Report München


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Drei Jahre "Wir schaffen das" Flüchtlingshelfer und die Spuren der Hilfsbereitschaft

Sie haben Deutschunterricht gegeben, Essen verteilt, Anträge ausgefüllt. Drei Jahre nach der großen Flüchtlingsbewegung im Spätsommer 2015 begleitet report München freiwillige Helfer bei ihrer Arbeit heute. Obwohl viele ausgestiegen sind, machen sie weiter. Doch die Jahre der Hilfsbereitschaft haben Spuren hinterlassen und manches Leben komplett verändert.

Von: Anna Klühspies, Anna Tillack

Stand: 21.08.2018

"Fast alle von uns sind umgezogen, haben eine neue Adresse, die auch im Melderegister nicht direkt zu sehen ist, sondern das ist eine geschützte Adresse, auf die nicht jeder zugreifen kann, um uns ein bisschen Sicherheit zu geben, weil wir in den letzten Monaten oder letzten Jahren zunehmend Besuch zu Hause hatten."

Diana Henniges

Diana Henniges, 41 Jahre alt, Berlin. Seit sie Flüchtlingen hilft, bekommt sie Drohungen aus der rechten Szene

Diana Henniges: „Das ist nicht so, dass wir fröhlich multikulti nebeneinanderher leben, es gibt viele Leute, die überhaupt nicht schätzen, was wir tun. Ich bin kein Charakter, der aufgibt. Ich habe so eine privilegierte Situation. Einen guten Job, eine gesunde Familie, einen schönen Wohnort. Ich habe so viele Situationen gehabt, wo ich dachte es gibt noch viel mehr, was ich tun könnte.“

Für Moabit Hilft hat sie ihren Job als Historikerin aufgegeben. Der Tagesplan heute: Ein Helferfest organisieren

Landesamt für Gesundheit und Soziales Berlin, 2015:

"Wir haben natürlich nicht mit der Eskalation dieser Dinge gerechnet. Schon gar nicht mit dieser öffentlichen Eskalation. Dass wir hier für Monate die medizinische Versorgung der Flüchtlinge übernommen haben, dass wir für mehrere 1000 Menschen am Tag gekocht haben. Ich glaube das war eine politische Bewegung, das war ein Statement. In Deutschland haben sich so viele Helferstrukturen aufgetan, weil gesagt wurde wir müssen helfen. Die Welt ist aus den Fugen! Hier eskaliert eine Sitaution und wir haben nur die Gnade unseres Geburtsortes der uns davon unterscheidet, nicht in deren Situation zu sein."

Diana Henniges

Hauptbahnhof München, 2015:

"Es war keiner darauf vorbereitet. Und wenn die Helferkreise sich nicht organisiert hätten, dann wäre wirklich Chaos gewesen. Es sind immer wieder Menschen da, die helfen, die haben das eigentlich gerettet. Weder die Politik, noch die Administration, die war gar nicht in der Lage dazu."

Nikolaus Marzahn

Nikolaus Marzahn, 64 Jahre alt, Bayern, hat früher große Banken fusioniert

Flüchtlingshelfer und die Spuren der Hilfsbereitschaft  | Bild: BR

Nikolaus Marzahn: „Es gibt ein Gesetz der großen Zahl. Wenn Sie einen Saal haben und da sind 20 Leute drin, sie haben eine Tür und da drinnen brennts, alle rennen gleichzeitig raus, und das funktioniert. Wenn der Saal voll ist mit 2000 Leuten und es brennt rennen alle gleichzeitig raus und dann müssen sie das ordnen.“

Nikolaus Marzahn: „Wir haben im Helferkreis oft Meetings gehabt, da stand ich manchmal im Gegensatz zu den anderen, die eher so emotional gehandelt haben, aus der Emotion heraus. Bei mir war immer so ein Stück weit Rationalisierung dabei, ich gehörte zu der Gruppe der Rationalen.“

Will sich aus der Flüchtlingshilfe zurückziehen. Heute: Erstes Abschiednehmen

Nikolaus Marzahn: „Man kommt zu vielen Sachen einfach überhaupt nicht mehr dazu. Wenn sie drei, vier Tage die Woche den Nachmittag weghaben. Das ist zu viel. Von dem Niveau komme ich. Da musste ich runter, das kannst du zwei Jahre machen, drei Jahre machen, was ich gemacht habe und jetzt muss ich einfach mal in den Modus kommen, wo ich auch wieder andere Dinge machen kann.“ 

Hodan: „Ich habe keine Worte zu erklären, wie Niklaus mir geholfen hat. Er ist meine Beine, ohne ihn stehe ich nicht auf."

Nikolaus Marzahn: „Die letzten zwei Wochen müssen wir so durchstehen, musst du halt wechseln zwischen den Freunden da können wir nicht viel machen… “

"Wenn man mal die Leute kennt, das ist wie ein guter Freund"

"Wenn man mal die Leute kennt, das ist wie ein guter Freund den Sie haben, da sind Sie nie ganz draußen.  Wenn der mal ein richtiges Problem hat und der ruft Sie an, was machen Sie denn da?"

Nikolaus Marzahn

"Das ist nicht nur emotional zehrend, sondern auch physisch, auch gerade mit der hohen Stundenzahl und mit der ständigen Erreichbarkeit. Dann ruft Sonntagnachts um 3 jemand an und sagt er ist plötzlich obdachlos geworden und dann sind wir da.“"

Diana Henniges

Das Kern-Team von Moabit Hilft besteht nur noch aus 15 Helfern

Diana Henniges: „Es sind viele gegangen und auch nicht nur deswegen, weil sich die Situation am rechten Rand verschärft hat. Sondern auch weil sie mürbe sind, manche wollen nicht schon wieder den nächsten Jahresurlaub hergeben. Diese „jetzt ist aber auch gut mit denen Mentalität“ hat ganz stark zugenommen im letzten Jahr, also jetzt sind mal unsere Leute dran, das kommt auch durchaus aus der Helferszene. Wir aber als Familie haben für uns entschieden, dass wir weitermachen wollen. “

report München: „Klingt so, als sei Ihr Leben ganz schön anstrengend.“

Diana Henniges: „Ja, das ist es. Aber es ist auch selbstgewählt, ist auch selbstgewählt.“

Nach langer Zeit trifft Nikolaus Marzahn heute seine Freunde wieder

Nikolaus Marzahn: „Es reißt nicht ab.“

Freund: „Alles hat seine Zeit und man darf sich nicht selbst auffressen. Weil damit ist niemandem genutzt. Man muss geben, aber man darf nicht mehr geben, als man kann. Da muss man einfach Grenzen setzen. Das ist einfach so. Glaube, das gelingt ihm auch ganz gut. Na, das ist ja schon mal was.“


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