Report München


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Stau am Himmel Das große Ärgernis der Flugverspätungen

Ferienbeginn und das Chaos geht los. Am Wochenende ging nichts mehr für tausende Passagiere am Münchner Flughafen. Fliegen wird in Stoßzeiten oft zur Lotterie. Die Gründe: Überforderte Fluglinien, Dumpinglöhne, Personalmangel.

Von: Ulrich Hagmann, Markus Rosch

Stand: 31.07.2018

Riesenchaos am Flughafen München – letzten Samstag.  Ferienbeginn in Bayern und Baden-Württemberg. Ausgerechnet jetzt muss das Terminal geräumt werden, weil eine Frau unkontrolliert in den Sicherheitsbereich gelangt ist. Das Drehkreuz München fällt für Stunden aus –  die Konsequenzen fatal.

 „Das erste Mal in meinen Leben, dass ich am, ersten Sommerferientag fliege und das ist leider nicht gut gegangen.“

„Wir kommen von Düsseldorf und  sind jetzt hier gestrandet halt. Die sagten uns, dass der Flug heute gestrichen ist, dass wir heute hier nicht weg kommen, morgen ist alles voll, da kommen wir auch nicht weg, frühestens Montag.“

Krisenmanagement? Fehlanzeige. Schalter sind unterbesetzt. Oder werden gleich ganz geschlossen. Knapp 30 000 Passagiere sind betroffen über 330 Flüge werden gestrichen. 450 verspäten sich. Feldlager statt Strand. Und am Sonntagmorgen wieder Schlange stehen.
Viele wissen immer noch nicht, wie es weiter gehen soll.

Passagiere

Frau in Warteschlange: „Ich wollte mich bedanken bei der LH für den tollen Service. Da sitzen zwei Leute. Und hier sind Tausende. Wir stehen hier schon das zweite Mal an. Gestern 7 Stunden. Und jetzt ich weiß nicht wie lange es dauert. Geht nicht. Wo ist der Service, die lassen uns hier völlig allein.“

Mann in Warteschlange: „Man kommuniziert nicht mit uns. Und das ist das Schlimmste allgemein.“

Noch nie gab es so viele Stornierungen und Verspätungen

Das große Ärgernis der Flugverspätungen | Bild: BR

In der Kritik das Krisenmanagement der Lufthansa – nicht das einzige Problem der deutschen Vorzeige-Airline. In diesem Jahr hapert es bei der Pünktlichkeit. In den letzten 30 Tagen ist Lufthansa nach Easyjet die unpünktlichste Airline in Europa. Auf den vorderen Plätzen sind auch Lufthansa City Line und Germanwings.

2018 ist ein Rekordjahr. Noch nie gab es so viele Stornierungen und Verspätungen. Das registriert in Berlin auch die Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr. Edgar Isermann sagt um 46 Prozent seien die Anträge auf Entschädigung für Flugausfälle und Verspätungen im ersten Halbjahr gestiegen.

Edgar Isermann | Bild: BR

"Der Flugmarkt ist ziemlich durcheinander gekommen durch die Air Berlin-Pleite. Und dies aufzufangen ist noch nicht allen Fluggesellschaften gelungen Und das geht leider zu Lasten der Flugreisenden. Die müssen das jetzt ausbaden."

Edgar Isermann, Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr

Was das bedeutet haben Eva Kaltenhauser und Suzana Fiala aus Traunstein erlebt. Mitte Juli waren die beiden mit einer weiteren Freundin auf Städtereise in Riga. Schon der Hinflug mit Air Baltic hatte 3 Stunden Verspätung.

Eva Kaltenhauser und Suzana Fiala | Bild: BR

Eva Kaltenhauser und Suzana Fiala

Beim Rückflug war dann um 19 Uhr Schluss in Berlin. Zwei Lufthansa Flüge waren wegen Unwetter ausgefallen. Die drei Damen aus Traunstein, gestrandet Sonntag Abends in Berlin Tegel. Ärger über den Service der Lufthansa und den Hauptstadtflughafen.

"Diese Enge, Katastrophe, da kriegst Du echt Platzangst, das war furchtbar. Es waren so viele Menschen auf diesem kleinen Flughafen, auf diesem engen Raum. Die Leute völlig auf sich gestellt, das Personal komplett überfordert, nicht besonders freundlich am Infocheck."

