Report München


1

Forschung unter Dauerstress Wann kommt das rettende Corona-Medikament?

Es gibt erste Hoffnungszeichen, dass zwei Medikamente helfen könnten gegen Covid 19: Hydroxichloroquin und Remdesivir. Doch stimmt das? In deutschen Krankenhäusern werden im Rahmen von Studien oder als Heilversuch im sogenannten Off Label Use beide Medikamente eingesetzt. Können die Medikamente die Hoffnungen erfüllen?

Von: Till Rüger, Ulrich Hagmann

Stand: 21.04.2020

Nürnberg, 9. April 2020

Aufregung auf der Intensivstation für Corona Patienten im Klinikum Nürnberg

"Das Problem ist, dass der Patient wach wird und extrem unruhig wach wird. Er wacht auf, er weiß nicht wo er ist. Wir sind vermummt und sehen komisch aus. Wir müssen jetzt einfach versuchen die Medikamente so einzustellen, bzw. so zu adaptieren, dass der Patient entspannt wach werden kann."

Nina Neubauer, Intensiv-Krankenschwester, Klinikum Nürnberg

Intensivkrankenschwester Nina Neubauer und ihre Kollegen haben alle Hände voll zu tun, kurz vor Ostern. Die Intensivstation ist gut belegt. Die genaue Patientenzahl an diesem Tag wird uns auf Wunsch der Stadt Nürnberg nicht mitgeteilt. Fakt ist: Alle Corona Patienten hier sind intubiert, werden beamtet und sind nicht bei Bewusstsein. 

"Man muss sagen, wir verlieren viel mehr Patienten, als wir sonst bei klassischen Intensivpatienten verlieren würden. Es sind bei uns im wesentlichen Patienten ohne relevante Vorerkrankungen gestorben und zwar nicht Patienten, die man als alt bezeichnen würde. Und sie sind nicht zu stabilisieren."

Dr.med Matthias Baumgärtel, Intensivmediziner, Klinikum Nürnberg

In Ihrer Verzweiflung setzen auch die Ärzte in Nürnberg auf Heilversuche mit Medikamenten, die als Hoffnungsträger gegen Covid 19 gelten, aber dafür nicht zugelassen sind. Ein Teil der Intensivpatienten hier bekommt das als Malaria- und Rheumamittel bekannte Hydroxychloroquin. Dieses Medikament gibt es nur als Tablette. Es wird zerstoßen und über die Magensonde zugeführt.

"Die Abwägung gebe ich so ein Medikament oder gebe ich es nicht ist gar nicht so einfach. Ich weiß nicht Hundertprozent sicher, wieviel das Medikament nutzen wird. Und deswegen muss ich auf der anderen Seite auch sicherstellen, dass ich dem Patienten auf keinen Fall schade. Das darf ich nicht tun."

Prof. Joachim Ficker, Chefarzt Pneumologie, Klinikum Nürnberg

München, 9. April 2020

Am selben Tag im "Klinikum Rechts der Isar" in München, hier nimmt das Team des Infektiologen Christoph Spinner an einer Studie für den zweiten Hoffnungsträger teil. Remdesvir, ein Wirkstoff der gegen Ebola entwickelt wurde.

"Wir würden uns natürlich wünschen, dass wir ein Medikament finden, dessen antivirale Eigenschaften so gut sind, dass das Virus in der Vermehrung gehemmt wird und deswegen die Erkrankungsdauer und schwere maximal gemindert wird."

Dr. med. Christoph Spinner, Infektiologe, Klinikum TU München

Remdesivir ist ein solcher Kandidat, weil es im Laborversuch Wirkung gezeigt hat. Wie aber sind die Erfahrungen im klinischen Alltag?

"Nach dem zweiten Tag hatte ich schon das Gefühl, deutlich weniger Fieber, deutlich weniger Hustenreiz. Ich schiebe es einfach auf das Studienmedikament ohne es zu wissen."

Curtis Warren Puckett, Corona Patient

"Wir testen das Arzneimittel bei vielen Hundert Menschen, damit wir eben sehen können, ob diese Besserung, die jetzt eingetreten ist, immer der Fall ist oder nur ein Einzelfall war."

Dr. med. Christoph Spinner, Infektiologe, Klinikum TU München

Nürnberg, 9. April 2020

Zurück in Nürnberg. Um zu wissen wie hoch die Konzentration der Medikamente im Blut der Patienten ist, lassen das Nürnberger und das Münchner Klinikum Blutproben der Patienten im Labor untersuchen. Gemessen werden die Konzentrationen im Plasma und im Vollblut.

"… dass der Kliniker den Patienten beobachtet, vielleicht positive Effekte sieht und ich kann ihm dann sagen, also bei der Konzentration ist es noch unwahrscheinlich, vielleicht aber am dritten, vierten Tag beispielsweise erreichen wir diese Schwelle, wo wir auf eine Wirkung hoffen, dass ist ja das spannende an dieser Phase im Moment, dass wir eine Infektion behandeln müssen, von der wir relativ wenig wissen."

Prof. Fritz Sörgel, Pharmakologe

München, 15. April 2020

Rettungsdienstleister Christoph Schroer und Notfallsanitäter Maximillian Bösl sind im Intensivmobil des privaten Rettungsdienstes MKT unterwegs. Sie werden gerufen, wenn beatmete Patienten von einer Intensivstation auf eine andere verlegt werden müssen.

