Report München


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Italiens mühsamer Corona-Neustart Sorgen, Bangen, Hoffen

Zu viele Tote und Kranke haben das Leben der Menschen in Italien verändert; so wie in dem kleinen Dorf Cartoceto nahe der bei deutschen Touristen so beliebten Adriaküste. Der Wunsch nach Freiheit mischt sich mit der Angst vor der Rückkehr der Pandemie. Alle hier wissen: Eine sorgenfreie Zukunft liegt für die Menschen noch in weiter Ferne. Ein persönlicher Bericht unseres Kollegen Karl Hoffmann aus seiner Wahlheimat Cartoceto.

Von: Karl Hoffmann

Stand: 12.05.2020

Das ist Cartoceto, ein kleiner Ort in den Marken. Seit Jahrzehnten meine italienische Heimat. Hier leben viele alte Menschen, bescheiden aber zufrieden – und bis vor kurzem noch ohne Angst vor der Zukunft. Hier lebt mein Freund Lino Paci, ein Schreiner. Hier traf man Anacleto auf der Parkbank, wo er Kindern vorlas. Ein Lebenskünstler

"Ich habe so viel erlebt in meinem Leben. Wenn ich einmal sterbe, dann habe ich nichts zu bedauern."

Anacleto

Cartoceto

Dann kam das Coronavirus. Die Bänke wurden gesperrt, die Menschen verschwanden in ihren Häusern. Die Piazza von Cartoceto wie tot. Ich gehe mit meiner kleinen Kamera durch den Ort und bin erschüttert. Meine Lieblingspizzeria geschlossen. Maurizio und Anna, die Besitzer, sind im Krankenhaus, in Lebensgefahr, wie ich auf Facebook erfahre. Nur die Apotheke ist geöffnet. Laura hat Angst, aber sie hält die Stellung.

"Es fehlen Masken und Schutzhandhandschuhe, Desinfizierungsmittel."

Laura

Mario, mein Freund von der Tankstelle.

"Ja auch ich habe Angst vor dem Virus. Wir sind ja jetzt in der roten Zone."

Mario Rosati, Tankwart

Das Altersheim hatte dreißig Bewohner, zehn sind gestorben

Zwei Tage später ist die Tankstelle geschlossen. Mario ist erkrankt. Dann die ersten Todesanzeigen. Unter ihnen die vom Lebenskünstler Anacleto, gestorben am Coronavirus.

Zwei Kilometer Luftlinie entfernt das Altersheim. Dreißig Bewohner, zehn leben noch. Weitere zehn sind gestorben, die restlichen zehn noch immer im Krankenhaus in der nahen Kreisstadt Pesaro. Hier herrschte wochenlang Chaos. Patienten starben und auch Ärzte. Oberarzt Michele Tempesta hat Tag und Nacht durchgearbeitet.

"Wir waren auf so etwas nicht vorbereitet. Und haben uns dann nach und nach an die Erfordernisse angepasst. Wir haben zum Beispiel andere Abteilungen in Intensivstationen umgewandelt. Oder Beatmungsgeräte angeschafft, dank freiwilliger Spenden."

Dr. Michele Tempesta, Krankenhaus Pesaro

Noch immer sind trotz Lockerungen die Straßen und Plätze fast leer. Tief sitzt die Angst, denn das Virus hat die Mängel des Gesundheitssystems dramatisch ans Tageslicht gebracht. Viele steckten sich im Krankenhaus an. Alleine in Pesaro starben fast 500 Menschen am Virus. Die Ansteckungen werden weniger, aber die Gefahr sei nicht vorbei.

"Als Arzt würde ich sagen, dass wir noch einen weiteren Monat in Quarantäne bleiben sollten. Denn ich habe ja erlebt, welche positive Wirkung der Lockdown, die Schließung aller Aktivitäten, hat."

Dr. Michele Tempesta, Krankenhaus Pesaro

"Es wird noch so weitergehen"

Meine Freundin Cosetta in Cartoceto hat die Quarantäne, wie die meisten im Dorf, akzeptiert.

"Das war völlig in Ordnung. Nur weil wir alle zu Hause blieben und jetzt Abstand halten und Gesichtsmasken und Handschuhe verwenden, wird es besser. Aber wir müssen weiterhin sehr sehr aufpassen."

Cosetta Mancini

Die Tankstelle ist wieder offen, aber jetzt arbeitet hier Marios Tochter.

"Mein Vater ist im Krankenhaus und darf nicht heim, weil er immer noch infiziert ist. Zum Glück geht es ihm besser, aber er darf nicht zu uns zurück."

Rita Rosati

Lino Paci, der alte Schreiner, ist zum Glück gesund geblieben. Er wird bald 87. Und er hat beschlossen, einen Gemüsegarten anzulegen.  Er ist beschäftigt und er sorgt vor.

"Die Langeweile ist eine schlimme Sache, aber ich habe es ja gut. Mach meinen Gemüsegarten, ein paar Hühner, bastle ein wenig. Was will man noch mehr vom Leben?"

Lino Paci

Meint er, es ist jetzt vorbei?

"Nein, es wird noch so weitergehen, mal mehr mal weniger. Ich vergleiche das mit dem dritten Weltkrieg. Das kann ich dir sagen."

Lino Paci

Und auch Cosetta ist nicht allzu optimistisch.

"Es wird sehr schwierig werden, zu unseren alten Gewohnheiten zurückzukehren. Vielleicht waren wir bisher ja auch viel zu verwöhnt."

Cosetta Mancini

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