Report München


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Die Angst am Strand Ein Corona-Sommer in Italien

Seit ein paar Wochen stürmen die Italiener wieder die Strände. Die Menschenmassen erhöhen das Risiko einer zweiten Corona-Welle; auch für die Touristen aus Deutschland, die nun wieder nach bella Italia reisen. Mittendrin unser Reporter Karl Hoffmann, der seit Jahrzehnten in einem kleinen Dorf nahe der Adria lebt.

Von: Karl Hoffmann

Stand: 14.07.2020 13:36 Uhr

Wochende an der Adria - als hätte es das Coronavirus nie gegeben – so wie hier in Riccione. Dabei sah es vor zwei Monaten noch ganz anders aus und Bademeister Diego Ricci putzte seinen Strand ohne Hoffnung auf Urlauber. Aber seit Anfang Juli kommen seine italienischen Gäste und Diego ist geradezu begeistert

"Unsere Erwartungen in den ersten Frühlingsmonaten sind inzwischen weit übertroffen worden. Und wir sind sehr zufrieden nach der Angst, die wir Anfang des Jahres ausgestanden haben."

Diego Ricci; Bademeister in Riccione

Ausländische Gäste fehlen

Leerer Strand

Was fehlt, sind Urlauber aus dem Ausland. Im luxuriösen Grand Hotel von Rimini begrüßt der Hoteldirektor die ersten Gäste aus Deutschland persönlich. Michael Dexel und seine Frau Ulrike aus Kempten. Kaum war die Grenze wieder offen fuhren sie gen Süden. Die dramatische Epidemie in Italien war für den Arzt eigentlich kein Thema.

"Corona hat uns nicht sehr daran gehindert, wir hatten eher Angst, dass wir nicht nach Italien reisen können. Ein Jahr ohne Urlaub in Italien - undenkbar."

Michael Dexel

"Also diese ganze Landschaft, die Vegetation, die wunderbare Umgebung. Man fühlt sich immer ausgesprochen frei."

Ulrike Dexel

Mit der großen Freiheit unter der Woche am leeren Hotelstrand soll es aber bald vorbei sein

"Ich hoffe am Ende des Sommers, dass wir mehr oder weniger 50 bis 60 Prozent im Vergleich zum letzten Jahr arbeiten können, und das ist sehr gut."

Claudio Angiulli, Hotelchef in Rimini

Viele andere Hotels an der Adria, wie hier in Pesaro, bleiben aber geschlossen, weil es zu viele Absagen gegeben hat. Claudio Brunori, der in meiner Nachbarschaft wohnt, musste zum ersten Mal in seinem Leben passen.

"Ich bin besonders traurig, weil ich in diesem Jahr mein 40. Dienstjubiläum als Hotelmanager hier in Pesaro feiern wollte."

Claudio Brunori, Hotelpächter in Pesaro

Ab und zu kommt er und kontrolliert die Gästezimmer, die verstauben. Und dann geht er auf den Balkon und versucht seine Trauer zu verbergen.

Die Angst ist noch nicht überstanden

Die Hügel im Hinterland stehen in voller Blüte. Langsam kehrt das Leben wieder zurück, wie in meiner Wahlheimat Cartoceto. Wo es so viele Corona-Kranke und auch Tote gab. Mein Nachbar ist ein ehemaliger Chefkoch aus München. Axel Bach und seine Lebensgefährtin Eva-Maria betreiben ein kleines Restaurant im historischen Ortskern.

"Damals ich hierher kam hat mich dieses Füllhorn an natürlichen Produkten, von der Tomate über Salate über Fleisch  … da muss man was draus machen, das bietet sich an, das schreit nach Pfanne."

Axel Bach, Chefkoch in Cartoceto

Vier Monate war das Lokal geschlossen. Wie fühlt man sich nach so langer Zeit den ersten Tag wieder zu kochen?

"Ich bin total aufgeregt, ich bin total nervös, das ist wie eine Neueröffnung man schätzt es wieder richtig, dass man wieder arbeiten darf."

Eva-Maria Walch, Küchenchefin in Cartoceto

Ein Neuanfang, aber die Angst ist noch nicht überstanden

"Ja, das spürt man nach wie vor, und ich glaube, dass das noch eine gute Zeit dauern wird, bis das aus den Köpfen der Menschen … verschwinden wird es nie, aber  zumindest etwas beruhigen. Das Gute ist, dass der Mensch sich auf sogenannte antike traditionelle Werte wieder besinnt, das Miteinander, das glaube ich gerade in Italien zu Zeiten des Lock-Downs sehr gut funktioniert hat, zwischen Nachbarn,  zwischen Freunden, in der Familie."

Axel Bach, Chefkoch in Cartoceto

In diesem Haus am Ortstrand  wollte sie mit ihrem Ehemann ihren Lebensabend verbringen, doch ihr Gatte starb vor Jahren. Katharina Heims Familie – das sind jetzt nur noch ihre vier Katzen .

Trotz ihrer  Behinderung geht es ihr gut, auch während des strengen Lockdown , sie liebt das kleine Dorf.

"Es ist schön hier, es ist toll weil ich da hinunter schau oder wenn ich nach Lucrezia fahre und das Tal öffnet sich und ich sehe bis nach Fano runter, das ist doch wunderschön."

Katharina Heim

Ihr macht Corona keine Angst mehr, aber sie sorgt sich um andere, die Jugendlichen zum Beispiel

"Da sieht man nichts mehr von Distanz und von Vorsicht, Wenn das so weiter geht, weil man diese Angst verliert, diese Vorsicht, diese Voraussicht, dann sehe ich schwarz."

Katharina Heim

Sie hat es bei ihrem Nachbarn an der Tankstelle erlebt, wie schlimm das Virus wüten kann. Das war am 9. März:

"Mario, warum trägst du eine Maske, weil ich Angst habe vor dem Virus."

Mario Rosati

Trotz Maske erkrankte Mario und musste drei Monate lang im Krankenhaus behandelt werden. Am Tag nach seinem 80. Geburtstag durfte er nach Hause, dafür gab es sogar einen Artikel im kleinen Lokalblatt. Mario ist noch immer überglücklich.

"Ich wusste ja nicht ob ich lebend wieder heimkomme."

Mario Rosati

Im Krankenhaus schrieb er sogar auf, wie man ihn beerdigen sollte.

"Ein ganz einfaches Begräbnis, ohne schwarze Kleider  - nützt ja sowieso nichts mehr."

Mario Rosati

Axel und Eva-Maria haben ihre ersten Nach-Corona-Gäste verköstigt. 9 waren es. Ein kleiner Anfang in einem kleinen alten Dorf, das so viele Katastrophen überstand. Es wird schon aufwärts gehen, sagt Axel.  

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