"Wenn die abgeklemmt werden von der Beatmung, vom Tubus Aerosole rauskönnen. Dann müssen wir uns optimal schützen, um nicht selbst krank zu werden."

Christoph Schroer, Rettungsdiensleiter MKT

Die Angst vor Ansteckung ist ständiger Begleiter. Rund ein Dutzend solcher Einsätze hatte der Rettungsdienst in den letzten zwei Wochen. Von den rund 1000 Mitarbeitern sind derzeit 20 in Quarantäne, davon 7 bestätigte Corona Fälle. Alle Mitarbeiter nehmen an einer Studie teil, in der die Qualität eines Corona Anti-Körper Schnelltests überprüft wird.

"Meistens sind die Kollegen deprimiert, wenn immer nur ein Strich eben dieser Kontrollstrich, dieses ‚C‘ da ist, wie jetzt bei mir, dass sie noch keinen Infekt hatten und dass sie nicht schon immun dagegen sind."

Christoph Schroer, Rettungsdiensleiter MKT

Nürnberg, 16. April  2020

Telefonkonferenz im Labor von Professor Sörgel. Vergangenen Donnerstag. Erste Erfahrungsberichte aus Nürnberg und Leipzig zum Einsatz von Hydroxychloroquin.

"Das waren aber alles Patienten, denen wir das erst gegeben haben, als sie sich klinisch deutlich verschlechtert haben und das Hydrochloroquin hat dann nicht dazu geführt, dass die Intensivstation vermieden werden konnte, das muss ich sehr einschränkend anmerken."

Prof. Christoph Lübbert, Chefarzt, Klinikum St. Georg Leipzig

Nach dem Osterwochenende auf der Intensivstation in Nürnberg – die Stimmung ist schlecht.

"Wir haben innerhalb von nicht 36 Stunden 5 Patienten verloren über das letzte Wochenende und die Stimmung im Team ist extrem gedrückt dadurch."

Dr.med.  Matthias Baumgärtel, Intensivmediziner, Klinikum Nürnberg

Und die Bilanz des Einsatzes von Hydroxichloroquin: klinisch nicht eindeutig.

"Wir sind im Augenblick sehr zurückhaltend geworden, was Hydroxichloroquin anbelangt, und bereiten uns vor, innerhalb sehr kurzer Zeit in eine prospektive Studie zu gehen, denn was wir unbedingt brauchen ist eine Gewissheit was sind wirklich wirksame Medikamente und da kann auch sein, dass in dieser prospektiven Studie rauskommt dass es nicht viel bringt, aber dann testen wir das nächste und diese Studien laufen weltweit und so müssen wir insgesamt in der wissenschaftlichen Community vorankommen."

Prof. Joachim Ficker, Chefarzt Pneumologie, Klinikum Nürnberg

Tübingen, 17. April 2020

Am Tropeninstitut der Universitätsklinik Tübingen koordiniert Prof. Peter Kremsner die deutschlandweit größte Studie zu Hydroxichloroquin. Bei unserem letzten Besuch hat er erste Ergebnisse in zwei drei Wochen angekündigt. Die Zeit ist um, was kann er jetzt sagen?

"Wir sind leider noch nicht soweit, dass wir Resultate präsentieren können. Noch haben wir zu wenig Patienten rekrutiert, um Daten zu generieren, wo wir deutlich einen Effekt sehen. Das wollen wir in zwei bis drei Wochen jetzt schaffen."

Prof. Peter Kremsner, Institut für Tropenmedizin, Universitätsklinikum Tübingen

München, 21.April 2020

Zurück am Klinikum der Technischen Universität München. Hier läuft die Studie zu Remdesivir. Von der Universität Chicago kam eine sehr positive Meldung zum Einsatz des Medikamentes. Gibt es auch in München schon erste Ergebnisse.

"Im Rahmen der klinischen Studien sind bei uns über 20 Patienten hier mit Remdesivir behandelt worden, aber zum Erfolg können wir uns naturgemäß in Einzelfällen nicht äußern, denn genau darum geht es in den klinischen Studien, herauszufinden bei der Vielzahl von Patienten, ob das Arzneimittel wirksam und verträglich ist."

Dr. med. Christoph Spinner, Infektiologe, Klinikum TU München

Aus Chicago wurden einzelne Ergebnisse der klinischen Studien geleakt. Für den Chef der Intensivstation im Klinikum Rechts der Isar ist das ein Verstoß gegen wissenschaftliche Standards.

"So sehr ich verstehen kann, dass man auch Hoffnungen und Hoffnungen auf Lebensrettung dran knüpft, müssen wir abwarten, bis die Ergebnisse dieser Studien da sind, deshalb machen wir die Studien. Wir machen die Studien nicht, damit wir in einer kleinen Untergruppe von einem Viertel oder einem Fünftel der Patienten es toll findet. Wir haben hier auch Remdesivir gegeben, beim einem Patienten hatten wir den Eindruck, er hat sich verbessert, beim anderen hat man den Eindruck hat nicht so geholfen. Das sind keine Wundermedikamente, das ist nicht so, dass ein Patient das bekommt und danach sofort gesund ist."

Prof. Gerhard Schneider, Leiter Intensivstation, Universitätsklinikum TU München

Ernüchternde Bilanz: nach zwei Wochen Recherchen auf Intensivstationen und in Universitätskliniken heißt die Devise weiter auf Ergebnisse warten und keine falschen Hoffnungen verbreiten.

Manuskript zum Druck

Manuskript als PDF:


1