Report München


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Zur Armut verdammt Heimkinder in Ausbildung

Wenn Heimkinder als Schüler oder Azubis Geld verdienen, macht es ihnen der Staat besonders schwer. 75 Prozent ihres Lohns müssen sie abgeben. Kein leichter Start ins Leben für junge Menschen, die es eh schon schwer haben. Die Politik schiebt das Thema auf die lange Bank.

Von: Andreas Herz

Stand: 06.08.2019

"Da wären wir, klein aber fein. […] Eines Tages bin ich in der Früh aufgewacht, das hat es geheißen: Pack deine Sachen, wir fahren ins Jugendamt. Ja, und dann bin ich am nächsten Morgen hier aufgewacht."

Justin Trost

Justin Trost war 13 als er ins Kinderheim kam. Nun ist er 17 und will auf eigenen Beinen stehen. Doch ein Gesetz macht es ihm schwer. Seit über einem Jahr macht Justin eine Ausbildung, in einem Autohaus bei Augsburg. Doch qua Gesetz ist er nur ein Azubi zweiter Klasse – zumindest finanziell. Der Grund: Justin ist ein Heimkind. Und für Kinder die bis 18 im Heim leben gilt folgendes Gesetz: Von ihrem Lohn müssen sie drei Viertel – also 75 Prozent  - abgeben. Egal ob sie nur Zeitungen austragen, einen Ferienjob haben – oder wie Justin eine Ausbildung machen.

"Ich glaube ich spreche für alle Heimkinder wenn ich sage: Wir können nichts dafür, dass wir im Heim sind. Da sind dann eigentlich zu 90 Prozent die Eltern schuld. Und was können wir Kinder dafür, dass wir dann im Nachhinein unsere 75 Prozent abgeben müssen?" Justin Trost

Arbeiten für 1,20 Euro pro Stunde

Seine Azubi-Freunde müssen zu Hause für Wohnen und Essen höchstens 100 Euro abgeben, erzählt Justin. Bei ihm seien es rund 400 Euro. Der Abzug – eine Art Rückzahlung an den Staat für die Unterbringung im Heim. Wer Glück hat, muss weniger abtreten – wenn das zuständige Jugendamt mitmacht. Bei Justin hat es geklappt – aber trotzdem: Unterm Strich arbeitet er für 1,20 Euro pro Stunde.

80 Euro im Monat

Justin Trost: "Und so bleiben dann noch ca. 80 Euro für den kompletten Monat."

report München: „Für Weggehen, für Freunde?“

Justin Trost: „Genau, für die Berufsschule für alles.“

Wer im Heim aufwächst, hat oft Belastendes erlebt. Gewalt in der Familie, suchtkranke Eltern, Missbrauch oder Verwahrlosung. Wir hätten gern mit mehr Betroffenen gesprochen. Doch Heime und Jugendämter blocken ab - gerade, wenn es um die 75-Prozent-Regel geht - mit einer Ausnahme.

Marco Weiß (li.) und Bernhard Kuhn

Unterwegs nach Graben, eine Gemeinde bei Augsburg. Hier treffen wir zwei Männer, die mit ihrem Verein "Lebensarchitekur" Kindern ein echtes Zuhause geben – Marco Weiß war selber ein Heimkind und kennt die Problematik mit dem eigenen Einkommen noch aus eigener Erfahrung.

"Also ich war beim Baumarkt angemeldet und habe dort gearbeitet, hätte dann aber eben 75 Prozent abgeben müssen und war dann wirklich davor zu sagen: Ne, dann halt nicht!"

Marco Weiß, ehemaliges Heimkind

Marco Weiß hatte Glück. Weil sich jemand für ihn beim Jugendamt einsetzte, durfte er sein Geld für eine Bildungsreise nutzen. Wohlwollen, welches andere Heimkinder nicht erfahren. Willkür für Bernhard Kuhn – doch aus seiner Sicht noch nicht der Kern des Problems.

"In der heutigen Kinder- und Jugendhilfe haften Kinder für ihre Eltern. Ist das mit dem Recht vereinbar?"

Bernhard Kuhn, Geschäftsführer Lebensarchitektur e.V.

