Report München


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Kein Schutz, keine Zukunft Die verzweifelte Lage irakischer Christen

report München Autor Stefan Meining dokumentiert seit Jahren die schwierige Situation der orientalischen Christen im Nordirak. Jetzt war er wieder in der Ninive-Ebene und erklärt eindrücklich, warum das Leben dort trotz der Zerschlagung des sogenannten Islamischen Staates nur unter widrigsten Umständen möglich ist, und dass es daher für viele geflohene Christen keine Option ist, zurückzukehren.

Stand: 27.03.2018

Vor dem Einmarsch des IS lebten in Bartella rund dreißigtausend Menschen. Die kleine Stadt in der Nähe der einstigen Millionenmetropole Mossul liegt im Herzen der Ninive-Ebene und zählte zu den ältesten, mehrheitlich von Christen bewohnten Gemeinden des Mittleren Osten. Doch nur rund ein Drittel der Christen ist bislang in ihre Heimatstadt zurückgekehrt. In anderen Orten, der früher vor allem von Christen bewohnten Ninive-Ebene sieht es nicht viel anders aus: Selbst nur leicht beschädigte Häuser oder Ladenzeilen stehen leer.

Gedanken an Auswanderung

Rone Sabty Galo

Die meisten irakisch-christlichen Flüchtlinge, die ins Ausland flohen, wollen nicht zurückkehren. Viele, die im Irak bleiben mussten, denken hingegen an die Auswanderung nach Europa, Australien oder nach Amerika.

Der Junggeselle Rone Sabty Galo ist mit seinen Eltern in seine Heimatstadt Bartella trotz der widrigen Umstände zurückgekehrt. Christliche Hilfsorganisationen halfen bei der Renovierung des vom IS völlig verwüsteten Hauses. Der Familie gehört ein Garten, in dem sie Gemüse ziehen. Viel mehr positives gibt es nicht zu berichten.

"Es gibt hier keine Arbeit. Auch Sicherheit gibt es nicht. Wir wollen aber arbeiten, um Geld zu verdienen. Wir haben Familien. Die brauchen was zum Essen. Eigentlich gibt es kein Grund, hier zu bleiben."

Rone Sabty Galo

Angespannte Situation

Hinzu kommt die angespannte Sicherheitslage. Soldaten schützen Gottesdienste. Der IS ist militärisch geschlagen. Die terroristische Bedrohung besteht weiter. Nach dem Einbruch der Dunkelheit traut sich in Bartella kaum jemand aus dem Haus.

"In der Nacht geht man alleine hier rum. Es ist wie in dem Zombie-Computerspiel ‚Resident Evil‘ oder in einer Geisterstadt. Du siehst niemanden. Alle bleiben in der Nacht zuhause, weil sie sich nicht sicher fühlen."

Rone Sabty Galo

Belastend für die christliche Minderheit sind auch die politischen Spannungen zwischen der irakischen Zentralregierung in Bagdad und der kurdischen Regionalregierung im Nordirak. Im Kampf um die Macht stehen sie sich in der Ninive-Ebene feindlich gegenüber. Mittendrin liegen die angestammten Siedlungsgebiete und die wenig erhalten geblieben spirituellen Zentren der Christen.

Keine Zukunft für die Christen im Irak?

Das Jahrtausendealte Kloster Mar Matta ist einer dieser für die Christen so heiligen Orte. Vater Joseph lebt seit vielen Jahren in dem Kloster. Er sieht für die Christen im Irak keine Zukunft mehr.

"Die Christen sind ein schwaches Volk; eine Minderheit in diesem Land und in der ganzen Region. Aus diesem Grund sind sie immer in jeder Situation die großen Verlierer."

Vater Joseph, Kloster Mar Matta

Der Augsburger Simon Jacob ist der Vorsitzende des Zentralrates der Orientalischen Christen in Deutschland und bereist die Region seit Jahren. Auch er schätzt die Lage der Christen als sehr schwierig ein.

"Sie wissen nicht, wo sie hingehören; weil man sagt ihnen zwar: Ihr seid Iraker. Im Norden sagt man: Ihr gehört zu Kurdistan. Sie wissen nicht, wo sie hingehören. Das heißt: Sie sind von allem abgeschnitten. Sie können ihre Verwandten nicht besuchen. Sie brauchen ellenlange Distanzen, um irgendwo hinzukommen und das verursacht einfach das Gefühl: Wir gehören hier gar nicht hin. Wir sind nach wie vor Menschen zweiter Klasse . Weil wir Menschen zweiter Klasse sind, auf Grund was auch immer, werden wir die Region verlassen."

Simon Jacob, Vorsitzender Zentralrat Orientalischer Christen in Deutschland

Ohne internationale, verlässliche Garantien werden vermutlich auch die letzten irakischen Christen ihre Heimat verlassen.

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