Report München


21

Gewalt und Mobbing Der normale Wahnsinn an deutschen Schulen

Immer häufiger werden Lehrer und Schüler in Deutschland Opfer von Bedrohung und Körperverletzung. Allein in den letzten Jahren wurden 45.000 Fälle körperlicher Angriffe gegen Lehrkräfte bekannt, Tendenz steigend. Doch der Polizei macht längst ein weiterer Bereich Sorgen: psychische Gewalt, Mobbing, Kinderpornos und brutale Gewaltvideos, die in Schülerchats z.B. über Whatsapp verschickt werden. Polizeieinsätze sind an der Tagesordnung.

Von: Anna Tillack

Stand: 14.01.2020

Unterrichtsende an einer Gesamtschule in Dortmund. Chemielehrer Wolfgang Wittchow verlässt das Gelände, auf dem er vor ein paar Monaten fast umgekommen wäre.  Drei Schüler locken den Lehrer in einen Hinterhalt, um ihn mit einem Hammer zu erschlagen.

"Der Junge saß hier, ging davon aus, dass ich mich über ihn beuge. Und dann sollte der Täter wenn ich das richtig verstanden habe, zuerst zuschlagen und nur, wenn ich dann noch rühre und noch mal aufstehe, dass der andere, der mir unbekannte, mir dann den Rest gibt. Der hatte dann auch einen Hammer angeblich."

Wolfgang Wittchow, Chemielehrer

Der Schüler hat Wittchow schon länger auf dem Kieker. Als sich der Lehrer weigert, ihm ein Attest auszustellen, plant der Schüler den Mord. Inzwischen kennt Wittchow die Details…

"Dass sie diskutiert haben sollen, ob man meine Leiche erst noch ein bisschen versteckt oder ob man sich sofort zurück zum Schulhof begibt, damit das Alibi besser zu verifizieren ist."

Wolfgang Wittchow, Chemielehrer

Der Lehrer ahnt, dass er in eine Falle gelockt wurde. Er durchschaut den vorgetäuschten Schwächeanfall, ruft den Krankenwagen und kommt mit seinem Leben davon.

"Was glauben Sie, wie es mir ging? Ich hab gehört, der will mich umbringen. Was wenn der sich jetzt rächt und deinen Sohn schnappt..."

Wolfgang Wittchow, Chemielehrer

Wolfgang Wittchow will nicht länger Opfer sein. Deshalb hat er beschlossen, sich zu wehren...

Seit 2014 stieg die Zahl der Straftaten kontinuierlich an

Gewalt an Schulen ist in Deutschland längst an der Tagesordnung. Nach Zahlen des Bundeskriminalamts gab es allein 2018 insgesamt 2256 Straftaten gegen Lehrkräfte, vor allem Körperverletzung, Nötigung und Bedrohung. Die Statistik zeigt auch: seit 2014 stieg die Zahl der Straftaten kontinuierlich an.

Der Verband Bildung und Erziehung befragt 2018 1200 Schulleiter aus ganz Deutschland.

Das Ergebnis: An jeder fünften Schule gab es in den vergangenen Jahren Cybermobbing, an jeder vierten Schule körperliche Angriffe und sogar an jeder zweiten Schule psychische Gewalt gegen Lehrkräfte. Übrigens ist Gewaltbereitschaft unter Schülern keine Frage der Schulart. Cybermobbing geschieht an Gymnasien fast ebenso häufig wie an Haupt-, Real- oder Gesamtschulen.

report München fragt stichprobenartig bei Polizeipräsidien an. Dabei wird klar: Einsätze an Schulen sind inzwischen erschreckender Alltag.

Auch hier im bayerischen Landshut. Regelmäßig konfiszieren die Polizisten Handys von Schülern. Was Rainer Schink von der Kriminalpolizei Landshut auf den Telefonen von 12-14-Jährigen findet, kann er oft gar nicht fassen…

"Ja, also, da haben wir jetzt die Auswertung von einem Handy, von einem Smartphone von einem Kind, ich meine es war knapp unter 14, also sehen Sie. Das klassische, natürlich sexuelle Sachen. Aber da zum Beispiel ein Gewaltvideo, das ist jetzt ein Video, wo ein Mensch geköpft wird mit einer Machete. Hier ist ein Gewaltvideo wieder mein Gott, weiß nicht, ob es gefakt ist oder nicht, auf jeden Fall verblutet da ein Mensch. … Natürlich wenn ich so ein Video sehe, kann ich nicht vermeiden, wenn ich so ein Gewaltvideo oder so ein kinderpornografisches Video sehe, dass ich Tränen in den Augen hab. Und deswegen möchte ich mir nicht ausmalen, was mit einem Kind passiert."

Rainer Schink, Kriminalpolizei Landshut

Nicht nur der Sender begeht eine Straftat, sondern auch der Empfänger

Eine Plakataktion soll nun helfen, Kinder aufzuklären. Denn die Rechtslage ist klar: Landet zum Beispiel ein kinderpornographisches Bild auf einem Smartphone, begeht nicht nur der Sender eine Straftat, sondern auch der Empfänger, der das verbotene Bild dann zwangsläufig besitzt.

Sebastian Bauer und seine Mutter haben genau das erlebt. Kurz vor seinem Abitur bekommt der 17-Jährige Sebastian in einem Schülerchat ein Bild auf sein Handy geschickt – mit gravierenden Folgen:

"Es war ein kinderpornografisches Bild, und ich beschreibe das nicht, nein. Das ist ein Bild, das will man kein zweites Mal in seinem Leben sehen."

Sebastian Bauer

Die Polizei beschlagnahmt an die 100 Handys, Sebastian landet vor Gericht – als Besitzer von kinderpornographischem Material. Die Familie durchlebt ein aufreibendes Jahr. Wird Sebastian verurteilt, könnte er wegen des Bildes als vorbestraft gelten.

"Also mir war nicht klar, dass allein der ungewollte Besitz kinderpornografischen Materials per se strafbar ist, anzuzeigen ist und strafrechtlich verfolgt wird."

Veronika Bauer, Mutter

Sebastian wird schließlich freigesprochen. Trotzdem kritisiert Veronika Bauer, dass das Thema die Gesellschaft überfordere:

"Das ist ein riesen Problem. Ein Teil unserer heutigen Zeit ist es sicherlich, wo wir kulturell auch hinterher sind, damit umgehen zu können."

Veronika Bauer, MutterWolfgang Wittchow, der Lehrer aus Dortmund, ist inzwischen zuhause angekommen. Nur knapp ist er einem brutalen Angriff entgangen ... Der verantwortliche Schüler wurde inzwischen angeklagt, wegen versuchten heimtückischen Mordes. Jetzt hofft Wittchow auf eine angemessene Bestrafung:

"Wenn er dann irgendwie im Altenheim dreimal die Suppe austeilt und gesagt bekommt ‚du du du‘, dann frage ich mich schon, was los ist. Ganz konkret hoffe ich, dass der Haupttäter ins Gefängnis kommt. Ja, also das ist eigentlich das, was ich erwarte."

Wolfgang Wittchow, ChemielehrerBald startet der Prozess, dann wird Wolfgang Wittchow dem Schüler, der ihn hier an seiner Schule töten wollte, als Nebenkläger gegenüberstehen.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:


21