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Entführt von der eigenen Mutter Wie ein verzweifelter Vater seine Kinder in Japan sucht

Björn Echternach sucht seine Kinder, seit zwei Jahren sind sie verschwunden, entführt von der eigenen Mutter, einer Japanerin. Nach dem "Haager Kindesentführungsübereinkommen" hätte Japan die Rückführung der Kinder herbeiführen müssen, binnen sechs Wochen. Japan hat das Abkommen unterschrieben, doch behilflich sind die Behörden dem verzweifelten Vater nicht.

Von: Uwe Schwering

Stand: 06.08.2019

Vorläufiges Ende einer Odyssee. Eine Polizeiwache in Tokio. Björn Echternach will eine Vermisstenanzeige aufgeben – für seine beiden Kinder. Wir folgen ihm, doch willkommen sind wir nicht. Es folgt eine Geduldsprobe. Drei Stunden später:

"Wir haben jetzt in der Zeit kein Formular ausgefüllt oder irgendein Vermisstenformular, sondern sie haben in der Zeit eigentlich nur Informationen gesammelt und ihre Vorgesetzten angerufen, wie sie da eigentlich vorgehen sollen."

Björn Echternach

Björn Echternach mit seinen Söhnen

Zwei Tage zuvor: Utsonomiya, nördlich von Tokio. Echternach sitzt in einer Hotel-Lobby und sortiert sich. Er will nur noch eines: nach zwei Jahren endlich seine Söhne wiedersehen.

Seine geliebten Kinder, heute sind sie vier und fünf Jahre alt. Nach Ehestreitigkeiten entführt die japanische Mutter 2017 die zwei Jungen von Deutschland nach Japan. - Nach dem ‚Haager Kindesentführungsübereinkommen’ hätte Japan die Rückführung der Kinder herbeiführen müssen, binnen sechs Wochen. Japan hat das Abkommen unterschrieben. Auf internationaler Bühne lobt es sich auch gern selbst dafür, weigert sich aber seit fünf Jahren, seine nationalen Gesetze entsprechend anzupassen:

"Nach Gerichtsurteilen zielen wir darauf ab, dass der Elternteil, mit dem das Kind derzeit zusammenlebt, von sich aus dem Urteil folgt. Dabei geht es auch um das Wohl des Kindes."

Shuji Zushi, Leiter Japan Central Authority, JCA (Zentralbehörde)

‚Von sich aus’. - Das könnte einen doch wütend machen?!

"Was würde es bringen? Also, hilflos eher, hilflos. Und zwar wegen meiner Kinder."

Björn Echternach

Die Angst vor Konflikten ist stärker als das Gesetz

Denn wie ‚wohl’ es den Kindern geht, weiß der eigene Vater nicht. - Echternach hat stapelweise Dokumente dabei, das wichtigste: ein Gerichtsurteil, nach dem er das alleinige Sorgerecht hat. - Morgen ist der Tag des sogenannten ‚Direct Enforcements’, der zwangsweisen Vollstreckung. Der Papa ohne Kinder trifft Gerichtsvollzieher und seinen Anwalt. - Filmen dürfen wir das nicht. - Zweieinhalb Stunden später:

"Mein Eindruck war, dass das Hauptthema eigentlich heute das Image Japans war und nicht darum, eigentlich Kinder zurückzuführen oder im Prinzip vielleicht, Prozesse zu verbessern."

Björn Echternach

Ob der Vater seine Söhne je wiedersieht, das diktieren auch kulturelle Schranken. Pressekonferenz mit Vätern aus Frankreich und Italien. Auch deren Kinder: von den Müttern nach Japan entführt. Und auch sie kommen nicht weiter. Weil hier die Angst vor Konflikten stärker ist als das Gesetz: 

"In Japan heißt es: ‚In der Familie bleibt das Gesetz außen vor’. Bedeutet: Unbeteiligten sind Partnerprobleme völlig egal und damit auch, was mit den Kindern geschieht."

Akira Ueno, Anwalt

Der nächste Tag, das nächste Hotel. Die Nacht hat Björn Echternach näher am mutmaßlichen Wohnort seiner Kinder verbracht. Bei ihm: sein Anwalt und eine Übersetzerin, selbst zweifache Mutter. Die Operation beginnt. Per Taxi. Bis zum Ziel nochmal eine halbe Stunde.

Sieben Uhr. Die Übergabe der Jungen soll am Ende dieser Straße stattfinden. Wir halten uns fern. Behördenwunsch. - Mit dem aufgewühlten Vater hatten wir ein Videotelefonat ausgemacht, direkt nach der Vollstreckung, von vor Ort. Schlechte Nachrichten, Mutter und Kinder: nicht da:

"Im Prinzip war nur ihr Vater da. Ich hab nicht mal ihre Schwester gesehen. Es war noch irgendwie ne andere Frau da, die ich vorher noch nie gesehen hab. Ich durfte nicht mal das Grundstück betreten. Ja, und dann hab ich praktisch jetzt fast zwei Stunden vom Zaun zugeschaut, wie die debattieren."

Björn Echternach

Was er jetzt über den Verbleib der Kinder wisse?

"Also, ich weiß eigentlich gar nichts, außer, dass ihre Familie zugegeben hat, dass sie ständig eigentlich den Wohnort wechselt und ständig in Japan untertaucht."

Björn Echternach

Wir haben auch die Mutter kontaktiert und um Stellungnahme gebeten. Keine Antwort.

Kaum Hilfe von der Polizei

Die deutsche Botschaft rät Echternach zur Vermisstenanzeige. Die Kinder seien ja ein zweites Mal entführt worden - in Japan selbst. Vor der zweiten Vollstreckung fahren wir nun doch zum Haus. Offenbar niemand da. Der Schwiegervater ist wohlhabend. Finanziert er das Undercover-Leben seiner Tochter und der entführten Enkelkinder? - Ein Nachbar berichtet uns, er habe die Kinder noch nie gesehen: 

"Nein, wir hatten kein enges Verhältnis zur Familie."

Nachbar

Ob er denn mal Kinderlärm gehört habe, fragen wir – ja, schon. Aber das sei lange her. Vielleicht Ende letzten Jahres.

Am Nachmittag zweiter Anlauf zur Vollstreckung. Jeder weiß: Die Kinder sind nicht da, aber Ordnung muss sein. Echternachs Schwägerin taucht kurz auf, sagt, sie müsse mal weg, käme aber wieder. Das dauert zwei Stunden. Niemand fragt, wohin sie fährt. - Die Gerichtsvollzieher muss Echternach bezahlen. Dann heißt es: Keine Aktion, solange wir filmen. Wir gehen. Björn Echternach kommt später auf einen nahegelegenen Spielplatz. Tief besorgt, seinen Kindern könnte es nicht gut gehen:

"Das macht mich unendlich traurig, und ich bin eigentlich viel zu enttäuscht, was ich heute erlebt hab und zu stolz dafür, um jetzt hier loszuheulen."

Björn Echternach

Die Kinder sind verschwunden. Der Vater vermutet, dass sich die Polizei nicht wirklich bemüht, die Jungen zu finden. Sie hilft ihm auch in Tokio nicht bei der Vermisstenanzeige – doch Björn Echternach wird wiederkommen. In ein Land, das etwas unterschrieben hat, woran es sich nicht hält. Doch was bleibt ihm schon anderes übrig?

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