Report München


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Das grausame Erbe des IS in Libyen Wie die Minenräumer von Bengasi ihr Leben riskieren

Jahrelang wüteten die Islamisten in Bengasi, der Großstadt im Osten Libyens. Sie hinterließen unzählige Sprengfallen in den Ruinen. Eine Gruppe ehemaliger Soldaten versucht, die Stadt von den tödlichen Fallen zu befreien. Ein junger lybischer Kameramann hat die Männer unter Gefahr für das eigene Leben über zwei Jahre begleitet. Seine atemberaubenden Aufnahmen werden weltweit zum ersten Mal gezeigt - in report München.

Von: Karl Hoffmann

Stand: 29.05.2018

Jeder Schritt in diesen Räumen ist lebensgefährlich. Ein normales Wohnhaus, doch überall könnten Sprengfallen sein. Und tatsächlich, die Männer werden fündig. Eine Rakete, unter einem Fernsehtisch. Sie ist noch scharf. Die libysche Stadt Bengasi, die zweitgrößte Stadt des Landes – fast vollkommen zerstört.

Das grausame Erbe des IS in Libyen | Bild: BR

Das hier ist einer der Männer, die tagtäglich ihr Leben riskieren. Sie suchen nach Sprengfallen, die die Männer vom sogenannten Islamischen Staat hinterlassen haben, scharfe Munition, die überall versteckt sein könnte. Sie arbeiten ohne Hilfsmittel, ohne Minensuchgeräte. Jeder Schritt kann tödlich sein.

Die Fallen sind oft heimtückisch. Wie dieses Plastikteil mit einem Draht – zwei Sprengköpfe sind damit verknüpft.

Die Aufnahmen stammen von diesem Mann - Osama Alfitori. Kameramann und Journalist aus Libyen. Er filmt die brutale Wirklichkeit in seiner Heimat – überall lauert der Tod.

"Man kann die Sprengfallen zum Beispiel aus Raketenköpfen herstellen, die oft ins Leere gehen. Mit Sprengfallen kann man viel mehr Menschen töten. Und auch wenn man gar nicht mehr am Ort des Geschehens ist. Die Strategie des IS war es, Menschen zu töten, auch lange nachdem sie das Feld räumen mussten."

Osama Alfitori, Kameramann aus Bengasi

Seit zwei Jahren lebt Osama in Berlin, fährt aber immer wieder in seine Heimat. Wie viele junge Libyer träumte er nach dem Sturz von Diktator Gaddafi von Demokratie und Freiheit, doch es kam ganz anders.

IS-Kämpfer übernahmen die Herrschaft in der Stadt, lieferten sich blutige Kämpfe mit Armeesoldaten.  

"Manchmal musste ich mit meinem Bruder lange warten, eine halbe Stunde, bis wir die Straße überqueren konnten, nur, um nach Hause zu gehen. Weil in der Straße geschossen wurde. Die Kugeln flogen direkt über unsere Köpfe. Oft landeten sogar Raketen nahe  bei unserem Haus."

Osama Alfitori, Kameramann aus Bengasi

Er wollte nicht tatenlos zusehen. Osama lernte Kriegsreporter aus dem Ausland kennen und beschloss, selbst einer von ihnen zu werden.

"Ich war nie fähig, selbst eine Waffe zu tragen und Menschen zu töten. Ich glaube, dass freie Medien die stärkste Waffe auf der Welt sind."

Osama Alfitori, Kameramann aus Bengasi

Osama freundete sich mit einer kleinen Armeeeinheit an, die Tausende von Sprengfallen beseitigen sollte. Er bestand darauf, ganz nahe dabei zu sein.

"Als ich dann zum ersten Mal ganz nahe an einer Bombe dran war und als sie dann den Sand vom Auslöser wischten und die Drähte freilegten, da hörte ich nur noch mein Herz schlagen, von tief drinnen schüttelte es mich. Normalerweise sehe ich die Dinge ja nicht direkt mit meinen Augen, da ist immer die Kamera dazwischen. Und ich denke dann vor allem an technische Sachen, zum Beispiel an den Ton. Aber damals, in diesem Moment, dachte ich nur an mich selbst. Das ging mir nahe. Ich begriff: Das ist richtig gefährlich."

Osama Alfitori, Kameramann aus Bengasi

Zwei Jahre lang begleitete Osama Alfitori die Minenräumer. Immer mehr von ihnen starben. Oder wurden schwer verletzt.

"Als sie angefangen haben, waren sie noch 18. Als ich dazukam, nur noch sieben. Elf waren da schon tot. Und dann, zwei Jahre später, waren auch die meisten verbliebenen gestorben, lediglich einer war unversehrt und zwei Männer überlebten schwer verletzt."

Osama Alfitori, Kameramann aus Bengasi

Attia, der Erfahrenste von allen, ist als Einziger noch im Einsatz, er macht unermüdlich weiter. Und ist oft am Ende seiner Kräfte.  Unter einer Rutsche macht er einen grausamen Fund.

"Wir wissen, dass wir sterben werden, erzählten sie mir oft. Aber wir sind bereit, unsere Seele dafür zu geben. Um das Leben Tausender zu retten."

Osama Alfitori, Kameramann aus Bengasi

Die Minenräumer von Bengasi, sie lassen ihr Leben, um das Leben von anderen zu retten. Und für eine Zukunft in einer zerstörten Stadt.


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