Report München


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Arzneimittel für Asthmatiker Der verzweifelte Kampf eines Erfinders

Vor 25 Jahren erfindet ein Jungunternehmer eine Inhalierhilfe für Asthmatiker. Mehr als 50 Milliarden Euro hätte diese Erfindung Europas Krankenversicherten gespart. Denn sie verbraucht weniger Asthma-Medikamente. Doch die zuständigen Behörden erreichten, dass das Medizinprodukt vom Markt verschwindet. Die EU-Kommission hätte das Verbot schon vor 20 Jahren prüfen müssen, machte das aber nicht. Recherchen zu einem echten Wirtschaftskrimi.

Von: Jens Kuhn

Stand: 21.08.2018

Christoph Klein kämpft seit zwei Jahrzehnten für seine Erfindung. Seine Inhalierhilfe hätte Asthmatikern Milliarden sparen können. Doch das Medizinprodukt wird verboten. Ob zu Recht, ist bis heute höchst umstritten. Klein zieht vor Gericht.

"Für den Außenstehenden sicher ein spannender Krimi. Ich find’s nicht witzig, weil ich seit 25 Jahren kämpfe!"

Christoph Klein

Klein muss gegen Bayerns Gesundheitsministerium kämpfen, die Regierung von Oberbayern, das Bundesministerium für Gesundheit, das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte – und gegen die EU-Kommission. Gemeinsam haben sie dafür gesorgt, dass seine Inhalierhilfe  dauerhaft vom Markt verschwindet. Gemeinsam ist den Behörden auch, dass sie sich zum Fall Klein auf Anfrage nicht vor der Kamera äußern.

Laut EU-Parlament haben Europas Krankenversicherte aufgrund des umstrittenen Verbots mehr als 50 Milliarden Euro zu viel für Medikamente bezahlt. Kleins Inhalierhilfe spart Wirkstoff. Das Gerät hat anders wie L-förmige Produkte keinen Knick, in dem Medizin hängen bleiben kann.

Februar, 2018. Der entscheidende Prozesstag am Europäischen Gerichtshof.

"Das Ganze ist eigentlich ein Showdown heute!"

Christoph Klein

Klage gegen die EU-Kommission

Klein klagt gegen die EU-Kommission. Er fordert Schadenersatz: 300 Millionen Euro. Alles begann mit einem erfolgreichen Start als Jungunternehmer. Im April 1995 bringt Klein die Massenproduktion auf den Weg - in Sachsen-Anhalt. Nach einiger Zeit bekommen die Beamten dort Druck von ihren bayerischen Kollegen. In Bayern sitzt der Vertrieb für Kleins Medizinprodukt.

Der Freistaat hat ein Problem mit der Inhalierhilfe und beruft sich dabei auf das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte. Dort machen sich die Beamten wegen eines Zeitungsartikels Sorgen. Fünf ältere Damen hatten beim Friseur leichte Schlaganfälle erlitten. US-Forscher warnen vor einem Überstrecken des Halses beim Haarewaschen.

Allerdings geht es um mehrere Minuten - beim Inhalieren mit Kleins Erfindung neigt man zwar auch den Kopf nach hinten - aber nur für wenige Sekunden. Die Behörden meinen außerdem, dass Medikamente vielleicht stärkere Nebenwirkungen haben, wenn sie mit dem neuen Gerät eingeatmet werden. Vermutungen - wie das BfArM uns mündlich bestätigt.

Klein selbst gibt wissenschaftliche Untersuchungen in Auftrag. Ergebnis: Die Nebenwirkungen könnten sogar geringer sein als bei L-förmigen Geräten.

Dr. med. Hans Haindl | Bild: BR

"Wir haben eigene Untersuchungen zusammen mit dem Fraunhofer-Institut durchgeführt und nach all dem kann ich nicht erkennen, dass von dem Produkt eine Gefahr für den Patienten ausgeht."

