Report München


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SPD in Turbulenzen Interview mit Hans-Jochen Vogel

Der ehemalige SPD-Vorsitzende, Kanzlerkandidat und Münchner-Bürgermeister macht sich große Sorgen um die SPD. Und analysiert die Krise seiner Partei.

Von: Ulrich Hagmann, Markus Rosch

Stand: 23.10.2018

Es war eine Niederlage, wie sie die SPD noch nie erlebt hat: unter 10 Prozent in Bayern. Was für ein Desaster.

Eine Woche später. Wir treffen den ehemaligen SPD-Vorsitzenden Hans-Jochen Vogel zum Exklusiv-Interview. Erstmals nach der Wahl äußerst sich der 92-jährige zur Lage seiner Partei.

"Ja das hat mich schon emotional berührt. Ich meine, ich habe viele Wahlergebnisse erlebt, aber das hat mich emotional berührt. Wissen Sie, ich hab an die Zeit gedacht, in der ich Oberbürgermeister war in München, da waren alle vier Bundestagsmandate in sozialdemokratischer Hand, und alle elf Landtagsmandate ebenso, dass wir jetzt die fünft stärkste Kraft in München sind, das ist für mich immer noch schwer zu verdauen, aber ich versuche auch damit intellektuell einigermaßen fertig zu werden."

Hans-Jochen Vogel, SPD, Ehrenvorsitzender

Hans-Jochen Vogel war von 1960 bis 1972 erfolgreicher Oberbürgermeister Münchens. Als Vorsitzender der bayerischen SPD und Spitzenkandidat bei der Landtagswahl musste er sich 1974 Alfons Goppel geschlagen geben. Allerdings holte er damals noch über 30 Prozent für die bayerische SPD. Werte, von denen seine Nachfolger heute nur noch träumen können, obwohl die CSU diesmal durch internen Streit geschwächt war.

"Unter Umständen haben wir sogar profitiert, weil es ohne diese Streitigkeiten möglicherweise noch schlechter gewesen wäre. Außerdem hat natürlich eine Rolle gespielt, dass die große Koalition sich zuletzt über Banalitäten gestritten, in einer Art und Weise gestritten hat, die ich kaum verstanden habe. Ich meine damit den Fall Maaßen. Der ist behandelt worden, so wie man früher die Ostpolitik gestritten hat, und das war ein großes und wichtiges Thema."

Hans-Jochen Vogel, SPD, Münchner Oberbürgermeister 1960-1972

Die heutigen Streitigkeiten, zu kleinteilig, zu banal, abschreckend. Aus Sicht von Hans Jochen Vogel – die große Koalition ein einziges Dilemma.

report München: „Ist denn die große Koalition für Ihre Partei noch das Richtige?

"Die Frage ist, welche Alternative wird denn vorgeschlagen, wird jetzt eine Neuwahl vorgeschlagen? Ich kann meiner Partei zur Neuwahl unter den gegenwärtigen Werten nun wirklich nicht raten. Und ob durch den Bruch der großen Koalition und die Entscheidung für Neuwahlen, die Werte stark hinaufgehen, das bedarf der sorgfältigen Überlegung. Ich bin da eher zweifelhaft. Und die Union muss ja dieselben Überlegungen anstellen, ob sie mit einem neuen Kanzlerkandidaten höre Werte erzielt, oder die kontinuierlichen Verluste dann jedenfalls vermindert. Es gibt ja noch die Möglichkeit der Minderheitsregierung, die muss man jetzt ernstlich in Betracht ziehen."

Hans-Jochen Vogel, SPD, Bundesminister 1972-1981

Eine Minderheitsregierung? In der sich eine angeschlagene Kanzlerin Angela Merkel ständig neue Bündnispartner suchen muss? Für Vogel ein gangbarer Weg, um seine Partei zu retten. Ihm vor Augen nicht nur Deutschland, sondern die Entwicklung der Sozialdemokratie in ganz Europa.

report München: „Glauben Sie denn, dass das Ende der Volksparteien wirklich eingeläutet ist, oder wie würden Sie den Zustand gerade charakterisieren und kommt man aus dieser Falle auch wieder raus?“

"Also mir tut’s weh, denn gerade bei meiner Partei schaue ich nach Frankreich, schaue ich nach Holland, schaue ich in andere Länder, da ist sie fast verschwunden. Und es gab ja mal ein Buch eines anerkannten Wissenschaftlers über das Ende des sozialdemokratischen Jahrhunderts. Dem habe ich damals ausdrücklich widersprochen, denn das war ja um 1980 oder 1990 herum. Aber es ist ein Zeichen dafür, dies alles wie sehr wir die Partei erneuern müssen, damit sie den jetzigen Herausforderungen auf Bundes-, Landesebene und dann auch auf kommunaler Ebene gerecht wird."

Hans-Jochen Vogel, SPD, Ehrenvorsitzender

Seine oft glücklosen Genossen fordert Hans-Jochen-Vogel auf, Zukunftsthemen zu besetzen.

"Die Welt, unsere Erde steht vor der Gefahr eines totalen Zusammenbruchs durch die Klimaentwicklung. Wenn hier nicht entschieden eingegriffen wird, dann ist das ein Existenzproblem. Das zweite ist, dass die sozialen Kluften sich überall erweitern und als drittes eben dann, dass der Staat seine Kontrolle über die ganz Mächtigen in der Wirtschaft, dass der die sichert, da denke ich an Google und an andere, die plötzlich mächtiger werden als die Staaten."

Hans-Jochen Vogel, SPD, Kanzlerkandidat 1983

report München: „Wer und warum soll man denn gerade die SPD noch wählen?“

"Die soll man deswegen wählen, weil sie eine Geschichte hat, wie keine andere Partei. Weil es keine Partei gegeben hat, die die Demokratie so leidenschaftlich verteidigt hat wie die SPD. Weil es einen Otto Wels gab, mit seiner berühmten Rede, als alle andern zugestimmt haben, Hitlers Antrag, und wir allein diejenigen waren, die nein gesagt haben. Keine andere Partei hat eine solche Geschichte."

Hans-Jochen Vogel, SPD, Parteivorsitzender 1987-1991

Immer wieder aufstehen und weiter kämpfen. Das ist das Lebensmotto von Hans-Jochen Vogel. Und es ist genau das, was er jetzt auch von seinen Nachfolgern erwartet

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