Report München


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Gefährliches Cannabis Vom chilligen Joint zur gefährlichen Partydroge

Joints rauchen gilt an vielen Orten als verzeihliches Laster, wird von der Polizei nicht weiter verfolgt. Allerdings ist das Cannabis von heute nicht mehr das der Hippie-Zeit. Die Rauschwirkung hat sich durch aggressive Züchtungen vervielfacht. Mit schlimmen Folgen. Die Anzahl der Klinikaufenthalte und schweren Erkrankungen durch Cannabiskonsum nimmt zu.

Von: Oliver Bendixen, Fabian Mader

Stand: 14.01.2020

Sie hat mit 13 angefangen zu kiffen. Monatelang hat sie täglich Cannabis geraucht. Vor einigen Monaten ziehen ihre Eltern die Reißleine, bringen sie in eine Psychiatrie.

Gespräch mit Patientin

report München: „Wie geht es dir jetzt hier?“

Patientin: „Scheiße, aber das liegt nicht an der Klinik.“

report München: „Was macht es schwer?“

Patientin: „Alles. Ich bin gerade psychisch echt, weiß nicht, ziemlich, ziemlich ...“

Der heute 15-Jährigen entgleitet zunehmend die Kontrolle. Sie entwickelt Ängste, regelrechte Paranoia.

"Wenn ich nachts irgendwie alleine eine Straße langgelaufen bin, ich habe immer Schritte hinter mir gehört, ich habe mich immer umgedreht - ich war immer voll in so einem Film drin, so dass, ja, oder auch alleine zuhause sein, da bin ich auch nicht mehr aus meinem Zimmer rausgegangen. Ich hatte einfach keine Lust mehr auf Menschen."

Patientin

Patienten mit der Diagnose Cannabis behandeln Suchtforscher wie Rainer Thomasius immer häufiger– die jüngsten sind 13, wenn sie zu ihm kommen.

"Es ist ein hochpotentes Halluzinogen, das Halluzinationen, visuelle, akustische, optische, sensorische Halluzinationen auslösen kann. Das hat eine Qualität von LSD. Immer mit der Konsequenz, dass die Gefahr der Psychoseauslösung weiter und weiter und weiter erhöht wird."

Prof. Dr. Rainer Thomasius, Suchtmediziner

Cannabis - eine gefährliche Droge? Kiffen gilt eigentlich als harmlos. Über 40% der 18-25-Jährigen hat es schon einmal probiert.

Geraucht wird offen im Park, in vielen Bundesländern verfolgt die Polizei das kaum noch. Kiffen gehört für viele zur Jugendkultur. Für Rapper ist Cannabis-Dauerkonsum ein Coolnessfaktor. In Videos geben sie offen damit an.

"Das hatte ich auch öfter, dass ich mir Musikvideos angekuckt hab, und mir dachte: Warum könnt ihr seit 10 Jahren jeden Tag Gras rauchen und seid immer noch so, ja, und ich bin in der Klapse?"

Patientin

Doppelt so viele Cannabispatienten, deutlich stärkere Drogen

In Krankenhäusern gibt es heute doppelt so viele Cannabispatienten wie noch vor wenigen Jahren - fast 19.000 pro Jahr. Bei Problemen mit illegalen Drogen liegt Cannabis vorn: 63% lassen sich wegen Gras oder Haschisch erstmals ambulant behandeln.

Zu Besuch im Drogenlabor des LKA in Bayern. Der Leiter der Drogenfahndung checkt die neusten Funde. Was er und seine Kollegen sicherstellen, macht ihm zunehmend Sorgen. Das Gras von heute habe nichts mehr mit der Hippie-Droge zu tun.

"Wie ich vor über 30 Jahren angefangen habe, da hat es geheißen, durchschnittliche Qualität bei Marihuana ein Prozent, durchschnittlich, und Superware, Jamaica-Gras: 4%. Das war aber absolut die Topware. Und da hat sich gewaltig was getan und wenn man das Marihuana nimmt, dann ist es eine - sagen wir mal - Verzehnfachung."

