Report München


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Geschäftsmodell Kinderwunsch Wie deutsches Recht Frauen ins Ausland treibt

Für jedes sechste Paar in Deutschland hängt die Erfüllung ihres Kinderwunsches von medizinischen Eingriffen ab. Doch die reproduktionsmedizinische Behandlung stellt für die Betroffenen seelisch, körperlich und finanziell eine erhebliche Belastung dar – vor allem, wenn eine PID benötigt wird, die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, eine Untersuchung des Embryos auf Erbkrankheiten. Der Weg dahin ist für viele Paare eine Odyssee, oft endet sie in Fachkliniken im Ausland, die serviceorientiert Leistungen anbieten, die in Deutschland genehmigungspflichtig und mitunter sehr langwierig sind.

Von: Anna Tillack, Leon Willner

Stand: 11.01.2022

Sieben Uhr morgens, in Tschechien. Hier wollen Kathrin und ihr Freund Alex ihren Wunsch erfüllen - ein eigenes Kind.

"Da haben wir heute Nacht drin geschlafen. Aber Gott sei Dank nicht hier an der Straße, sondern außerhalb von Brünn. Mitten in einem Weizenfeld."

Kathrin

Für Kathrin hängt sehr viel an diesem Versuch. Bald wird sie 40. Die Chancen, dass die künstliche Befruchtung erfolgreich ist, schwinden mit jedem Tag.

"Ja, ich bin schon bisschen nervös. Ist ja nicht das erste Mal, da hat man schon die Gedanken: Klappt’s dieses Mal? Weil man da schon ganz schön eine Tortur auf sich nimmt. Ich bin jetzt schon seit zwei Wochen jeden Tag am Spritzen…"

Kathrin

Nur jede fünfte Behandlung erfolgreich

Denn je mehr Eizellen gleichzeitig heranreifen, desto größer die Chance, dass der Eingriff erfolgreich ist. Für Kathrin ist es bereits die vierte künstliche Befruchtung. Zum zweiten Mal hat sie sich für Tschechien entschieden. Reprofit ist eine der größten Reproduktionskliniken in Osteuropa. Mehr als zwei Drittel der Patientinnen kommen aus dem Ausland. Reprofit - hier gehen Reproduktion und Profit offensichtlich Hand in Hand… Die Website wirbt mit Patientinnen aus aller Welt. Dabei ist nur jede fünfte Behandlung auch erfolgreich.

Den Eingriff vollzieht heute er: Doktor Tomáš Bagócsi. Fünf Jahre hat er in Deutschland als Arzt gearbeitet, Reprofit hat ihn abgeworben, auch wegen seiner Sprachkenntnisse. Das Hauptziel der gesamten Behandlung ist die genetische Untersuchung der Embryonen.

Denn Katrin hat ein ganz spezielles Problem: Wie jeder Mensch hat sie 22 Chromosomenpaare - allerdings ist ein 3er Chromosom zu lang, ein Chromosom 7 ist zu kurz. Das Erbgut ist vollständig da, hängt allerdings am falschen Chromosom. Für Kathrin bleibt das ohne Auswirkung, für den entstehenden Embryo kann es jedoch fatal enden. Er bekommt die Hälfte des Chromosomensatzes von der Mutter. Wenn dabei nur ein fehlerhaftes Chromosom vererbt wird, wäre das Kind nicht lebensfähig.

Gleich werden Kathrin die Eizellen entnommen und außerhalb des Körpers, in vitro, befruchtet und eingefroren. Bevor der Embryo dann in die Gebärmutter eingesetzt wird, wird er untersucht, das ist die sogenannte Präimplantationsdiagnostik, kurz PID. So kann man feststellen, ob er einen Gendefekt hat oder gesund ist. Letzte Vorbereitungen für die OP. Hier in der tschechischen Klinik geht alles schnell und unbürokratisch. In Tschechien ist die Präimplantationsdiagnostik legal.

