Report München


5

Shoah-Überlebende aus der Ukraine Gerettet nach Deutschland

Sie überlebten als ukrainische Juden die Shoa. Seit dem russischen Angriff müssen sie erneut um ihr Leben bangen. Einige dieser hochbetagten Menschen wurden nun aus den Kriegsgebieten nach Deutschland gerettet. report München sprach mit diesen außergewöhnlichen Menschen in der Ukraine und in Deutschland.

Von: Oliver Mayer-Rüth, Leon Willner

Stand: 04.04.2022

Wir sind in Odessa. Ein Treffen im jüdischen Kulturzentrum mit Roman Schwarzman. Der 85-jährige hat den Holocaust überlebt. Auch aus Odessa sind mehrere Shoah-Überlebende nach Deutschland gerettet worden.

"Diese 27 Überlebenden des Holocaust, die weggefahren sind, sie haben die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und der NS-Herrschaft überlebt. Damals haben die deutschen Faschisten es nicht geschafft, sie umzubringen. Jetzt wollen die russischen Faschisten sie umbringen."

Roman Schwarzman, Vereinigung ehem. jüdischer Ghetto- und KZ-Häftlinge Odessa

Sie wollten einen ruhigen Lebensabend haben, aber die russischen Faschisten erlauben ihnen nicht, hier, in ihrer Heimat in Ruhe zu sterben.

Krankenwagen bringen sie aus dem Kriegsgebiet. Um die 50 Personen wurden aus der Ukraine nach Deutschland überführt. Zum Beispiel nach Würzburg in Bayern.

Vor rund einer Woche kam die 91-jährige Nadia Oserjanska an. Nach Würzburg hat die Mikrobiologin nur ein paar Kleidungsstücke, Medikamente und dieses Buch des Schriftstellers Scholem Alejchem mitgenommen.

"Wir halten diesen Krieg für absurd. Denn mit wem herrscht Krieg? Mit unseren Brüdern. Im vorigen Krieg, da haben wir gewusst: Das sind unsere Feinde, das ist Faschismus. Aber hier fragen wir uns: Warum?"

Nadia Oserjanska, Holocaust-Überlebende

Zunächst lehnte sie es ab, nach Deutschland zu kommen. Doch als die Lage in Kiew immer bedrohlicher wurde, willigte sie auf Bitten ihrer Freunde ein – in Würzburg sei sie sicher.

"Wenn die Sirene kam, mussten wir alle nach unten gehen. In den Bunker oder Keller, aber ich bin dann irgendwann nicht mehr nach unten, weil ich nicht die ganze Zeit runter rennen wollte – bin einfach in der Wohnung geblieben, egal ob ich mich dabei ruhig gefühlt habe oder nicht."

Nadia Oserjanska, Holocaust-Überlebende

Jetzt ist sie hier – in einem Wohnprojekt. Wie aber kam es, dass Nadia Oserjanska in Würzburg aufgenommen wurde?

"Wir hatten innerhalb von 10 Minuten die Entscheidung klar, jawoll, wir nehmen jemanden auf.  Plötzlich an einem Freitag hat er mich angerufen und hat gemeint, jawoll, am Sonntag ist es dann so weit."

Eva-Maria Pscheidl, Caritasverband Stadt und Landkreis Würzburg

"Also uns liegen Schilderungen vor von Überlebenden, die zu Hause in Wohnungen erleben. Die teilt schon, wo die Fenster eingeschlagen sind, aufgrund der Kriegshandlungen und der unter wirklich schwierigsten Bedingungen ausharren müssen. Und für die tatsächlich kann man, so sagen diese Ambulanzen, mit denen sie dann eben einzeln evakuiert sind, die Rettung ist."

Aron Schuster, Direktor Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland

Gastgeberinnen sind die Würzburger Ritaschwestern. Der katholische Orden fühlt sich in besonderer Weise mit der jüdischen Gemeinschaft verbunden.

"Unser Motto von Anfang an heißt, wir gehen zu allen Menschen. Das war damals schon, 1911 sind wir gegründet und waren 1912 schon bei den Juden. Also irgendwie prägt das uns. Es ist ein roter Faden durch unsere Geschichte und den können wir im Moment gerade wieder ein bisschen mehr leben."

Schwester Rita-Maria Käß, Generaloberin Kongregation der Ritaschwestern

Nadia Oserjanska überlebte als Kind in Kiew den Holocaust. In Deutschland war sie noch nie.

"Sehr gut bin ich hier aufgenommen worden, wirklich bemuttert. Für uns wird hier alles gemacht, aber ich habe den Wunsch wieder heim zu kommen. Obwohl ich es zuhause nicht so gut habe wie hier."

Nadia Oserjanska, Holocaust-Überlebende

Im Berliner Büro der Claims Conference laufen die Fäden dieser besonderen Rettungsmission zusammen. Rund 400 Holocaust-Überlebende sind noch in der Ukraine, sie gut unterzubringen ist ein großer Kraftakt. 

"Insofern ist jetzt unsere größte Sorge eigentlich ein größeres Haus zu finden mit russischsprachigem Personal in der Nähe einer großen jüdischen Gemeinde, um die Leute möglichst zusammen zu lassen, was ihnen sozusagen auch ein gutes, ein besseres Gefühl gibt, ein Gefühl der Geborgenheit und der Sicherheit. Und natürlich einfach logistisch, dass man sich wesentlich einfacher um sie kümmern kann."

Rüdiger Mahlo, Deutschland-Repräsentant Claims Conference

Explosionen und riesige Rauchsäulen über Odessa. Wie schlimm es auch kommen wird: Roman Schwarzman hat eine einsame Entscheidung getroffen.

"Ich werde nirgendwo hingehen, auch nicht nach Deutschland. Vor zehn Jahren hatte ich schon einmal die Zusage aus Deutschland, um dahin auszuwandern. Aber meine Frau ist vor 30 Jahren gestorben und meine Kinder haben gesagt: wir werden ihr Grab hier nicht allein lassen. Und so fahren wir alle nicht weg."

Roman Schwarzman, Vereinigung ehem. jüdischer Ghetto- und KZ-Häftlinge Odessa

Und er hat versprochen, die Erinnerung an sämtliche Holocaust-Überlebende von Odessa für die Nachwelt zu bewahren.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:


5