"In der heutigen Kinder- und Jugendhilfe haften Kinder für ihre Eltern"

Zuständig ist das Bundesfamilienministerium. Ein Interview mit Ministerin Franziska Giffey von der SPD kommt nicht zustande. Zur Begründung der 75-Prozent-Regel heißt es bürokratisch:

Die Kostenheranziehung ist grundsätzlich Ausdruck des „(…)Prinzips der Nachrangigkeit der öffentlichen Fürsorge gegenüber der Selbsthilfe und der Leistung anderer.“ Das bedeutet: Jeder muss für sich selbst sorgen, soweit es ihm möglich ist. Nachvollziehbar, doch wird dieser Satz dem Schicksal von Heimkindern gerecht? Nachfrage bei Politikern der Regierungskoalition:

"Ich versteh die Betroffenen, dass sie sagen: ich werde quasi bestraft für eine besondere Lebenssituation und das darf nicht sein. Aber sie müssen auch sehen, der Staat kommt für den Lebensunterhalt auf. Dass sie sich vielleicht hier und da daran beteiligen. Und so muss man glaub ich einen guten Mittelweg finden. Aber es darf nicht dazu führen, dass die Jugendlichen demotiviert sind. Das wäre der völlig falsche Anreiz."

Marcus Weinberg, CDU, familienpolitischer Sprecher

Beim Koalitionspartner SPD geht man noch weiter:

Heimkinder in Ausbildung | Bild: BR

"Ich finde das unmöglich. Das sind wirklich die Ärmsten der Armen und die haben wirklich ein schlimmes Leben hinter sich und da müssen wir in der Tat zusehen, dass wir die wieder auf die vernünftige Schiene setzen. Und mit den erheblichen Beteiligungen, die Sie da verlangen, das geht doch nicht."

Matthias Bartke, SPD, Vorsitzender Arbeits- und Sozialausschuss

Diese Kritik kommt von führenden Fachpolitikern der großen Koalition - sie könnten die Vorgaben ändern, zusammen mit dem Bundesrat. Der Wille zur Veränderung ist da, doch über die Details wird seit langem gestritten. Derweil bleibt alles beim Alten. 

"Also ganz ehrlich: die Kinder kommen aus Situationen, für die sie nichts können. Und warum sollten sie in irgendeiner Weise auch dafür noch bestraft werden?"

Marco Weiß, ehemaliges Heimkind

Denn die Geldsorgen der Heimkinder fangen beim staatlichen Lohnabzug erst an. Auf dem Land geht es weiter beim Familienauto, das fehlt, um mobil zu sein, über die kleine Geldspritze der Eltern, damit man auch mal einen Engpass überbrücken kann – bis hin zu Forderungen, die fassungslos machen.

"Und dann ist es uns auch in der Wohngemeinschaft passiert: Nach 14 Jahren steht plötzlich ein Frau im Flur, sie gibt sich aus als die Mutter eines Jugen aus der Wohngemeinschaft und sagt dann: Ach, Herr Kuhn, mein Sohn müsste doch jetzt 14 Jahre alt ein, ich bin so in Geldnot, könnten Sie mir nicht sein Taschengeld geben. [...] Ja da war ich erstmal sprachlos. Und sage: Das getrauen Sie sich nach 14 Jahren wo Sie nie für Ihr Kind da waren?"

Bernhard Kuhn, Geschäftsführer Lebensarchitektur e.V.

Bernhard Kuhn überlegt jetzt gegen den staatlichen Abzug beim Lohn zu klagen – das wurde ihm nämlich bei einem früheren Träger untersagt. 

"Wir Fachkräfte sind in jeder schönen Leitbildbeschreibung Anwalt der Kinder. Wer denn sonst?! Und wenn wir den Mund nicht aufmachen und sagen es ist halt so, dann wird sich auch in den nächsten 30 Jahren nichts ändern."

Bernhard Kuhn, Geschäftsführer Lebensarchitektur e.V.

Rund 150.000 junge Menschen leben in Heimen und betreuten Wohnformen. Etwa doppelt so viele wie vor zehn Jahren. Ihre Hoffnung: Arbeit soll sich in Zukunft auch für sie lohnen.  

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