In Deutschland ist Präimplantationsdiagnostik verboten - in Tschechien legal

In Deutschland ist sie weiterhin verboten. So steht es seit nun zehn Jahren im Embryonenschutzgesetz. Zu groß war damals die Angst vor dem Designerbaby. Ausnahmen sind nur möglich, wenn eine eigens eingesetzte Ethikkommission zustimmt. Professor Ursula Zollner leitet sie. 60 Fälle stehen auf der Tagesordnung. Das absurde: Die Kosten für die Entscheidung des Ethikrats müssen die Frauen bisher selbst tragen - bis zu 5000 Euro. Die Fallbesprechung ist vertraulich. Heute lehnt die Kommission einen Antrag ab.

"Die Anträge, die uns erreichen, werden zwar immer mehr, aber sind eigentlich alle sinnbehaftet. Also es wird hier nicht nach dem Designerbaby gesucht, sodass auch vielleicht unsere anfängliche Angst, ähm, zu viel zu erlauben, jetzt nicht begründet ist. Da waren wir am Anfang wahrscheinlich zu restriktiv so im Nachhinein betrachtet."

Prof. Ursula Zollner, Vorsitzende Ethikkommission PID Bayern

Während Frauen in Deutschland, die eine PID wollen, nach wie vor Steine in den Weg gelegt werden, hat sich Reproduktionsmedizin hier in Tschechien zu einem florierenden Geschäftsmodell entwickelt.

In der Klinik

Tomáš Bagócsi, Arzt: "Hallo, wie geht‘s Ihnen?"

Kathrin: "Geht gut."

Tomáš Bagócsi, Arzt: "Haben Sie keine Schmerzen mehr?"

Kathrin: "Nein."

In der Reproduktions-Klinik in Brünn ist Kathrin gerade aus der Narkose erwacht.

Tomáš Bagócsi, Arzt: "Ich habe für Sie gute Nachrichten. Letztes Mal haben wir 22 Eizellen für Sie gewonnen, jetzt haben wir sogar 27. Wow!"

Kathrin: "Super! Ein besseres Ergebnis als letztes Mal!"

Ein paar Stunden später dürfen Kathrin und ihr Mann bereits heim.

Auf dem Weg nach Hause

report München: "Mit welchem Gefühl fahrt ihr jetzt nach Hause?"

Kathrin: "Mit einem guten, mit einem sehr guten. Und ich bin richtig fit!"

20.000 Euro Kosten - aus eigener Tasche

Das Paar hat nicht nur jede Menge Zeit, sondern auch jede Menge Geld in künstliche Befruchtung und PID investiert - rund 20.000 Euro aus eigener Tasche. Die neue Bundesregierung plant, dass der Bund mehr Kosten übernehmen soll. Von einer Legalisierung ist weiterhin keine Rede.

Ein paar Wochen später treffen wir Kathrin bei sich zuhause. Jeden Tag hat sie auf der Internetseite verfolgt, was aus ihren Eizellen geworden ist. Vier haben sich zum Embryo weiterentwickelt und konnten schließlich eingefroren werden.

"Du hoffst einfach nur, dass eins dieser vier gesund ist. 11 hast ja jetzt in den letzten fünf Tagen schon verloren. Von den 15, von dem Leben das zwischen mir und meinem Mann entstanden ist, sind elf nimmer da. Das ist schon ein komisches Gefühl…"

Kathrin

Der entscheidende Moment kommt noch - das Ergebnis des Gen-Tests. Nur wenn die Embryonen gesund sind, können sie Kathrin auch eingesetzt werden.

Das Ergebnis des Gen-Tests

Kathrin: "Man sieht auch, dass es alles xx waren, also alles Mädchen, und alle Ergebnis abnormal."

report München: "Das heißt?"

Kathrin: "Embryo no Transfer."

report München: "Wären die lebensfähig gewesen?"

Kathrin: "Nein."

Versuch vier ist gescheitert, Kathrins bisherige Odyssee war nicht erfolgreich. Sie weiß nicht, ob sie überhaupt nochmal versuchen will ein eigenes Baby zu bekommen. Falls doch, will sie wieder ins Ausland fahren.

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