Dr. Michael Uhl, LKA Bayern, Leiter Fachbereich Chemie

Gefährliches Cannabis  | Bild: BR

Cannabis enthält zwei wirksame Stoffe: CBD und THC. THC wirkt auf Synapsen im Gehirn und löst einen Rausch aus. CBD entspannt die Muskeln, und schützt die Nerven. CBD gleicht normalerweise das aggressive THC aus.

Aber Züchter haben den THC-Wert immer weiter gesteigert. Waren bei Marihuana Anfang der 80er Jahre noch 1-2% üblich, haben dessen Blüten heute im Schnitt 13%. Weiter verarbeitete Drogen sogar teilweise über 50%. Der CBD Wert dagegen sinkt und kann die Wirkung des THC kaum noch ausgleichen.

Als junger Mann hat Tobias Cannabis geraucht – damals hat er es gut vertragen. Als er es vor Kurzem wieder versucht hat, war er von der Wirkung schockiert. Im Therapiedorf Villa Lilly will er von den Drogen endgültig wegkommen.

"Ich hab gar nicht viel genommen dabei, ein paar Züge nur. Und auf einmal bin ich da in so eine Panik reingekommen und ich dachte, ich muss sterben, also es war ganz furchtbar, unheimlich, ich hab Herzrasen bekommen, ich dachte, mein Herz explodiert. Wenn ich da allein gewesen wäre, ich weiß nicht, was da passiert wäre. Kann sein, ich wär aus dem Fenster gesprungen, ich weiß es nicht."

Tobias

Gefährliches Cannabis  | Bild: BR

Forscher haben Städte untersucht, in denen besonders starkes Cannabis im Umlauf ist. Beispielsweise Amsterdam und London. Ihr Fazit: Das Risiko von Psychosen ist 5 Mal höher, wenn Menschen diese Sorten täglich konsumieren.

Cannabis legalisieren, um Menschen zu schützen?

Im Bundestag wurde bereits über das härter gewordene Cannabis diskutiert. Die Grünen schlagen vor, die Droge legal zu verkaufen – mit einer genauen Angabe, wie stark eine Sorte ist.

"Wenn ein Nutzer oder eine Nutzerin Cannabis auf dem Schwarzmarkt konsumiert, dann ist das, als würden Sie in einer Kneipe sagen: ein Glas Alkohol bitte, und Sie wissen nicht, was Sie bekommen, ob Bier oder Wodka. Ein erwachsener Nutzer, eine erwachsene Nutzerin soll genau deklariert bekommen, was er oder sie konsumiert, und das geht auf dem Schwarzmarkt nicht, das geht nur in lizensierten Abgabestellen."

Kirsten Kappert-Gonther, B/90/Die Grünen, Drogenpolitische Sprecherin Bundestagsfraktion

Cannabis legalisieren, um Menschen zu schützen? In US-Bundesstaaten wie Colorado wird die Droge bereits legal verkauft. Die Lage sei aber laut aktueller Studien nicht besser, sondern schlimmer geworden, sagt Suchtforscher Thomasius.

"Das, was wir immer befürchtet haben, bildet sich jetzt in den USA erstmalig ab. Die Legalisierung führt zu Sucht, Psychosen, Suiziden unter Cannabiseinfluss."

Prof. Dr. Rainer Thomasius, Suchtmediziner

Für Drogenfahnder Jörg Beyser ist das nur logisch.

"Wenn jemand das Beste vom Besten haben will, dann geht er nicht in die Apotheke und kauft er sich teureres Achtprozentiges. Sondern geht auf den Schwarzmarkt und kauft sich billiges, 20-prozentiges Material, das er dann raucht. Und die Zahlen, die bestätigen das."

Jörg Beyser, LKA Bayern, Chef der Drogenfahndung

Sie hat hochprozentiges Cannabis monatelang geraucht. Nach der Therapie muss sie komplett von vorn anfangen.

"War auch meine Entscheidung, dass ich nicht mehr nach Hause gehen kann. Unter anderem auch wegen Cannabis, weil ich in diesem Umfeld sofort rückfällig werden würde."

Patientin

Einfach wird ihr Weg nicht.

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