Dr. med. Hans Haindl, Sachverständiger für Medizintechnik, 2011

Doch die Behörden überzeugt das nicht. Das Bundesinstitut fragt lieber Hersteller von Asthmamedikamenten nach ihrer Meinung. Also diejenigen, die aufgrund der Medikamenteneinsparungen durch Kleins Erfindung Einbußen haben. Die Unternehmen sind skeptisch – auch ohne die Inhalierhilfe geprüft zu haben wie der Schriftverkehr zwischen BfArM und einer Pharmafirma belegt.

Der Einfluss der Industrie zeigt sich auch, als Ulla Schmidt Bundesgesundheitsministerin ist. Ihre Beamten sprechen sich gegen die Inhalierhilfe in diesem internen Vermerk aus, weil unter anderem ... „seitens der Arzneimittelhersteller möglicherweise Gegenmaßnahmen erfolgen, die den behaupteten Spareffekt reduzieren können“.

Was mit den Gegenmaßnahmen gemeint ist, sagt uns das Ministerium auf Anfrage nicht.

Ulla Schmidt will sich gar nicht äußern. Heute sitzt die SPD-Abgeordnete laut Angaben des Bundestags übrigens im Verwaltungsrat eines Asthmamedikamente-Herstellers. Im September 1997 wird die Inhalierhilfe schließlich verboten. Ob zurecht – das muss jetzt die EU-Kommission entscheiden. Sie sorgt für das endgültige Ende …durch Nichtstun. Heute, zwei Jahrzehnte später, hat die Kommission immer noch nicht entschieden.

Das Verbot gilt bis heute: ungeprüft!

Das umstrittene Verbot gilt deshalb bis heute: ungeprüft! Schließlich geht Klein das Geld aus. Doch Investoren finanzieren seinen Kampf weiter.

"Ansonsten wäre das nicht möglich gewesen,  ich wäre eigentlich ein Sozialfall gewesen."

Christoph Klein

Während Klein vergeblich wartet, kostet das umstrittene Verbot die Krankenkassen viel Geld. Den Versicherten der energie Betriebskrankenkasse wurde die Inhalierhilfe bis zu ihrem Verbot verordnet. 

Gut 300 Asthma-Patienten verwendeten sie: In dieser Zeit sanken die Ausgaben um 41 Prozent; 37 % weniger Medikamente wurden verordnet. Warum wurde das umstrittene Verbot von der EU-Kommission nie überprüft? Steckt Absicht dahinter?

report München liegt ein Entscheidungsentwurf aus dem Jahr 2007 vor. Darin bezeichnet die EU-Kommission die Maßnahmen der deutschen Behörden als, „not justified“, nicht gerechtfertigt. Unter der Finalversion fehlt nur die Unterschrift des damaligen EU-Industriekommissars. Es ist der deutsche SPD-Politiker Günter Verheugen. Das Dokument wird nie offiziell. Wer ist dafür verantwortlich? Aufgrund unserer Recherchen forscht Günther Verheugen beim Generalsekretär der EU-Kommission nach und schreibt uns. Damals habe offenbar die Verwaltung ... „In eigener Verantwortung die Entscheidung getroffen.“

Wir wenden uns deshalb an die Kommissionsverwaltung – von dort heißt es: kein Kommentar wegen des laufenden Gerichtsprozesses. Klar ist: Vom Vorgehen der Beamten profitiert die Pharmaindustrie, die L-förmige Inhalierhilfen und Asthma-Medikamente herstellt.

Nach zwei Jahrzehnten Kampf steht Christoph Klein jetzt vielleicht vor einer Lösung. Zurück nach Luxemburg zum Europäischen Gerichtshof. Inzwischen gibt es einen Fingerzeig vom Gericht: Die EU-Kommission wird voraussichtlich verurteilt.

"Ich bin zufrieden, aber ziemlich ausgepowert, also fertig. Diese Verfahren sind wahnsinnig anstrengend. Man muss sehr konzentriert arbeiten."

Christoph Klein

Anfang September entscheiden die Richter, ob es tatsächlich Schadenersatz gibt. Wenn ja, zahlen Europas Bürger doppelt: Als Steuerzahler für  Kleins entstandenen Schaden und als Krankenversicherte, weil sich Medikamenteneinsparungen jahrzehntelang … in Luft aufgelöst haben.

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