009 verlangsamte sich der Anstieg, doch seit 2009 beschleunigt sich die Zuwachsrate. Die Eiskörper schmelzen schneller, dadurch werden noch mehr Treibhausgase frei. Es wird wärmer und der Meeresspiegel steigt womöglich schneller als prognostiziert.

60 Prozent des Methans kommen von aus Menschen verursachten Quellen

In der Natur bildet sich Methan überall dort wo organisches Material unter Luftabschluss zersetzt wird, in tropischen Sümpfen etwa und neuerdings im aufgetauten Permafrost. Am Potsdamer Institut für Klima-Folgen-Forschung beschäftigt sich Sybill Schaphoff mit dem Thema.

"Man kann sagen, dass 40% von natürlichen Quellen kommen, hauptsächlich aus Feuchtgebieten und 60% kommen von aus Menschen verursachten Quellen und davon ist ein sehr großer Teil aus der Landwirtschaft verursacht."

Sybill Schaphoff, Potsdam Institut für Klimafolgenforschung

218 Million Tonnen Methan pro Jahr stammen aus der Landwirtschaft. Den größten Anteil haben der Reisanbau in Asien und die weltweiten Rinderherden. 

Besonders hoch ist der Fleischkonsum in den Industriestaaten. Laut UNO lag der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland 2013 bei 86 Kilo, in Afrika bei 19 Kilo und in China bei 62 Kilo. Deutschland ist Exportland auch für Fleisch- und Milchprodukte, verkündet das Landwirtschaftsministerium stolz, zudem gebe es eine neue Nutztierstrategie.

"Wenn wir von Methan reden, blickt man natürlich automatisch auf Rinder und in den vergangenen 20 Jahren hat der Rinderbestand um 20% abgenommen, mit der verschärften Düngeverordnung, den Düngeregeln, mit unserer Nutztierstrategie mit der Umsetzung, bei der wir jetzt sind und mit dem staatlichen Tierwohlkennzeichen wird der Nutztierbestand automatisch auch abnehmen."

Julia Klöckner, CDU, Bundeslandwirtschaftsministerin

Tatsächlich hat der Rinderbestand abgenommen, weil die EU mit Mengenbeschränkungen Butterberge und Milchseen abgebaut hat. Für die Grünen sind Klöckners Maßnahmen rein kosmetisch, kein Politikwechsel, weil die Viehbestände immer noch viel zu hoch seien.

"Also wenn Frau Klöckner das sieht, dann frage ich mich warum sie auf europäischer Ebene eine komplett andere Politik macht. Wollen wir endlich mal über unsere Ernährung sprechen und wie wir als Deutsche, was wir für einen Pro-Kopf-Konsum von Fleisch haben, auch von Milch haben, im Vergleich zu anderen Ländern? Wollen wir uns selbst reflektieren, ich glaube dieser Prozess ist im Landwirtschaftsministerium noch nicht angekommen und den wollen wir ganz kräftig mit anstoßen."

Lisa Badum, Bündnis 90/ Die Grünen, Klimapolitische Sprecherin der Bundestagfraktion

"Weltweite Treibhausgasemissionen weiter gestiegen"

Die Menschheit muss mehr Treibhausgase einsparen, weil das Auftauen des Permafrostes zusätzliches CO2 und Methan freisetzt, sagt der Klimaforscher Professor Latif. Kann das gelingen?

"Seit dem Pariser Klimaabkommen sind eben die weltweiten Treibhausgasemissionen weiter gestiegen, das heißt also es ist nicht zu erkennen, dass die Weltpolitik ihren Ankündigungen auch Taten folgen lässt."

Prof. Mojib Latif, Deutsches Klima-Konsortium

Dabei liegen alle Fakten auf dem Tisch. Die ESA, die europäische Weltraumbehörde, misst mit ihren Satelliten permanent die Luftverschmutzung, liefert täglich neue Daten über den CO2 und Methangehalt unserer Atmosphäre und zeigt ganz deutlich wer, wann wo und wie den meisten Dreck ausstößt.

"Da kann man nichts verstecken, also kein Land, in dem er seine Grenze schließt kann uns verweigern Daten über die Luftqualität in sein Land zu sammeln."

Daniel Mesples, ESA Kontrollzentrum Darmstadt

Das Ansteigen der Methankonzentration kann jeder beobachten. Auf der Homepage der europäischen Weltraumbehörde.

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