Report München


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Tote Kinder klagen an Misshandlung in der Familie

Noch nie haben die Jugendämter in Deutschland bei so vielen Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt, wie im Jahr 2018. In über 50.000 Fällen war das körperliche, geistige oder seelische Wohl von Kindern und Jugendlichen bedroht, obwohl es vielfältige Präventionsprogramme und Notfall-Hotlines gibt. Erschreckend hohe Zahlen, die sich seit Jahren auf einem gleichbleibenden Niveau bewegen.

Von: Benedikt Nabben

Stand: 14.01.2020

Solche Meldungen sind für Josefine Barbaric schwer zu ertragen. Sie selbst wurde als Kind Opfer schwerster Gewalt.

"Sie werden nie damit abschließen. Das wird Sie ein ganzes Leben lang begleiten."

Josefine Barbaric, Betroffene von Gewalt

Lange konnte sie nicht über das Erlebte sprechen, nun sucht Josefine Barbaric den Weg an die Öffentlichkeit. Um anderen zu helfen. Sie wuchs erst im Kinderheim auf, kam dann in Pflegefamilien und wurde Gewaltopfer.

"Ich habe geschrien, ich habe geweint. Und wissen Sie, was Sie nie mehr vergessen: das Lachen der Täter. Ich wache häufig nachts auf, und dann höre ich dieses Lachen, ich höre das Lachen und dann habe ich diese Schmerzen."

Josefine Barbaric, Betroffene von Gewalt

Gewalt gegen Kinder - oft Alltag in Deutschland.

Gewalt gegen Kinder gehört auch heute noch oft zum Alltag in Deutschland. Jugendämter haben im Jahr 2018 bei 50.400 Kindern und Jugendlichen eine Kindeswohlgefährdung festgestellt. Das waren 10 Prozent mehr als im Vorjahr. Eine Kindeswohlgefährdung liegt vor, wenn erhebliche Schädigung des geistigen, seelischen oder körperlichen Wohls droht oder eingetreten ist.

Rostock, Gewaltopfer-Ambulanz. Dr. Verena Kolbe ist Rechtsmedizinerin. Liegt eine mögliche Kindeswohlgefährdung vor, werden die Patienten zu ihr geschickt.

"Wir sehen hier den unteren Rücken und das Gesäß eines Kindes. Und das ist das klassische Hinternversohlen. Mit diesen streifigen Hauteinblutungen. Das kommt relativ häufig vor."

Dr. Verena Kolbe, Rechtsmedizinerin

Wie erklären Eltern diese Verletzungen?

"Die sind natürlich mit irgendwelchen Unfallmechanismen sehr schwer zu erklären. Da kommt dann häufig schon die Einlassung: Mir ist die Hand ausgerutscht."

Dr. Verena Kolbe, Rechtsmedizinerin

Dr. Verena Kolbe dokumentiert sichtbare Verletzungen. Entscheidend, falls es zu einem Gerichtsverfahren kommt.

"Das ist schon ein massiver Befund. Man sieht hier die bläuliche Verfärbung mit diesen streifigen rötlichen Einblutungen. Und aufgrund der fehlenden Angabe des Mechanismus ist es dann auch hier zu einer Anzeige seitens der Mutter gekommen. Die hat eine Strafanzeige erstattet, und das Ganze ist dann auch vor dem Gericht verhandelt worden."

Dr. Verena Kolbe, Rechtsmedizinerin

Aber kann das Kind nicht einfach gestürzt sein?

"Das war die Angabe, aber das Kind konnte ja noch nicht mal laufen."

Dr. Verena Kolbe, Rechtsmedizinerin

136 tote Kinder im Jahr 2018

Deutschlandweit wurden im Jahr 2018 über 4000 Kinder misshandelt. Für 136 Kinder kam jede Hilfe zu spät, sie starben. Die Dunkelziffer der misshandelten Kinder liegt deutlich höher, da die Taten häufig im engen sozialen Umfeld stattfinden und die minderjährigen Opfer meist keine Möglichkeit haben, selbst gegen die Täter vorzugehen.

Rainer Becker ist Vorstandsvorsitzender der deutschen Kinderhilfe. Er kritisiert, dass Gewalt gegen Kinder für viele vollkommen normal sei:

"Es gibt ganz viele Menschen, die immer noch glauben: mein Haus, meine Frau, mein Kind, mein Pool, mein Auto. Und es gehört mir, und wenn ich das kaputt machen will, dann mache ich es kaputt."

