Report München


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Einsatz für Demokratie Menschen, die für unsere Werte kämpfen

Ganz Deutschland diskutiert über die rechtsextremen Ausschreitungen in Chemnitz. report München hat Menschen begleitet, die sich schon lange für Demokratie einsetzen, für unsere demokratischen Werte kämpfen. Beispielsweise, indem sie Widerstand gegen Rechtsrockkonzerte leisten oder zum ersten Mal alleine eine Demonstration für Toleranz und Vielfalt anmelden.

Von: Anna Klühspies, Anna Tillack

Stand: 11.09.2018

Thüringen, Lagebesprechung auf einer Wiese, die sie hier Reichsacker nennen. Thomas Jakob, der rechte der beiden Herren, kommt aus der Gegend. Doch im Sommer 2017 erkennt er genau diesen Ort nicht wieder: 6000 Nazis aus ganz Europa feiern ein Rechtsrockkonzert gegen Überfremdung. Dabei wird der Hitlergruß gezeigt, man hört Sieg-Heil Rufe. In dieser Nacht ist die Gemeinde im Ausnahmezustand.

Seit hier regelmäßig Nazi-Großveranstaltungen stattfinden hat sich Thomas Jakob, eigentlich Bewährungshelfer, dem Kampf gegen Rechts verschrieben. Heute bespricht er mit der örtlichen Polizei den Ablauf der nächsten Gegenaktion.

Thomas Jakob | Bild: BR

"Die Demokratie muss verteidigt werden, so blöd wie es klingt. Natürlich ist es angenehm das Wochenende auf dem Sofa zu verbringen, aber das wird es nicht eingrenzen. Das wird das Riskio noch erhöhen, dass unsre Demokratie noch weiter ausgehöhlt wird und die Nazis noch mehr Fuß in der Region fassen. Und deswegen ist das so mein innerer Antrieb - ich kann halt momentan nicht anders."

Thomas Jakob

Die Politik scheint diesen Landstrich vergessen zu haben

Für Jakob das größte Problem: Mitstreiter zu finden, der Protest ist immer noch spärlich. Und die Politik scheint diesen Landstrich vergessen zu haben. Ein Cafe in Hamburg: Letzte Stärkung, dann wird es ernst für Jannes Vahl: Gleich macht er sich auf den Weg zur ersten Demo, die er selbst angemeldet und organisiert hat: Hamburger Stimmen für Vielfalt hat er sie genannt: Über Tausend Menschen haben bei Facebook zugesagt:

"Ich finde das großartig mit Wutbürgern zu reden, aber ich glaube mit Blick auf Chemnitz, dass das jetzt nicht mehr reicht..."

Jannes Vahl

Auf dem Gänsemarkt ist für diesen Abend die Kundgebung eines Rechtsextremen angekündigt. Vahl will dagegenhalten. Er setzt sich seit Jahren für eine gerechtere Stadt ein, sammelt Spenden, veranstaltet Konzerte. Dass er heute die Verantwortung für so viele Menschen trägt, macht ihn nervös: "So viel Polizeiaufgebot das kennt man ja nicht aus dem Alltag, aus den alltäglichen Straßenszenen – ich finde das schon ein bisschen bedrohlich."

Noch knapp eine Stunde bis es losgeht. Letzte Absprachen mit der Einsatzleitung. Es ist noch eine weitere Gegendemo angekündigt, wenn alles gut läuft, wollen sie später aufeinandertreffen und gemeinsam gegen die rechte Kundgebung protestieren:

Jannes Vahl | Bild: BR

"Also ein Erfolg wird das heute, wenn nicht schlimmes passiert – wenn wir bunte, friedliche und große Bilder sehr vieler Menschen durch Deutschland schicken können."

Jannes Vahl

Szenen wie in Chemnitz sollen um jeden Preis vermieden werden

Die Polizei ist mit einem Großaufgebot in der Stadt. Szenen wie in Chemnitz sollen um jeden Preis vermieden werden…. Zurück in Thüringen. Nur ein paar Kilometer von der Konzertwiese der Nazis entfernt liegt das idyllische 300-Seelen Dorf Kloster Veßra, eine alte romanische Klosteranlage, heute ein Freilichtmuseum. Wir sind verabredet mit der Direktorin des Museums, Dr. Uta Bretschneider. Sie wirkt aufgelöst: "Grade eben war zufällig das hier im Briefkasten, ich hab mir nichts böses dabei gedacht allerdings ist der Inhalt nicht so richtig freundlich, da steht in Kloster Vessra stinkt es nach brauner Scheiße, bitte weiträumig umfahren."