Suzana Fiala

"Die sind wirklich am absoluten Limit."

Eva Kaltenhauser

Die Freundinnen müssen in Berlin übernachten, erst am nächsten Nachmittag geht es weiter. Alle drei hätten an diesem Montag arbeiten müssen. Konsequenz – sie verlieren einen Urlaubstag.

Auf Anfrage von report München entschuldigt sich die Lufthansa für die Verspätung, verweist auf die Unwetter. Die Häufung von Verspätungen erklärt Lufthansa mit Situation: „Streiks, extreme Wetterlagen, und zunehmend auch Kapazitätsengpässen im europäischen Luftraum.“

Auch Personalmangel Ursache für Verspätungen

Personalmangel bei den Fluglotsen ist tatsächlich auch eine Ursache für Verspätungen. Doch die Deutsche Flugsicherung will sich den Vorwurf nicht gefallen lassen, sie habe zu wenig Personal ausgebildet. Schließlich zwingen Vorgaben der Europäischen Union zu Kostensenkungen. Die Zahl der benötigten Fluglotsen wird von der EU prognostiziert.

Kristina Kelek | Bild: BR

"Wir haben gemäß den Vorgaben ausreichend Personal. Dass der Verkehr so angestiegen, das weiß man ja erst seit dem letzten Jahr, und das stimmt jetzt plötzlich mit den Prognosen wie sie waren für die zweite Periode nicht mehr überein."

Kristina Kelek, Deutsche Flugsicherung

Weil die Ausbildung eines Fluglotsen aber mindestens 4 Jahre dauert, kann jetzt nicht schnell reagiert werden. Für die Gewerkschaft der Fluglotsen sind Flugausfälle und Verspätungen Konsequenz des ruinösen Wettbewerbs.

Matthias Maas | Bild: BR

"Schuld sind meiner Meinung und der Meinung der Gewerkschaft nach die Airlines, die Airlines haben diesen Druck über Lobbyismus auf die europäische Kommission ausgeübt und dieser Druck wurde weiter gegeben. Im Grunde genommen ernten wir jetzt genau das, was die Airlines in den letzten Jahren gesät haben."

Matthias Maas, Gewerkschaft der Flugsicherung

Streik beim Bodenpersonal

Flughafen Hamburg gestern Morgen: Warnstreik. Hier wie an vielen Flughäfen ist das Bodenpersonal in Personalgesellschaften ausgliedert oder kommt von Leiharbeitsfirmen. Häufig wird nicht nach Tarif bezahlt.

Tobias Koch | Bild: BR

"Uns geht es darum, dass unsere Arbeit nicht geschätzt wird, es wird uns jeden Tag gesagt, wir machen das nicht gut genug, wir machen es nicht schnell genug, wir müssen besser werden, jedes Jahr mehr mehr."

Tobias Koch, Angestellter RMH Flughafen Hamburg

Ein Knochenjob neben heißen Triebwerken schwere Koffer stemmen, im Schichtbetrieb bei jedem Wetter und das zu Gehältern die bei Leihfirmen häufig kaum über dem Mindestlohn liegen. Auch deswegen finden die Firmen kein Personal für das Vorfeld, sagt uns ein Betriebsrat.

Behrad Ghofrani | Bild: BR

"Ich kann von einem der großen Flughäfen berichten, da fehlen in der Bodenabfertigung ca. 1500 bis 2000 Leute um eine geregelte Bodenabfertigung durchzuführen."

Behrad Ghofrani, Betriebsrat

Die Lücken werden angeblich immer häufiger durch Unqualifizierte gefüllt, obwohl Sicherheitsprüfungen und Deutschkenntnisse zwingend vorgeschrieben sind. Denn die Beladung eines Flugzeuges ist sicherheitsrelevant. Verantwortlich der Lademeister, dieser will anonym bleiben.

"Wenn man auf dieser Position Mitarbeiter hat, die den Lademeister gar nicht oder schlecht verstehen, die können dann auch nicht korrekt laden. Immer billiger, immer billiger, am Ende leidet die Sicherheit."

Lademeister (Stimme nachgesprochen)

Schuld am Chaos in München war ein Fehler beim Sicherheitscheck. Doch weil überall Personal fehlt, war das Krisenmanagement eine Katastrophe. Lange Wartezeiten und schlechter Service: Daran werden sich Fluggäste wohl gewöhnen müssen

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