Rainer Becker, Deutsche Kinderhilfe

Wenn Familien überfordert sind, fällt den Jugendämtern eine zentrale Rolle zu. Sie sollen für den Schutz der Kinder sorgen. Rainer Becker sieht jedoch ein großes Problem:

"Also wenn es eine Notfallmeldung ist, dann fährt man sofort hin, ohne Anmeldung. Aber es gibt eben auch sehr viele sogenannte angemeldete Hausbesuche. Wo dann alles aufgeräumt ist, wo man dann noch einen Kuchen anbietet und wo man dann gar nicht auf den Gedanken kommt, zu sagen: Zieh doch bitte mal deinen Pullover und dein T-Shirt aus. Und man möchte mal sehen, ob da irgendwelche Hämatome sind von Faustschlägen oder solchen Dingen. Da werden natürlich dann oft auch insbesondere unerfahrene Kräfte von den Jugendämtern ausgetrickst."

Rainer Becker, Deutsche Kinderhilfe

Was Rainer Becker beschreibt, kennt Josefine Barbaric aus ihrer Kindheit. In den Jahren, in denen sie Misshandlung und Missbrauch erlebt hat, kam das Jugendamt immer wieder zu Hausbesuchen.

"Die Besuche wurden vorher telefonisch angekündigt. Und natürlich wurde daraufhin auch alles ausgerichtet. War natürlich erstmal alles gut, wir waren sauber angezogen. Wir sind auch instruiert worden, ich bin instruiert worden, was ich zu sagen habe, dass ich mich im Hintergrund zu halten habe. Ich hatte da auch große Angst vor – das weiß ich heute noch – einen Fehler zu machen."

Josefine Barbaric, Betroffene von Gewalt

München, Stadtjugendamt. Wir fragen nach, wie es in der Praxis aussieht. Wann werden Hausbesuche angekündigt?

"Die sind eigentlich in der Regel immer angekündigt. Das heißt, man geht nicht einfach vor die Tür und klopft und sagt: Hier sind wir, wir sind das Jugendamt. Wir melden uns an und machen das auch schriftlich und nehmen dann Kontakt auf."

Iska Voigt-Bauregger, Stadtjugendamt München

Stadjugendamt muss Hausbesuche vorher anmelden

Aber warum meldet man Besuche an? Kann es da nicht auch vorkommen, dass dann alles nochmal in Ordnung gebracht wird und es den Kindern an dem Tag dann gut geht?

"Wir müssen es anmelden, das ist eine Verpflichtung. Das ist einfach so, dass wir nur unangemeldet kommen können, wenn tatsächlich, wie gesagt, Gefahr in Verzug ist… Und entsprechend kann es natürlich vorkommen, dass eine Familie ihre Wohnung auf Vordermann bringt. Das kann tatsächlich sein, aber es gibt bestimmte Fragetechniken, es gibt den Blick, den erfahrene Kolleginnen und Kollegen haben, wo man schon sehr gut erkennen kann, wie ist das."

Iska Voigt-Bauregger, Stadtjugendamt München

Vom Bundesfamilienministerium bekommen wir keine explizite Antwort, warum Hausbesuche angemeldet werden. Schriftlich heißt es grundsätzlich: “Eingriffe in das Elternrecht sind [...] nur aufgrund einer gerichtlichen Entscheidung und nur dann zulässig, wenn das körperliche, geistige oder seelische Wohl des Kindes gefährdet ist...” Wie diese Gefährdung allerdings rechtzeitig erkannt werden soll, bleibt offen.

Josefine Barbaric ist enttäuscht von der Politik. Deswegen hat sie ein Kinderbuch geschrieben. Es soll Kinder ermutigen, sich selbst zu wehren und Nein zu sagen.

"Das ist mir deshalb so wichtig, weil ich nicht darauf vorbereitet wurde, dass das, was mir damals in meiner Familie passiert ist, dass das nicht richtig ist."

Josefine Barbaric, Betroffene von Gewalt

In dem Kinderbuch hat Josefine Barbaric ihre eigene Geschichte verarbeitet. Den Protagonisten, einen kleinen Jungen, hat sie Kraft getauft.

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