Der Grund für die aufgebrachte Fanpost ist der Nachbar des Museums, der Besitzer des Gasthofs Goldener Löwe. Tommy Frenck ist Neonazi, war in der NPD, wurde verurteilt wegen Volksverhetzung. Seit er den Gasthof gekauft hat, finden hier regelmäßig Treffen der Kameradschaftsszene in Thüringen statt. So auch vor wenigen Wochen am 25. August. Als die Behörden auf den letzten Drücker eine Neonazi-Versammlung in einem anderen kleinen Ort verbieten, bietet Frenck kurzerhand sein Grundstück als Ersatz an.

Dr. Uta Bretschneider | Bild: BR

"Es gab auch ne ganz unschöne Situation als ich dezent darauf hingewiesen habe, dass ich nicht möchte dass man im Eingangsbereich des Museums parkt, dass ich bedroht wurde von den Menschen die da aus dem Auto kamen."

Dr. Uta Bretschneider

Uta Bretschneider wendet sich an die Polizei und gibt zwei Anzeigen auf, dem thüringischen Innenminister schreibt sie einen Brief. Sie will, dass der Ort wieder seine ursprüngliche Identität zurückbekommt – er soll Besuchern Geschichte und politische Bildung vermitteln statt zur Pilgerstätte der Nazis zu verkommen.

"Es gibt dieses Museum seit fast 40 Jahren und jetzt gibt es seit vier Jahren den Gasthof Goldener Löwe in dieser Form und eigentlich darf das nicht sein, dass das die Wahrnehmung verdeckt eines positiven Ortes eigentlich."

Dr. Uta Bretschneider

Tausende demonstrieren friedlich

Zurück in Hamburg, 17:00 Uhr. Jannis Vahl, der heute seine erste Demonstration organisiert, muss den Zug in Bewegung bringen. Er trägt die Verantwortung für die knapp 2000 Menschen, die gekommen sind. Der Protestzug führt nah an den rechten Demonstranten vorbei. Immer wieder spontaner Zuspruch, auch von diesem Jungen.

"Das wichtige ist, dass du hier bist! Dass ihr alle hier seid ist wichtiger, als dass ich das gemacht hab."

Jannes Vahl

Inzwischen demonstrieren tausende friedlich am Jungfernstieg. Bei der rechten „Merkel muss weg“- Demo sind es nicht mal 200. Für Vahl sind diese Zahlen ein Erfolg:

"Ich bin aufgeregt gewesen, um 17 Uhr als ich die Menschen gesehen habe. Ich bin erleichtert dass es alles friedlich ausgegangen ist und jetzt die ganze Innenstadt voll Leute ist, die für ihre Demokratie einstehen, die sie in Deutschland immer noch haben und dass sie dafür kämpfen."

Jannes Vahl

Nach diesem Erfolg wird es sicher nicht seine letzte Demo gewesen sein. Hier am Gänsemarkt sind die Rechten morgen wieder weg. Schwieriger ist es, wenn wie hier in Kloster Vessra, bekannte Rechtsextreme vor Ort wohnen. Auf Nachfrage bekommen wir sofort ein Interview mit dem Besitzer des Gasthofes, dem Neonazi Tommy Frenck. Er spielt den Ahnungslosen.

Interview mit dem Besitzer des Gasthofes

report München: "Da gibt’s jetzt Bürger die haben uns berichtet Sie haben Heil Hitler Rufe gehört, seien bedroht oder angefasst worden. Wie passt das für Sie mit dem Verständnis von Demokratie und Grundgesetz zusammen?"

Tommy Frenck: "Also solche Vorfälle kenn ich nicht und von daher weiß ich nicht was die gehört haben wollen."

100 Kilometer weiter hat es eine Kleinstadt in Bayern geschafft, die Nazis weitgehend zu vertreiben. Jahrelang sind sie in Wunsiedel aufmarschiert, an das Grab von Rudolf Hess gepilgert und haben Angst verbreitet. Mit ihrem Protest haben die Bürger erreicht, dass das Grab schließlich aufgelöst wurde: „Wir sind froh dass es gelungen ist, dass sie keine Immobilie hier gekriegt haben, dass sie keinen Fuß reingebracht haben in Wunsiedel.“

An anderen Orten, wie hier in Thüringen, hat der Widerstand gerade erst begonnen.

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